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Wissen Riesenflugsaurier „Dracula“ in Bayern zu sehen
Nachrichten Wissen Riesenflugsaurier „Dracula“ in Bayern zu sehen
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20:15 22.03.2018
Quelle: obs
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Denkendorf

„Dracula“ hatte keine Zähne. Was er genau fraß, ist unklar. Vermutlich war er ein Räuber und schluckte alles, was in seinen einen halben Meter breiten Schlund passte. „Dracula“ ist der nach ersten Einschätzungen größte Flugsaurier der Welt. Seine Spannweite betrug mindestens zwölf Meter - fast wie ein kleines Segelflugzeug. Er lebte vor gut 66 Millionen Jahren in einer tropischen Insel- und Lagunenwelt am Meer, der Landschaft des südlichen Europas in der späten Kreidezeit. Knochen des gigantischen Urtieres und daraus konstruierte Modelle wurden am Donnerstag im Dinosaurier Museum Altmühltal in Denkendorf erstmals gezeigt.

Der Paläontologe Mátyàs Vremir hatte die Knochen von „Dracula“ in einem Steilhang bei der Kleinstadt Sebeș in Rumänien gefunden. In unwegsamem Gelände entdeckte er 2009 einen gewaltigen siebten Halswirbel von der Größe eines Esstellers. „Wir dachten erst: Es muss der Wirbel von einem Riesen-Dino sein. Bis uns anhand der Anatomie klar wurde: Es ist der Knochen eines Flugsauriers“, sagt Paläontologe und Mitbegründer des Museums, Raimund Albersdörfer, der an den Ausgrabungen teilnahm.

Weitere Skelettteile folgten: ein Handwurzelknochen, so groß wie von einem Mammut, ein Stück Unterkiefer sowie Arm- und Beinfragmente. Mit Seilen bargen die Forscher die Funde aus dem Hang - Überreste einer bisher unbekannten Spezies und nach Größe und Proportionen der gewaltigste Flugsaurier, der je ausgegraben wurde.

„Der Fund ist etwas sehr, sehr Außergewöhnliches“, sagt Gerhard Haszprunar, Generaldirektor der Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns und Professor für Systematische Zoologie an der Universität München.

Fundort macht Flugsaurier zum „Dracula“

Flugsaurier (Pterosauria: „Flügelechsen“) waren warmblütige Reptilien. Ihre Linie endete, sie sind keine Vorläufer der Vögel. Sie waren behaart, die Flügel waren nackt. Der vierte Finger war vielgliedrig und lang, er bildete die äußere Vorderkante des Flügels. Zum Laufen nutzten die Tiere die übrigen vorderen Finger. Allein die Hinterfüße hätten sie nicht getragen.

Die ersten Flugsaurier, die sich etwa vor 230 Millionen Jahren entwickelten, waren eher klein mit Spannbreiten von einem halben bis einem Meter. Im Altmühltal sind viele dieser Fossilien erhalten. Mindestens 16 Gattungen wurden dort identifiziert, sie sind um 150 Millionen Jahre alt - Riesenflugsaurier gab es noch nicht. „Die ganz großen Exemplare entwickelten sich erst zum Ende der Flugsaurierzeit, kurz vor ihrem Aussterben“, sagt Haszprunar. Vor 66 Millionen Jahren wirbelte ein Meteoriteneinschlag Staub in die Stratosphäre, es wurde kälter - Flugsaurier wie Dinos starben nach gängiger Hypothese aus.

„Dracula“ bekam den Spitznamen wegen des Fundortes in der rumänischen Region Transsilvanien. Eine wissenschaftliche Veröffentlichung und ein entsprechender Name sollen laut Albersdörfer dieses Jahr folgen. Doch noch seien Fragen zu klären - und noch werde an der Fundstelle gesucht. „Wir hoffen, dass wir noch mehr Reste finden werden.“

Ein anderer Riesenflugsaurier stammt aus der gleichen Gegend, der Hatzegopteryx. Beide lebten laut Albersdörfer auf der gleichen, etwa 200 Quadratkilometer großen Insel. „Dracula“ kam aber nach Hatzegopteryx - und war noch größer. Wahrscheinlich war er der größte Räuber auf der Insel und fraß kleinere Dinosaurier und Säugetiere.

„Wie kann so ein Riesentier tatsächlich starten und landen?“

Beide zählen zur Gruppe der Riesenflugsaurier - wie auch der in Jordanien entdeckte Arambourgiania und der Quetzalcoatlus, der im Süden des heutigen Texas an der Grenze zu Mexiko lebte. Sie alle hatten einen riesigen Schnabel, eine Spannweite um zehn Meter und wogen trotz hohler Knochen zwischen 100 und 200 Kilogramm. Quetzalcoatlus soll es womöglich auf mehr als 250 Kilogramm gebracht haben.

„Draculas“ Gewicht schätzen die Experten nun noch höher. „Wir kommen auf locker ein halbe Tonne“, sagt Albersdörfer. „Wir haben aber Gründe anzunehmen, dass er noch gar nicht ganz ausgewachsen war.“ Die Forscher vermuten, dass er nur als Jungtier fliegen konnte - und dann zu schwer wurde. Da dies ungeklärt ist, wurden für das Museum zwei „Draculas“ aus Plastik gebaut: Einer, der mit ausgebreiteten Schwingen in der Museumshalle hängt, und einer, der am Boden steht.

Ob Riesenflugsaurier aktiv fliegen konnten, ist für Haszprunar fraglich. „Wir haben uns zu fragen: Wie kann so ein Riesentier tatsächlich starten und landen?“. Der größte Vogel sei der Condor mit dreieinhalb Metern Spannweite, der schwerste die Trappe mit bis zu 20 Kilogramm. Alles, was größer ist, muss wie der Strauß gewichtsbedingt am Boden bleiben. „Es fällt mir sehr schwer zu glauben, dass es ein Tier gegeben hat, das zehn Mal so schwer war wie der Trapphahn - und trotzdem geflogen ist“, sagt Haszprunar. Bei Riesenflugsauriern sei ein Bauchlandung fast vorprogrammiert. „Das wirkliche Problem ist aber der Start. Schon Geier kommen, wenn sie richtig vollgefressen sind, kaum mehr vom Boden weg.“

„Diese großen Biester sind nicht leicht zu erklären“

Die Frage nach der Flugfähigkeit der Riesentiere beschäftigt auch andere Saurier-Experten seit langem. „Wir können es mit dem heutigen physikalisch-biologischen Wissen nicht erklären, wie sie mit dem Gewicht geflogen sein könnten“, sagt etwa Bernd Herkner, Leiter des Naturmuseums Senckenberg in Frankfurt am Main. Andererseits spreche die Verbreitung der Flugsaurier über den gesamten Erdball dafür, dass sie fliegend große Strecken und Meere überwanden. Möglicherweise waren sie auch nur in ihrer Jugend flugfähig und wurden irgendwann zu groß. Dann wiederum wären sie in der gesamten Tierwelt die einzigen nicht ausgewachsenen Jungtiere, die schon fliegen konnten. „Es kommt immer zu Widersprüchen - diese großen Biester sind nicht leicht zu erklären“, sagt Herkner. „Wenn wir nicht die Funde hätten, würden wir sagen: Diese Größe ist unmöglich.“

Wenn Flugsaurier aber nicht wenigstens segeln konnten, hätten Flügel und hohle Knochen keinen Sinn gemacht - die Urtiere geben Rätsel auf.

Von RND/dpa

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