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Wissen Rettungsmediziner: „Zu wenig Menschen trauen sich eine Reanimation zu“
Nachrichten Wissen Rettungsmediziner: „Zu wenig Menschen trauen sich eine Reanimation zu“
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16:03 22.09.2018
Die Herzdruckmassage ist kinderleicht, sagen Experten. Quelle: iStockphoto
Hannover

In Deutschland trauen sich weniger Menschen eine Wiederbelebung per Herzmassage zu als im europäischen Durchschnitt. Was sind die Gründe? Ein Gespräch mit Prof. Jan-Thorsten Gräsner, Rettungsmediziner und Koordinator des Deutschen Reanimationsregisters.

Herr Gräsner, wie steht es um die Wiederbelebung durch Laien in Deutschland?

Da ist auf jeden Fall Luft nach oben. Die Reanimationsquote liegt hierzulande bei 40 Prozent. Das heißt, in vier von zehn Fällen fängt der Laie mit Widerbelebungsmaßnahmen an, bevor der Rettungsdienst dazukommt. Der europäische Durchschnitt liegt bei 52 Prozent. In Skandinavien sind es 60 bis 80 Prozent – da sieht man, wo es hingehen kann.

Was machen die skandinavischen Länder besser?

Das Problembewusstsein ist dort besser vermittelt worden. In den skandinavischen Ländern wurde sehr früh damit angefangen, in den Schulen über Reanimation aufzuklären. Wer von Kindesbeinen gelernt hat, zu reanimieren – wie man auch Laufen und Fahrradfahren gelernt hat –, kann das Gelernte sein Leben lang wieder aufrufen.

Was wissen die Deutschen denn überhaupt über Reanimation?

Die meisten machen ihren Erste-Hilfe-Kursus im Rahmen der Führerscheinkurse. Wenn man nicht gerade Betriebshelfer an seiner Arbeitsstelle ist, dann macht man so einen Kursus in der Regel einmal und nie wieder.

Woran liegt es, dass so viele Menschen im Ernstfall nicht zur Herzmassage greifen?

Das hat mehrere Gründe. Zum einen wissen viele Menschen offenbar überhaupt nicht, dass man in so einem Fall überhaupt etwas machen kann. Und sie wissen nicht, dass es auf ihre Maßnahmen tatsächlich ankommt. Dazu kommt die Angst, im Notfall etwas verkehrt zu machen. Sie denken: Ich kann ja die Rippen brechen oder da geht etwas kaputt. Viele denken, es sei damit getan, den Rettungsdienst zu rufen – die machen das schon. Das ist in vielen Fällen ja auch so, aber nicht beim Herzstillstand. Da zählt jede Minute.

Was kann man denn falsch machen?

Nichts. Das einzige, was man verkehrt machen kann, ist nichts zu tun. Die Herzdruckmassage ist wirklich kinderleicht und kann tatsächlich auch von Kindern ab der 7. Klasse gut durchgeführt werden. Schon Zwölf- und Dreizehnjährige haben normalerweise die Kraft, um das hinzubekommen.

Wie vielen Menschen mehr könnte geholfen werden, wenn mehr Laien Hand anlegten?

Wir gehen von jährlich insgesamt 75.000 Herzstillstand-Fällen außerhalb der Kliniken aus. Derzeit werden davon 5000 Menschen erfolgreich reanimiert. Wenn die Rettungskette von A bis Z optimal greifen würde, könnten wir auf 15.000 Überlebende kommen. Das heißt, wir könnten tatsächlich unsere Überlebensrate für diese Patienten in etwa verdreifachen. Beim Herz- oder Kreislaufstillstand geht es ja um die Patienten, die klinisch tot sind und bleiben – wenn man nichts macht.

Die Wiederbelebung bei den Erste-Hilfe-Kursen der Fahrschulprüfung erscheinen haben viele ältere Erwachsenen heute als kompliziert in Erinnerung. Mit bestimmten Druckpunkten und Zyklen.

Das ist alles total einfach geworden. Sie müssen nur einen Handballen auf die Mitte des Brustbeins des Patienten legen, die andere Hand darüber, Arme durchstrecken und dann fünf bis sechs Zentimeter nach unten drücken. 100 bis 120 Mal pro Minute, und das so lange, bis der Rettungsdienst eintrifft.

Was ist mit der Beatmung?

Die Beatmung lernt man in jedem Erste-Hilfe-Kurs. Wer das kann, sollte das anwenden. Wer nicht, sollte zumindest drücken. Das ist das mindeste, bevor man gar nichts tut.

Was könnte konkret getan werden, damit mehr was machen?

Wir müssen mit Aktionen über das Thema aufklären. Und wir müssen auf jeden Fall unsere Schüler zu Ersthelfern ausbilden. Das Fach ‚Schüler retten Leben‘ muss in allen Schulen Pflicht werden. Und zwar ab der 7. Klasse zwei Stunden pro Jahr, eine aus Biologie, eine aus Sport, die für die Lebensrettung investiert wird. In einigen Bundesländern ist das schon so – aber bei Weitem noch nicht in allen.

Bereits 2014 hatte die Kultusministerkonferenz den Ländern empfohlen, das Thema auf den Lehrplan zu setzen. Warum machen das nicht alle?

Die Empfehlung gibt es noch, aber die Umsetzung ist eben in einigen Bundesländern leider noch zurückhaltend. Es wird immer noch über Fragen diskutiert wie: Wer zahlt die Puppen und die Desinfektionsmittel, wie kann man Lehrern das beibringen? Da wäre es – mit bundespolitischer Unterstützung – viel einfacher, wenn es vom jeweiligen Kultusministerium den Erlass gäbe, dass Wiederbelebungskurse in die Lehrpläne aufgenommen werden. Dann würden auch die Diskussionen darüber aufhören, wer was macht. Ich bin mir sicher, dass wir damit viele Leben mehr retten könnten.

Eine Anleitung für die Herzdruckmassage finden Sie hier.

Von Sonja Fröhlich

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