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Wissen Psychische Erkrankungen bei Kindern nehmen zu
Nachrichten Wissen Psychische Erkrankungen bei Kindern nehmen zu
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11:47 05.09.2018
Mit viel Empathie und Zuwendung lassen sich erste psychosomatische Beschwerden oft schon lindern. Quelle: Tatyana Tomsickova/iStock
Hannover

Kopfweh und Bauchweh oder Schlafstörungen – fast jedes fünfte Kind leidet heute unter einer psychosomatischen Störung. Und immer seltener können diese Mädchen und Jungen richtig behandelt werden: Kinderärzte sind überlastet, gleichzeitig mangelt es an Kinder- und Jugendpsychotherapeuten.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ) hat in einer Stellungnahme auf das drängende Problem hingewiesen: Psychosomatische Auffälligkeiten und Störungen bei Kindern und Jugendlichen nähmen zu, heißt es darin. Doch die Kinder- und Jugendärzte hätten „kaum Ressourcen, um der steigenden Zahl von Patienten mit psychosomatischen Störungen und Erkrankungen nachhaltig zu helfen“.

Hans Werner Wolf ist stellvertretender Landesverbandsvorsitzender des BVKJ Rheinland-Pfalz und betreibt eine Praxis als Kinderarzt in Mainz. Auch er hat beobachtet: „Körperliche Beschwerden ohne organische Ursache nehmen bei Kindern und Jugendlichen ganz klar zu. Es sind seelische Belastungen, die sich niederschlagen.“ Die Gründe seien vielfältig: Konflikte im Elternhaus, Krankheit oder Todesfälle in der Familie. „Druck in der Schule ist aber sicherlich die Nummer eins“, sagt Wolf. „Dadurch entsteht heute sehr häufig eine Überforderungssituation.“ Typischerweise hätten Kinder dann zum Beispiel schon morgens früh nach dem Aufstehen Bauchweh.

Ängste als Ursache für körperliche Beschwerden

Der Kinderarzt sei in der Regel die erste Anlaufstelle, auch wenn keine eindeutigen organischen Beschwerden vorliegen, sondern ein Kind vielleicht Ängste oder Schlafstörungen hat, sagt Wolf. „Einen Großteil der Patienten kennen wir von klein auf, es besteht ein Vertrauensverhältnis, deshalb kommen die Eltern mit ihren Kindern auch erst einmal zu mir.“

Er muss dann zunächst ausschließen, dass es eine organische Ursache für das Leiden gibt: „Dabei muss man mit viel Fingerspitzengefühl vorgehen, denn psychisch bedingte Gesundheitsbeschwerden sind oft mit Ängsten verbunden“, sagt Wolf. Das heißt: Wenn ein Kind zum Beispiel Schmerzen unklarer Ursache hat, kann eine umfangreiche Diagnostik das Kind oder auch die Eltern verunsichern. „Sie denken dann, es muss ja doch etwas Ernstes sein.“

Wenn er keine körperliche Ursache findet, führt der Mediziner persönliche Gespräche mit Kind und Eltern. Er versucht herauszubekommen, woher Ängste kommen, und fragt nach möglichen Problemen zu Hause oder in der Schule. „Oft kann es schon helfen, dass jemand zuhört und sie sich angenommen und bestärkt fühlen“, sagt Wolf. Viele Patienten würden sich dadurch stabilisieren.

Zusatzausbildung zur psychosomatischen Grundversorgung

Dass leichtere Fälle psychosomatischer Störungen von Kinderärzten behandelt werden, findet Wolf in Ordnung: „Wir haben da einen ganzheitlichen Ansatz zur Behandlung, und mit ausreichend Empathie kann man schon sehr oft helfen.“ Zudem hätten viele Kollegen eine Zusatzausbildung zur psychosomatischen Grundversorgung gemacht. Das Problem sei aber, dass die Behandlung bei Krankheitsbildern mit psychosomatischer Komponente deutlich arbeitsintensiver sei. Wolle man allen Patienten gerecht werden, drohe das schnell die Sprechstunde zu sprengen. Daher würden mehr Kinderärzte benötigt: Im Raum Mainz sei die Versorgung noch einigermaßen ausreichend. „Es gibt aber bereits Gegenden in Deutschland, wo Sie Probleme haben werden, einen Kinder- und Jugendarzt zu finden“, sagt Wolf.

Hinzu kommt, dass der Kinderarzt bei einigen Fällen auch nicht mehr weiterhelfen kann: „Depressionen und Verhaltensauffälligkeiten sind nicht unsere Baustelle“, sagt Wolf. Bei Kinder- und Jugendpsychotherapeuten aber gibt es monatelange Wartezeiten.

Es braucht mehr Zeit und mehr Ärzte für die Behandlung

Der BVKJ fordert daher mehr Kassenzulassungen in Gebieten mit schlechter Versorgung – und dass Kinderärzte stärker nach ihrem Arbeitsaufwand als nach festen Budgets abrechnen können. Wolf unterstützt diese Forderungen – nur so könne man den Patienten auch in Zukunft gerecht werden.

„Der Großteil der Patienten mit psychosomatischen Beschwerden wird zwar weiterhin bei uns landen, und das ist auch richtig so: Aber wir brauchen mehr Zeit und mehr Ärzte für deren Behandlung“, sagt Wolf. „Und natürlich wäre es wünschenswert, dass für diejenigen, denen wir nicht helfen können, zeitnah ein Therapeut zur Verfügung steht.“

Wo bekomme ich weitere Hilfe?

Wenn sich seelische Belastungen in Form von körperlichen Symptomen ausdrücken, spricht man von psychosomatischen Beschwerden. Als psychosomatische Erkrankungen im engeren Sinne gelten dabei Störungen, die zwar psychisch bedingt sind, aber körperliche Krankheitsbilder auslösen. Das können zum Beispiel entzündliche Darmerkrankungen, Ohrgeräusche (Tinnitus) oder Neurodermitis sein. Lassen sich keine organischen Veränderungen feststellen, spricht man von somatoformen Beschwerden. Wenn der Kinderarzt nicht mehr helfen kann, sind mögliche erste Anlaufpunkte der Berufsverband für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie in Deutschland e. V. (BKJPP) und die Bundesarbeitsgemeinschaft der Leitenden Klinikärzte für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e. V. (BAG). Beide Verbände sind über die Internetseite kinderpsychiater.org erreichbar. Dort gibt es auch zahlreiche erste Informationen und eine Praxis- und Klinikdatenbank, die aktuell allerdings aufgrund der neuen Datenschutzbestimmungen überarbeitet wird.

Von Irene Habich

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