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Wissen Noch echt? Oder emotional perfektioniert?
Nachrichten Wissen Noch echt? Oder emotional perfektioniert?
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21:02 19.07.2018
Das schlaucht: Wer sich permanent mit den eigenen Ansprüchen unter Druck setzt und immer an allen Fronten perfekt sein will, der bleibt am Ende mitunter selbst auf der Stecke. Quelle: iStock
München

Perfektion steht für Vollkommenheit, für absolute Fehlerlosigkeit. Ein Prädikat, das vor einigen Hundert bis Tausend Jahren noch den Göttern vorbehalten war. In heutiger Zeit arbeiten wir Normalsterblichen uns eben selbst am Anspruch absoluter Perfektion ab. Göttliches Aussehen gehört zum Standard. Karriere, na klar! Schon lange liefern viele 150 Prozent im Job bei verschwindender Fehlerquote. Neu ist der Anspruch an die emotionale Perfektion. Wir wollen innerhalb sämtlicher Selbstoptimierungsprozesse am besten noch nett, loyal und durchsetzungsvermögend obendrein sein. Privat wie beruflich. Klingt herausfordernd und macht vielen Psychiatern tatsächlich Sorgen. Denn bei all der Selbstoptimierung bis ins Gefühlsleben hinein stellt sich doch unweigerlich die Frage: Wo bleibt denn da das Menschelnde? Und warum tun wir uns das an?

Wie wir fühlen, hat viel mit den Normen und Verhaltensregeln zu tun, die uns von klein auf vorgelebt werden. Zwar gibt es sogenannte Basisgefühle, die bereits ein Neugeborenes mitbringt. Und diese Basisgefühle sind erst mal bei jedem Baby gleich. Wie seine Gefühle künftig jedoch bewertet werden und sich davon abhängig entfalten, hängt von äußeren Rahmenbedingungen ab. Es findet ganz unbewusst eine gesellschaftliche Gefühlsregulation statt, die sich entsprechend dem Geschlecht, der Historie und dem kulturellen Hintergrund stark unterscheiden kann. Diese Gesellschafts- und Gefühlsregeln gab es schon immer. „Neu ist, dass sich diese Regeln und Erwartungshaltungen in zunehmendem Maß an ökonomischen Prinzipien, an Prinzipien von Konkurrenz und Wettbewerb, orientieren. Das ist der beachtenswerte Punkt“, ordnet Christian von Scheve, Professor für Emotionssoziologie, den Istzustand ein. Und der hat seine Tücken.

Emotionaler Kapitalismus der Gegenwart

Hier in Deutschland bestimmt das Zeitalter der Optimierung unser Denken und Handeln. Das gilt genauso für die meisten anderen Erste-Welt-Länder. Und der Optimierungsdrang hat auch großen Einfluss auf unser Gefühlsleben. Altbewährte Traditionen spielen kaum noch eine Rolle, so von Scheve: „Das Individuum steht im Mittelpunkt der ganzen Angelegenheit. Und das führt auch zu dem Zwang, seine eigene Individualität auf eine ganz bestimmte Art zu bauen – mit hoher Anspruchshaltung.“ Angetrieben wird diese Anspruchshaltung an sich und die eigenen Gefühle wieder durch die Außenwelt. Der Soziologe Professor Sighard Neckel macht den ‚emotionalen Kapitalismus der Gegenwart‘ dafür verantwortlich, der „ganz im Zeichen einer Optimierung der Gefühle zugunsten der persönlichen Durchsetzungskraft und des Erfolges im Marktwettbewerb“ stehe. Wie wir fühlen, bestimmt also (wie Aussehen und Leistung) unseren Marktwert. In einem Artikel über die Kommerzialisierung von Gefühlen zieht Neckel ein Beispiel aus dem Berufsalltag heran: die Arbeit einer Flugbegleiterin. Sie ist grundsätzlich dazu angehalten, jeden Passagier zu beraten, zu bedienen und zu unterstützen. Egal, wie freundlich oder mürrisch der Passagier auch sein mag: Die Flugbegleiterin soll stets eine positive Atmosphäre schaffen. Damit ist sie zwangsläufig zur Kontrolle ihrer Gefühle aufgefordert – selbst wenn der verwöhnte oder gestresste Gast in Reihe 34 sie zum dritten Mal scharf angeht.

Modernes Gefühlsmanagement

Der Beruf der Flugbegleiterin ist prototypisch für unzählige Jobs, in denen Beschäftige ihre Gefühle anpassen müssen. Man bezeichnet dieses Vorgehen als modernes Gefühlsmanagement. Schon die Bezeichnung selbst verweist auf die Verquickung von Gefühlen und beruflicher Sachverständigkeit. Wer sich auf den kontrollierten Einsatz von Gefühlen in der Berufswelt versteht, der besitzt eine begehrte Schlüsselkompetenz für moderne Unternehmensführer. Denn als wichtigster Indikator für die Glaubwürdigkeit jedweden Geschäfts gelte, so Soziologe Sighard Neckel, „die möglichst ‚unverfälschte‘ Emotionalität des Dienstleistungspersonals, das mit der ‚Natürlichkeit‘ seiner Gefühle Kunden gewinnen“ soll. Gefühle sind demzufolge im wahrsten Sinne des Wortes Geld wert. Man spricht von der Ökonomisierung von Gefühlen. Was gut ist fürs Geschäft, kann aber für den Einzelnen gewaltige Nachteile mit sich bringen. Die Gefahr liege in der Entfremdung der eigenen Gefühle, erklärt Emotionssoziologe Christian von Scheve. Wer seine Gefühle regelrecht vermarktet, der verliert den Bezug.

Die Kontrolle eigener Gefühle wird zum Pflichtprogramm

Das spiegelt sich auch im Privaten wider. Menschen preisen auf Onlineportalen ihre persönlichen Qualitäten an. Gleichzeitig steht hinter dieser scheinbaren Privatsphäre eine riesige Industrie, die daraus Profit schlägt. Und selbst wenn wir die Zusammenhänge erfassen, ja sogar ironisch infrage stellen, sind wir doch Teil davon. Unser moderner Lebensstil ist geprägt durch Eigenvermarktung, Selbstoptimierung in einer hochkomplexen Welt, die ständige Performance abverlangt. Wir sind umgeben von Produktwelten, die uns ein Lebensgefühl vermitteln. Und dieses Lebensgefühl ist in erster Linie happy, relaxt und smart. Die Kontrolle eigener Gefühle wird folglich zum Pflichtprogramm, um auch der emotionalen Perfektion der Generation Happiness Genüge zu leisten. Was gegen die gesamte Entwicklung hilft? Tatsächlich der Mut zum Aussteigen, zur Entschleunigung, zu mehr Fehlertoleranz. Für Perfektionisten eine heftige Herausforderung.

Von Andrea Mayer-Halm

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