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Wissen „Man ist danach ein anderer Mensch“
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12:54 21.02.2018
Verzicht für die Gesundheit: Für viele Naturheilkundler ist Fasten eine Möglichkeit, Krankheiten vorzubeugen oder zu heilen. Quelle: epd
Ingolstadt

Die Fastenzeiten im Mittelalter müssen hart gewesen sein. Für Christen galten strenge Vorschriften: An bis zu 130 Tagen im Jahr war das Fleisch „warmblütiger Tiere“ ebenso verboten wie Eier und Milchprodukte. Inzwischen hat die Kirche ihre Regeln längst stark gelockert. Bereits seit 1966 sind für Katholiken nur noch der Aschermittwoch und der Karfreitag „gebotene Fast- und Abstinenztage“. Umso stärker schränken sich einige Menschen heute nach Vorgaben von „Fastenpäpsten“ ein, um ihrer Gesundheit etwas Gutes zu tun. „Der heutige Mensch hat auch ohne Bewegung 24 Stunden täglich Zugang zu Nahrung“, sagt Prof. Dieter Melchart, Leiter des Kompetenzzentrum für Komplementärmedizin und Naturheilkunde am Klinikum rechts der Isar in München. „Das ist eine Inbalance, die Gesundheitsrisiken mit sich bringt.“ Für viele Naturheilkundler ist Fasten eine faszinierende Möglichkeit, Krankheiten vorzubeugen oder sogar zu heilen.

Wer fastet, muss nicht hungern

Mit einer „Null-Diät“, bei der man rund um die Uhr hungert, hat Fasten nichts zu tun. „Fasten heißt nicht nichts essen“, betont Melchart. „Es ist ganz wichtig, ausreichend zu trinken und über Brühe genügend Mineralien und Vitamine zu sich zu nehmen.“ Am stärksten verbreitet ist in Deutschland das Konzept des Arztes Otto Buchinger (1878 – 1966). Er hielt das Fasten für eine Möglichkeit, den Organismus zu reinigen und Selbstheilungskräfte zu wecken. Weiterentwickelt wurde es von Hellmut Lützner, ebenfalls Arzt und Naturheilkundler, der vor allem das „Fasten für Gesunde“ propagierte. „Wenn man ambulant fastet, ist das die bewährteste Methode für Gesunde“, sagt Melchart. Die Kur besteht aus circa zwei Entlastungstagen, an denen man den Körper an kleinere Nahrungsmengen gewöhnt, fünf Fastentagen, an denen nur Tee und Gemüsebrühe erlaubt sind, sowie zwei Aufbautagen, an denen man allmählich wieder mehr isst.

Essen erlaubt: Rohkost als erster Gang steht in der Speisefolge der Klinik Dr. Otto Buchinger in Bad Pyrmont auf dem Tisch. Quelle: picture alliance

Fasten in Eigenregie

Ist es in Ordnung, auf eigene Faust zu fasten? Grundsätzlich ja. Tabu ist Fasten nur für Schwangere und Kinder. Ansonsten gilt: „Wenn man gesund ist und sich auch gesund fühlt, ist nichts dagegen einzuwenden, eine Woche in eigener Regie zu fasten“, sagt der Mediziner. „Trotzdem sollte man sich vorsichtshalber vom Arzt untersuchen lassen.“ Auch wenn alle Voraussetzung stimmen, ist es besser, angeleitet – etwa in einer Gruppe – zu fasten. Dann falle es auch leichter, Fastenkrisen zu überstehen, betont Melchart.

Viel, viel trinken

Die nächste Grundregel lautet: viel trinken. Eva Lischka, Vorsitzende der Ärztegesellschaft Heilfasten und Ernährung, sagt: „Es sollten auf jeden Fall zwei bis drei Liter pro Tag sein.“ Das ist vor allem wichtig, um den Harnsäurespiegel zu senken. Beim Fasten fällt im Körper nämlich vermehrt Harnsäure an, was – bei vorbelasteten Menschen – zu Gichtanfällen führen kann.

Melchart rät deshalb dazu, die entsprechende Menge Flüssigkeit, in Form von Wasser oder Tee, gleich morgens bereitzustellen. Überdies sollte man für den Fall, dass einem wegen einer Unterzuckerung schwummrig wird, immer etwas Honig parat haben.

Viel Flüssigkeit in Form von Wasser oder ungesüßten Tees sollte während des Fastens getrunken werden. Quelle: picture alliance

Darmreinigung zum Fastenbeginn

Daneben muss man für eine regelmäßige Darmentleerung sorgen – zu Beginn der Kur, aber auch zwischendurch. Wer vor Einläufen zurückschreckt, kann stattdessen abführendes Glaubersalz oder Bittersalz zu sich nehmen. Diese Reinigung ist wichtig, damit es im Darm während des Fastens nicht zu Gärungsprozessen kommt. Außerdem: „Wenn der Darm leer ist, hat man auch keinen Hunger mehr“, sagt Lischka, die in der Klinik Buchinger Wilhelmi in Überlingen praktiziert.

Fasten macht glücklich

In den ersten zwei, drei Tagen werden viele Fastende von Hungergefühlen gequält. Danach stellt sich oft eine Phase der Euphorie ein. Diese Erfahrung machte auch Eva Lischka, die mit ihrem Mann seit 32 Jahre regelmäßig fastet: „Das Tollste ist die Aufhellung der Stimmung!“, schwärmt sie. „Man ist danach ein anderer Mensch.“ Forscher haben festgestellt, dass im Gehirn von Fastenden vermehrt das Glückshormon Serotonin ausgeschüttet wird. Auch Melchart sagt:„Fasten hat eine psychische Komponente. Es macht etwas mit einem.“ Daher sollte man sich im Idealfall dafür Urlaub nehmen und sich Zeit gönnen.

Moderate Bewegung hält fit

Ansonsten stellt sich der Stoffwechsel während des Fastens komplett um. „Nach 24 Stunden sind die Zuckervorräte verbraucht“, sagt der Arzt. Danach greift der Körper auf Energievorräte zurück. Damit es nicht zum Muskelabbau kommt, rät Melchart zu viel Bewegung: „10.000 Schritte pro Tag sollten es sein. Davon sollte man 3.000 innerhalb einer halben Stunde zurücklegen.“ Klappt man da nicht zusammen? „Keineswegs! Die 400 bis 500 Kilokalorien pro Tag, die man auf jeden Fall zu sich nimmt, reichen dem Organismus aus“, erklärt der Experte für Naturheilverfahren.

Fasten muss nicht heißen, gar nichts zu essen. Vielmehr bedeutet eine Fastenkur den bewussten Verzicht auf bestimmte, ungesunde Nahrungsmittel. Quelle: picture alliance

Fasten – eine gute Diätmethode?

Eine Fastenwoche mag eine bereichernde Erfahrung sein - rank und schlank wird man allein dadurch noch nicht. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) sieht die Methode deshalb eher kritisch: „Zur Gewichtsabnahme ist das Fasten nicht geeignet“, sagt die DGE-Ernährungswissenschaftlerin Silke Restemeyer. „Dazu muss man seinen Lebensstil langfristig umstellen.“ Sie räumt aber ein, dass eine Fastenkur für viele Menschen einen Einstieg in eine gesündere Lebensweise bedeutet. „Dann kann es durchaus sinnvoll sein“, meint sie.

Fasten ist nicht gleich Fasten

Vom ambulanten Kurzfasten für Gesunde muss man das therapeutische Fasten abgrenzen. Es wird ärztlich begleitet und dauert in der Regel zehn bis 21 Tage. Fastenärzte sind davon überzeugt, dass die Therapie bei vielen Krankheiten und Beschwerden, allen voran bei Übergewicht, Stoffwechselstörungen, chronischen Darmerkrankungen und Gelenkschmerzen hilft. Vieles davon beruht aber bloß auf Erfahrungswerten. „Wissenschaftliche Belege gibt es dafür, dass sich eine Fastentherapie günstig auf den Fettstoffwechsel und bei einer Fettleber auswirkt“, sagt Melchart. Auch bei rheumatischen Erkrankungen kann sie Studien zufolge nachhaltig helfen.

Wer es nicht schafft, länger zu fasten, kann die Nahrungsmenge auch nur tageweise einschränken: Auch das „Intervallfasten“ ist offenbar gesund. So erkrankten dicke Mäuse, die im Rahmen einer Studie des Deutschen Instituts für Ernährungsforschung nur jeden zweiten Tag fettreiches Futter bekamen, seltener an Diabetes. Ihre Geschwister, die rund um die Uhr fressen durften, wurden dagegen resistent gegen Insulin. Fast die Hälfte wurde zuckerkrank. Ganz unabhängig von der Religion: Gelegentlich zu fasten tut offenbar gut.

Fasten – eine uralte Methode

Das Wort Fasten ist mit „fest“ verwandt und bedeutet so viel wie „an den (Fasten-)Geboten festhalten“. Der Verzicht auf Nahrung oder bestimmte Nahrungsmittel hat in allen Religionen Tradition und dient der inneren Einkehr und geistigen Reinigung. Im Alten und Neuen Testament wird das Fasten mehrfach erwähnt, unter anderem fastete und betete Jesus 40 Tage in der Wüste. Daran erinnert die vorösterliche Fastenzeit im Christentum.

Auch das Fasten zugunsten der Gesundheit kannte man bereits im Altertum. Richtig populär wurden Fastenkuren im deutschsprachigen Raum aber erst im frühen 20. Jahrhundert. Naturheilkundlich orientierte Ärzte wie Otto Buchinger und F.X. Mayr beschrieben die Wirkungen des Fastens auf zahlreiche Krankheiten und eröffneten eigene Sanatorien. In den vergangenen 40 Jahren hat sich darüber hinaus das „Fasten für Gesunde“ etabliert, für dessen Verbreitung sich u.a. der Überlinger Arzt Hellmut Lützner eingesetzt hat. Fastenkuren werden heute auch im Rahmen von Urlauben, Wanderungen oder Klosteraufenthalten angeboten.

Verschiedene Ernährungskonzepte:

- Buchinger-Methode: Die Kur beginnt mit Entlastungstagen, an denen man leichte Kost zu sich nimmt. Darauf folgen mehrere Fastentage: Außer Wasser stehen nur Tee, Gemüsebrühe oder Saft auf dem Plan. Täglich sollen dadurch nicht mehr als 500 Kilokalorien zusammenkommen. Am Ende sind mehrere Aufbautage vorgesehen, an denen die Kalorienzufuhr schrittweise gesteigert wird.

- F.X. Mayr-Kur: Das Konzept des österreichischen Arztes Dr. Franz Xaver Mayr (1875-1965) zielt vor allem auf Darmreinigung ab. In der Kernphase werden zwei Mal täglich alte Semmeln mit etwas Milch langsam gekaut, um intensives Kauen zu lernen. Außerdem wird der Darm regelmäßig entleert und der Bauch massiert, um die Darmtätigkeit anzuregen.

- Schroth-Kur: Benannt nach dem Landwirt und Naturheilkundler Johann Schroth (1798-1856). Die Ernährung besteht vor allem aus Getreidebrei, gekochtem Obst und Gemüse und trockenen Brötchen. Dabei wechseln sich „Trockentage“, an denen man wenig Flüssigkeit zu sich nimmt, mit „Trinktagen“ ab. Neben Wasser, Tee und Saft ist ursprünglich auch Wein vorgesehen. Feuchtwarme Wickel sollen die „Entgiftung“ des Körpers fördern.

- Molke-Fasten: Neben Wasser und Tee stehen rund 1,5 Liter Molke auf dem Plan, die man in kleinen Portionen über den Tag verteilt trinkt. Die Molke soll einem Muskelabbau vorbeugen und sich bei Darmbeschwerden günstig auswirken.

- Basen-Fasten: Dabei fastet man nicht im eigentlichen Sinne, sondern verzichtet mindestens eine Woche lang auf säurebildende Nahrungsmittel wie tierische Eiweiße und Getreide. Das soll den Körper entlasten und den Einstieg in eine gesündere Lebensweise erleichtern. Gegessen wird dreimal am Tag, und zwar viel frisches Obst und Gemüse, Kräuter und Nüsse. Getrunken werden 2,5 bis drei Liter Quellwasser oder verdünnter Kräutertee.

- Intervallfasten: Mehrere Tage pro Woche isst man ganz normal, schränkt sich aber an ein bis zwei Tage ein. Es gibt verschiedene Konzepte, am bekanntesten ist die Fünf- zu-Zwei-Diät: An fünf Tagen isst man wie gewohnt, an zwei Tagen nimmt man höchstens 500 bis 600 Kilokalorien zu sich.

Von Angela Stoll/RND

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