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Wissen Laufen trotz Querschnittslähmung: Exoskelette sind keine Science-Fiction mehr
Nachrichten Wissen Laufen trotz Querschnittslähmung: Exoskelette sind keine Science-Fiction mehr
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09:00 21.10.2018
Die Gehhilfen und das Gestell ermöglichen Querschnittsgelähmten durch motorisierte Hüften und Knie, aufrecht zu stehen, zu gehen, Treppen zu bewältigen – und am Cybathlon teilzunehmen. Quelle: Nicola Pitaro
Berlin

Nein, nein! Passt schon!”, ruft André van Rüschen, als er kurz aus dem Gleichgewicht kommt und Umstehende ihm zu Hilfe kommen wollen. Gekonnt fängt er sich mit den Gehhilfen ab, verlagert das Körpergewicht zurück in die Mitte, drückt einen Knopf auf seiner Armbanduhr und läuft weiter über den Rasen eines Sportstadions in Berlin. Van Rüschen ist querschnittsgelähmt.

Seit einem Autounfall im Jahr 2003 „sitzt er im Rollstuhl”, so könnte man vermuten. Vor seinem Unfall war van Rüschen Autolackier-Meister. „Ich bin eher der praktische Typ”, sagt er. Deshalb ging ihm die reine Schreibtischarbeit nach der Entlassung aus dem Krankenhaus schnell auf die Nerven.

Da kam ihm die Anzeige des Unternehmens ReWalk, die er entdeckte, gerade recht: Ein Testpilot werde gesucht, für ein sogenanntes Exoskelett, einem mit Motoren ausgestatteten Gestell, das gelähmten Menschen das Gehen ermöglicht.

Cybathlon-Team aus einem Piloten, Ingenieuren und Trainern

Wenige Wochen später fand sich van Rüschen in einem Trainingscamp in London wieder. Dort lernte er, das Exoskelett zu steuern. Heute ist er einer von 460 Menschen weltweit, die ein Exoskelett von ReWalk besitzen. Van Rüschen läuft damit täglich zwischen 20 Minuten und vier Stunden – im Garten, zum Supermarkt, „einmal sogar durchs Kornfeld, obwohl das Ding für so was gar nicht zugelassen ist”, erzählt er.

Weil er von dem Bauch abwärts weder etwas spürt noch sich bewegen kann, fühle er sich dabei, als schwebe er über den Boden. So fit ist van Rüschen in seinem Exoskelett, dass er sogar einmal beim sogenannten Cybathlon-Wettbewerb gewonnen hat. Dabei treten nicht nur einzelne Athleten gegeneinander an, sondern Teams aus einem Piloten, Ingenieuren und Trainern — wie bei der Formel 1.

Erdacht hat den Cybathlon Professor Robert Riener, Leiter des Sensory Motor Systems Lab an der ETH Zürich. „Schon lange hatte ich mir überlegt, wie man unsere Forschung besser der Gesellschaft präsentieren kann”, sagt er. Der Anstoß zur Idee sei ihm nach einem Medienbericht aus Chicago gekommen, über einen Mann, der mit einer motorisierten Knieprothese die Treppen eines Wolkenkratzers hochlief.

Zu den Kategorien beim Cybathlon gehören zum Beispiel ein Hindernisparcours mit motorisierten Beinprothesen, mit angetriebenen Exoskeletten und mit elektrischen Rollstühlen sowie ein Radrennen mit elektrischer Muskelstimulation. Quelle: Nicola Pitaro

Seit Oktober 2014 treten nun jedes Jahr Menschen mit „Assistenzsystemen” in einer Sportarena gegeneinander an. Zu den Kategorien gehören zum Beispiel ein Hindernisparcours mit motorisierten Beinprothesen, mit angetriebenen Exoskeletten und mit elektrischen Rollstühlen sowie ein Radrennen mit elektrischer Muskelstimulation.

Van Rüschen gewann seine Goldmedaille im Eislaufstadion im schweizerischen Kloten 2016. Dabei war er vor seinem Unfall nicht sonderlich sportlich, wie er selbst sagt. Erst in den Jahren danach habe er mit dem Rollstuhl-Basketball begonnen. Dann habe er ein paarmal am Rollstuhl-Marathon in Berlin teilgenommen. Das sind klassische Disziplinen der Paralympics, der bisher größten Sportveranstaltung für Menschen mit Behinderungen.

Der Cybathlon schafft dagegen eine völlig neue Art von Wettkampf. „Beim Cybathlon geht es nicht in erster Linie um körperliche Geschwindigkeit und Kraft”, sagt Professor Riener, „sondern darum, dass Menschen mit Behinderung und dem Einsatz moderner Technik Alltagsaufgaben meistern können.” Im Vergleich zu den Paralympics sei Technik also ausdrücklich erwünscht. Bei den Paralympics würde man dagegen abwertend von „Technodoping“ sprechen.

Nicht als technologische Retter aufspielen

Die Macher des Cybathlon sehen die Verbesserung der Lebensqualität Behinderter durch Technologie durchweg positiv, als erstrebenswertes Ziel. Kritik gebe es bisher kaum, sagt Riener. „Wir müssen aber auch klar sehen, dass Menschen, die mit motorischer Behinderung geboren wurden, sich oft mit ihrer Beeinträchtigung abfinden. Weil sie aus ihrer Sicht ja auch vollkommen normal ist.”

Man dürfe sich also nicht als technologische Retter aufspielen. Deshalb sollten Bestrebungen, zum Beispiel Umgebungen barrierefrei zu machen, durch die technologischen Entwicklungen nicht gehemmt werden.

Weltweit warten heute mehr als 500 Menschen mit Querschnittslähmung auf die Finanzierung für ein Exoskelett. Van Rüschen war einer von ihnen, denn lange hatte sich seine Krankenkasse geweigert, ihm die neuartige Gehhilfe zu bezahlen. Im März dieses Jahres hat das Sozialgericht Aurich seine Kasse zur Zahlung des Exoskeletts verpflichtet. Sollte das Urteil die Berufung überstehen, die die Krankenkasse eingelegt hat, wäre es richtungsweisend.

Alternative zum Rollstuhl? Sollte das Urteil, das die Krankenkasse zur Zahlung des Exoskeletts verpflichtete, die Berufung überstehen, wäre es bald mehr Menschen möglich, elektronische Gehhilfen wie diese von ReWalk in Anspruch zu nehmen. Quelle: ReWalk Robotics

Für van Rüschen ist sein Exoskelett weit mehr als nur ein Mittel, um an sportlichen Wettkämpfen teilzunehmen. „Als ich 2012 meiner Frau das erste Mal nach fast zehn Jahren gegenüberstand, da hatte sie schon Tränen in den Augen”, sagt er.

Sein Exoskelett habe ihm vor allem die durch das viele Sitzen sehr häufigen Rückenschmerzen genommen sowie eine chronische Blasenentzündung und schmerzhafte Spastiken der Beine gelindert. Die Leute gingen ihm auf der Straße jetzt auch nicht mehr aus dem Weg, weil er nicht im Rollstuhl sitze. Ein ironisches Zeichen, wie er findet, dass die Gesellschaft einen wieder als normal empfindet.

Von Christian Honey/RND

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