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Nachrichten Wissen Glückliche Scheidungskinder gibt es nicht
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08:00 18.07.2017
Die starke emotionale Verbundenheit zu beiden Elternteilen führt bei Scheidungskindern mitunter zu schweren Loyalitätskonflikten. Quelle: Fotolia
Hannover

Früher war Scheidung ein gesellschaftliches Tabu. Heute gehört sie zur Normalität. Das ist grundsätzlich erstmal ein Vorteil für Kinder, denn durch die soziale Akzeptanz fällt es leichter, die familiären Veränderungen nach außen zu tragen. Niemand wird mehr gehänselt oder schief angeschaut. Zudem: Den meisten Eltern ist bewusst, was dieser Schritt für ihre Kinder bedeutet. „Wir sehen, dass viele Eltern einen sehr achtsamen Blick auf ihre Kinder haben und versuchen, die Trennung so kinderfreundlich wie möglich zu gestalten“, sagt Katrin Normann, Leiterin der Beratungsstellen des Familiennotrufs in München.

Langzeitstudien zeigen, dass die Mehrheit der Kinder die Trennung der Eltern auch schadlos übersteht. Dennoch besteht ein Risiko, dass Wunden bleiben. „Man schätzt, dass zehn bis 15 Prozent der Kinder auch als Erwachsene noch emotionale Schwierigkeiten aufgrund der elterlichen Trennung haben“, sagt Claus Koch, Buchautor, Psychologe und Bindungsexperte vom Pädagogischen Institut Berlin. Dies passiere vor allem dann, wenn die Scheidung mit starken Differenzen verbunden ist, die Eltern zum Beispiel vor Gericht um ihr Kind streiten.

Trauer dauert bis zu zwei Jahren

Eltern sind für Kinder die wichtigsten Bezugspersonen. „Sobald Kinder auf die Welt kommen, streben sie zu einer engen wechselseitigen Beziehung zu den Eltern“, erklärt der Bindungsexperte. Die Trennung, auch wenn sie sich über längere Zeit mit Streit ankündigt, sei für Kinder – unabhängig vom Alter – immer eine Tragödie. Bis zu zwei Jahre könne es dauern, bis Kinder die neue Situation akzeptiert und die Trauer verarbeitet haben. Je nach Alter und Entwicklungsstand unterscheiden sich die Reaktionen. Jüngere Kinder leiden vor allem unter Verlustängsten. Viele suchen die Schuld auch bei sich, fragen sich zum Beispiel, ob sie durch falsches Verhalten für die Probleme der Eltern gesorgt haben.

Die belastenden Gefühle würden dabei oft nur im Stillen rumoren, sagt Koch: „Jüngere Kinder lassen sich ihre emotionale Belastung häufig nicht anmerken, weil sie die Eltern nicht noch zusätzlich belasten möchten.“ Dieses starke Loyalitätsempfinden lasse bei älteren Kindern ab elf Jahren langsam nach. „Sie äußeren ihren Unmut über die Trennung dann schon eher mit Ablehnung, Rückzug oder auch Aggression.“ Allen Kindern gemeinsam sei, dass die Trennung der Eltern für einen Knick im Urvertrauen sorge – denn etwas, das absolut sicher schien, zerbricht. „Viele Kinder fragen sich nun auch, ob sie selbst überhaupt noch wertvoll für die Eltern sind.“

Ohnmachtsgefühle und Verlustängste

Für ältere Kinder ist die Trennung oft keine Überraschung, sie haben die Spannungen schon bewusst wahrgenommen. Für jüngere Kinder kommt der Bruch jedoch in der Regel sehr plötzlich. „Dadurch können starke Ohnmachtsgefühle und Verlustängste entstehen“, sagt Koch. Viele Kinder leiden nun unter der Frage: Wenn Mama und Papa auseinandergehen, bin ich dann irgendwann auch allein? Eltern können ihre Kinder nicht vor diesen Gefühlen bewahren, aber sie können vieles dafür tun, damit die Wunden heilen.

„Sicherheit und Stabilität zu vermitteln, ist einer der wichtigsten Grundsätze einer Trennung“, sagt Katrin Normann und rät dazu, dem Kind genau zu erklären, das Mama und Papa immer dableiben, auch wenn sie nicht mehr zusammen leben möchten. Eine große Erleichterung sei – sofern es möglich ist – die Vermeidung von weiteren Veränderungen für das Kind, zum Beispiel einem Umzug. „Im Idealfall sollte es in seinem gewohnten Lebensumfeld bleiben dürfen“, rät Normann. Das Kinderzimmer, die Freunde in Kindergarten oder Schule, die Hobbys und zum Beispiel der regelmäßige Kontakt zu Oma und Opa helfen, Gefühle von Unsicherheit zu reduzieren.

Niemals schlecht über den Partner sprechen

Wenn beide Eltern das Sorgerecht ausüben wollen, ist das Wechselmodell, bei dem Kinder mal bei dem einen und mal bei dem anderen Elternteil wohnen, eine gute Alternative. „Die Erfahrung zeigt aber, dass dieses Modell für die Kinder nur dann wirklich gut gelingt, wenn sich Eltern trotz Trennung in ihrer Fürsorge für das Kind weiterhin gut verstehen“, schränkt Claus Koch ein.

Ein weiterer Grundsatz sei, niemals schlecht über den Partner zu sprechen, auch wenn die Verletzungen tief sitzen. Die starke emotionale Verbundenheit zu beiden Elternteilen führe beim Kind nicht nur zu schweren Loyalitätskonflikten. „Durch die Abwertung eines Elternteils fühlen sich die Kinder auch selbst in ihrer Person abgewertet, denn sie begreifen sich als Teil ihrer Eltern“, erklärt Koch. Viele Eltern hätten zudem selbst mit starken Schuldgefühlen zu kämpfen, weil sie die Trennung und die damit verbundene Trauer beim Kind nicht vermeiden konnten. Um das Kind zu stärken, sei es aber wichtig, diese Schuldgefühle abzubauen und positiv in die Zukunft zu blicken, denn Eltern können nur trösten und Anteil nehmen, wenn sie sich nicht selbst zerreiben.

Im Zweifel hilft professionelle Unterstützung

Die Gefühle des Kindes anzunehmen, sei – wenn dadurch eigene Schuldgefühle wieder aufkochen – nicht immer leicht, gehöre aber zur Begleitung dazu: „Eltern müssen aushalten, dass es ihrem Kind eine zeitlang nicht gut geht und mit Trost, Geduld und Zuversicht zur Seite stehen“, rät Normann. Nach und nach würden sich dann die Wogen glätten und die neue Lebenssituation Akzeptanz finden. „Kinder müssen auch erstmal begreifen, dass sich bestimmte Dinge im Leben nicht ändern lassen, es aber trotzdem gut weitergehen kann.“

Bei Paaren, die aufgrund der Trennung in starke Auseinandersetzungen geraten, sei – im Sinne des Kindes – immer eine professionelle Unterstützung ratsam, zum Beispiel durch eine Mediation oder ein Coaching. „Oft reichen schon wenige Termine, um die Situation deutlich zu verbessern“, weiß Normann. Der Familiennotruf München bietet dafür deutschlandweit das psychoeduktive Programm „Kind im Blick“ an. An sieben Abenden lernen Elternteile in der Gruppe mit anderen Elternteilen, wie eine Trennung möglichst kinderfreundlich gelingen kann.

Von Bettina Levecke/RND

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