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Wissen Darum hilft Zittern gegen Stress und Angst
Nachrichten Wissen Darum hilft Zittern gegen Stress und Angst
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06:00 22.10.2018
Vor dem Zittern: Unser Autor Julius Heinrichs wagt mit Bewusstseinstrainerin Beata Korioth den Selbstversuch. Seine anfängliche Skepsis weicht einige Zitterpartien später echter Überzeugung. Quelle: Agnieszka Krus
Hannover

Das Gesicht der Frau teilt sich in zwei Emotionen. 50 Prozent Besorgnis, 50 Prozent Neugier. „Brauchen Sie Hilfe?“, fragt sie vorsichtig. Wir sitzen zusammen in der Münchner U 4 Richtung Arabellapark. „Nein, danke, muss so sein“, sage ich ebenso vorsichtig, halb zu der Frau, halb zu mir selbst – damit ich selbst es mir glaube.

Meine Beine schlackern, als säße ich auf einer Starkstromleitung, der Oberkörper ist nur wenig ruhiger. Für Außenstehende muss das reichlich blöd aussehen. „Ich lasse das jetzt zu“, sage ich selbstbewusst, als erzählte ich eine Geschichte, die nicht die meine ist. „Ich zittere jetzt. Soll gut sein.“ Die Frau nickt, als habe sie verstanden, obwohl sie nichts versteht. Immerhin ist die Besorgnis aus ihrem Gesicht gewichen.

Seit fast zwei Wochen zittere ich, wenn es gerade passt und wenn mein Körper es will. Grund dafür ist mein Treffen mit Bewusstseinstrainerin Beata Korioth, die gerade ein Buch über Stress geschrieben hat, wie so viele. Und wie so viele will auch sie ein Mittel dagegen entdeckt haben: neurogenes Zittern.

Körperliche Spuren von traumatischen Erlebnissen beseitigen

Eine Idee, die sich Korioth von Traumatherapeut David Berceli borgte. Er lässt Traumatisierte zittern, um ihre Körper so von inneren Blockaden zu befreien. Die Idee: Jedes körperlich einschneidende Erlebnis wie ein Unfall beispielsweise, die Geburt eines Kindes oder eine Misshandlung hinterlässt körperliche Spuren. Neurogenes Zittern soll diese Spuren ausschlackern. Nicht chronologisch, sondern Schicht für Schicht. „Dabei lenkt der Körper das Zittern genau dahin, wo er es will“, sagt Korioth. „Manche beginnen hysterisch zu lachen, andere treten sogar aus oder wälzen sich auf eine Seite.“

Wenn dieses Verfahren bei extremen Traumata funktioniert, warum dann nicht auch im Alltag – etwa bei emotionalen Traumata wie dem Ende einer Beziehung oder dem Tod eines Freundes? Korioth testete das Zittern in Coachings und Therapiestunden. „Die Ergebnisse waren unglaublich“, sagt sie. „Diese Methode muss raus aus der Trauma-Ecke.“ Den letzten Teil dieses Satzes spricht sie mit Ausrufezeichen hinter jedem Wort: „Muss! Raus! Aus! Der! Trauma-Ecke!“ Der Körper liefere auf jede Schreck- oder Angstsituation eine körperliche Zitterentspannungsantwort. Tiere ließen diese zu, kleine Kinder ebenso. Erwachsene hingegen hätten gelernt, dass sich Zittern nicht ziemt. Nur in extremen Situationen, nach unmittelbarer Gefahr etwa, sei der Zitterimpuls so stark, dass seine Unterdrückung unmöglich werde. „Dabei wäre viel gewonnen, würden wir das Zittern wieder zulassen“, sagt Korioth.

Durch neurogenes Zittern Angst entladen

Wir liegen auf Yogamatten, als wir das gemeinsam versuchen. Bis dahin halte ich Korioth für mittelstark verrückt, wenngleich sie auch alles andere wirkt als verrückt. Überlegenheit, Intelligenz und Charisma beschreiben die Autorin deutlich treffender. Jedenfalls: Um das Zittern einzuleiten, absolvieren wir eine Übung, die den Psoas-Muskel, den Kampf- und Fluchtmuskel des Menschen, anregt. Ist der Mechanismus dahinter einmal verinnerlicht, kann das Zittern danach beliebig abgerufen werden. So verharrt der Körper auch nach der Übung schlackernd – solange man es zulässt. Es beginnt in den Beinen, danach breitet es sich immer weiter aus. Das Zittern wandert in den Bauch, die Arme hoch, in die Finger runter. Unheimlich fühlt sich das an. „Wollen Sie mal sehen, wie das bei mir aussieht?“, fragt Korioth. Dann legt sie sich hin und beginnt augenblicklich sich hin- und herzuwerfen, als kämpfe sie gegen unsichtbare Geister. So stark ist das Zittern, dass es unecht wirkt. Zumindest anfangs. Denn je öfter ich im Anschluss zittere, desto stärker werden die Entladungen auch bei mir.

Was sich da entlädt? Korioth sagt, da sei viel Angst drin, in dieser Entladung. Angst ist Korioths großes Thema. Stress, sagt sie beispielsweise, gebe es schlicht nicht. Stattdessen sei Stress eigentlich nichts anderes als Angst; die Angst vor dem eigenen Versagen, vor ungewollten Konsequenzen oder wovor auch immer. Diese Angst könne man umwandeln. In ihrem Buch„Goodbye Stress. Halte die Welt an, atme und finde zurück in deine Kraft“ stellt die Bewusstseinstrainerin dazu Methoden vor, die auf drei Ebenen ansetzen: Gedanken, Emotionen und Körper. In letztere gehört die Zitter-Methode. Sie entwickelte sich für Korioth zur Mission: „Ich will das Zittern in Deutschland bekannt machen. Die Leute müssen wissen, dass es das gibt“, sagt sie im Interview. Nach Größenwahnsinn im Anfangsstadium klingt das. Und doch: Je länger unser Treffen nun Teil der Vergangenheit ist, je länger und je häufiger ich zittere, desto mehr hoffe ich, dass es ihr gelingt. Denn wann immer ich zittere, entlädt sich etwas, von dem ich bis dato nicht wusste, dass es überhaupt entladbar ist. Das anschließende Gefühl ist freier und leichter. Das klingt zugegebenermaßen verrückt, ist es aber nicht. Es sieht nur so aus. Also probieren Sie es aus. Und sagen Sie es weiter, wenn es klappt. Bis ganz Deutschland davon weiß.

Beata Korioth: „Goodbye Stress. Halte die Welt an, atme und finde zurück in deine Kraft“. arkana Verlag, 208 Seiten, 16 Euro.

Von Julius Heinrichs

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