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Nachrichten Wirtschaft Was wollen die Tschechen mit Mehrum?
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00:18 01.10.2017
Von Jens Heitmann
Wie lange das Kohlekraftwerk Mehrum (Kreis Peine) noch laufen wird, ist offen. Quelle: Julian Stratenschulte
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Hannover

Irgendwer ist immer unzufrieden. Seit die Stadtwerke Hannover endlich einen Abnehmer für ihr Kohlekraftwerk in Mehrum gefunden haben, gibt es viele glückliche Gesichter - im Vorstand von Enercity, bei den 120 Mitarbeitern und natürlich bei den Erwerbern. Nur die Grünen im Rat der Region Hannover mögen sich nicht mitfreuen: „Solange das Kohlekraftwerk läuft, schädigt es das Klima“, erklärt deren Fraktionsvorsitzede Brigitte Nieße. „Der Verkauf an die tschechische EPH verlängert die Laufzeit eher noch.“

Das Kürzel EPH steht für „Energeticky a prumyslovy Holding“ - in nur wenigen Jahren ist der einstige Regionalversorger aus Tschechien zum siebtgrößten Stromproduzenten in Europa aufgestiegen. Derzeit umfasst die Holding fast 50 Gesellschaften quer durch Europa, von der Kohleförderung über die Stromproduktion bis hin zu Wärmelieferungen. Die 25 000 Mitarbeiter haben im vergangenen Jahr einen Umsatz von 4,9 Milliarden Euro erwirtschaftet, der Gewinn betrug 800 Millionen Euro.

Schon wegen des rasanten Wachstums wird EPH in der Branche skeptisch beäugt - hinzu kommen die Rochaden hinter den Kulissen des Konglomerats. Treibende Kraft ist Großaktionär und Vorstandschef Daniel Kretinsky: Der heute 42-Jährige Jurist hat nach einer Blitzkarriere bei einem Finanzinvestor 2009 die EPH mitbegründet und letzten Herbst seine Partner herausgekauft: Seither gehören ihm 94 Prozent der Holding-Anteile. Er gilt als Fußball-Fan, Liebhaber italienischer Luxus-Karossen - und als einer der reichsten Tschechen.

EPH kauft europaweit Tagebaue und Kraftwerke

Mehr noch als an der schillernden Figur an der Spitze des Konzerns stoßen sich Branchenkenner an der Strategie: Während allerorten der Widerstand gegen die Kohle und deren Verstromung wächst, kauft EPH europaweit Tagebaue und Kraftwerke. Die Übernahme der Braunkohle-Aktivitäten der Mibrag in Sachsen und Sachsen-Anhalt und der Kauf der Vattenfall-Meiler in der Lausitz hat die Tschechen auch zu einer Größe auf dem deutschen Markt gemacht - in Niedersachsen bekamen sie den Zuschlag für die Abwicklung des Helmstedter Braunkohlereviers.

Mit diesen Investitionen spekuliert EPH offenbar auf ein Misslingen der Energiewende in Deutschland und im übrigen Europa: Wegen des Booms bei erneuerbaren Energien schrieben konventionelle Kraftwerke aktuell oft rote Zahlen, erklärt der Konzern. Sollten deshalb viele Meiler vom Netz genommen werden, steige das Risiko für Engpässe in der Versorgung. „Unserer Meinung nach kann diese Situation (...) zu einer Revision der Marktregeln führen“, heißt es im Geschäftsbericht. „EPH möchte auf die Transformation vorbereitet sein und sie mit allen Mitteln unterstützen.“ Mit anderen Worten: Sollte die Politik aus Sorge vor einem Blackout den Betreibern konventioneller Kraftwerke eines Tages höhere Einnahmen garantieren, wären die Tschechen einer der größten Profiteure.

Noch glaubt an ein solches Szenario in der Branche kaum jemand. Zwar hält man auch bei Enercity eine Erholung der Strompreise im Großhandel für möglich, wenn sich die Reihen der alten Meiler lichten - das werde aber frühestens ab 2025 der Fall sein, verlautet aus dem Unternehmen. Bis dahin aber würde Mehrum rote Zahlen schreiben - die möglichen Gewinne in späteren Jahren könnten die bis dahin auflaufenden Verluste nicht aufwiegen. Deshalb schenken die Stadtwerke den Tschechen das Kraftwerk - und legen noch die symbolische Summe von 6 Euro obendrauf.

Enercity hilft im Notfall

Für den Fall, dass sich EPH verspekuliert und an Mehrum die Lust verliert, haben die Stadtwerke die Beschäftigten im Kraftwerk abgesichert. Die Tschechen hätten sich verpflichtet, den Meiler mindestens bis ins übernächste Jahr hinein zu betreiben, heißt es. Lassen sie ihn deutlich länger am Netz und sorgen später auch für den Abriss, sei Enercity bereit, das Grundstück „zu einem eigentlich überhöhten Preis“ zurückzukaufen, wie es Unternehmenskreisen heißt.

Sollte EPH früher die Lust an Mehrum verlieren, müssen die Stadtwerke bis 2027 einen Teil der Mitarbeiter übernehmen. Wer noch keine zwei Jahre im Kraftwerk beschäftigt sei, bekomme eine Abfindung, heißt es. Andere könnten gegebenenfalls (vorzeitig) in Rente gehen. „Dieser Sozialplan nimmt in der deutschen Energiewirtschaft einen Spitzenplatz ein“, sagt ein Arbeitnehmervertreter.

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