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Wirtschaft Fahren die Lkw bald noch dichter auf?
Nachrichten Wirtschaft Fahren die Lkw bald noch dichter auf?
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00:17 23.09.2018
Thomas Dieckmann, Leiter Vorentwicklung beim Autozulieferer Wabco. Quelle: Tim Schaarschmidt
Hannover

Die Logistikbranche steht vor großen Veränderungen. Im Interview erklärt Thomas Dieckmann, der Leiter Vorentwicklung beim Autozulieferer Wabco, auf was sich Spediteure, Lkw-Fahrer und Stadtplaner einstellen müssen.

Die Transportbranche steht vor einem Umbruch: Machen Flugtaxis und Drohnen die Nutzfahrzeuge bald überflüssig, Herr Dieckmann?

Ganz so schnell wird es sicher nicht gehen. Die Lkw auf den Autobahnen bleiben auch 2025 und danach noch ein vertrauter Anblick – aber die Fahrer müssen vielleicht nicht mehr ständig auf den Verkehr achten. Die Startpunkte der Automatisierung aber liegen woanders: auf den Betriebshöfen und Busdepots.

Also dort, wo es vergleichsweise gemächlich und geordnet zugeht?

Richtig: Die Automatisierung beginnt mit Schrittgeschwindigkeit und nicht in der Fußgängerzone, sondern auf einem abgeschirmten Gelände. Das könnte etwa so aussehen, dass ein Fahrer den Hof der Spedition erreicht und aussteigt. Der Lkw stellt dann seinen Auflieger selbstständig ab, sattelt einen neuen Trailer auf, fährt noch bei der Tankstelle vorbei, und am Ausgang steigt der Fahrer wieder zu. Busse könnten automatisiert in die Waschanlage oder an die Ladestation fahren.

Der Fahrer kann also Pause machen und später länger hinter dem Steuer sitzen, weil seine Lenkzeit unterbrochen war. Sind solche „Auszeiten“ auch außerhalb der Betriebshöfe denkbar – auf Autobahnen beispielsweise?

Auch eine Autobahn ist noch ein vereinfachter Verkehrsraum: Es gibt keine Fußgängerüberwege, keine Ampeln, keine kreuzenden Fahrzeuge. Allerdings muss man hier sehr genau definieren, was Automatisierung bedeuten soll. Es wird noch sehr lange dauern, bis ein Lkw von A nach B fährt, ohne dass der Fahrer etwas tun muss.

Wirklich? In den USA sollen Fahrer schon von 2022 an auf gut markierten Autobahnabschnitten ohne Baustellen Lenkzeitpausen einlegen können, während ihr Lkw selbst fährt.

Das gilt für Tempo 80 – und der Fahrer muss auf Spurwechsel verzichten. Schon heute ist es möglich, stundenlang zwischen markierten Linien geradeaus zu fahren – aber was ist, wenn plötzlich die Fahrbahnmarkierung aufhört, wenn man sich vor Baustellen im Reißverschlussverfahren einordnen muss? Es wird noch eine Weile dauern, bis die Fahrer dauerhaft die Hände vom Lenkrad nehmen können.

Bei manchen Newcomern auf dem Markt sieht das spielerischer aus: Smartphone hinter die Scheibe geklemmt – und los geht’s.

Nur die Halterung darf dann nicht vibrieren – nein, im Ernst: Worum geht es hier wirklich? Wir müssen die Sicherheitssysteme so auslegen, dass sie auf jede denkbare Situation angemessen reagieren. Künstliche Intelligenz heißt heute: Man trainiert ein System, indem man Regeln diktiert: Fahre keine Ampel um und remple kein parkendes Auto! Die Fahrer müssen darauf hoffen, dass die Entwickler einen guten Datensatz gewählt haben. Wenn darin kein gelbes Auto vorkommt, der Lkw dann aber auf ein solches trifft, hätte man ein Problem ...

Alle Prognosen deuten darauf hin, dass der Güterverkehr weiter wächst. Wo soll der angesichts der verstopften Straßen noch hin?

Im Dauerstau reguliert sich das Wachstum irgendwann natürlich von selbst – aber Spaß beiseite: Genau das wollen wir natürlich verhindern. Eine Möglichkeit sind bessere Systeme zum Management der Lkw-Flotte: Wir müssen Leerfahrten minimieren und die Auslastung optimieren. Darüber hinaus arbeiten wir daran, die Fahrzeuge mit einer Art elektronischer Deichsel zu koppeln. Bei diesem sogenannten Platooning könnten sie mit verringerten Abständen fahren.

Viel enger hintereinander als heute können Lkw doch kaum unterwegs sein ...

In der Tat: Viele fahren so, als ob es diese Deichsel bereits gäbe. Wir müssen aber technische Lösungen finden, die kürzere Abstände sicher machen. Heute sind eigentlich 50 Meter nötig – in so eine Lücke passen etwa drei Lkw. Bei Wabco entwickeln wir einen Prototyp, der einen Abstand von 20 Metern ermöglicht. An einem gemeinsamen europäischen Forschungsprojekt sind zum Glück alle sechs großen Lkw-Hersteller beteiligt. Damit steigen die Chancen auf einen gemeinsamen Standard.

Auf der Autobahn wird also der Konvoi zum Standard – das kann im Stadtverkehr nicht funktionieren.

In den Städten wird eine neue Fahrzeugklasse entstehen: kleine elektrische Kuben – also quaderförmige Vehikel mit maximalem Nutzraum, die nicht nur Pizzas und Pakete an die Haustür bringen, sondern auch Kinder in die Schule oder Kranke zum Arzt. Sie orientieren sich über Kameras und Lidar-Scanner und sind mit einer Zentrale verbunden, die im Zweifel per Fernsteuerung eingreifen kann.

Entlastet das die Straßen, wenn nicht mehr jeder selbst fahren muss?

Auf die Stadtplaner dürfte eher eine böse Überraschung zukommen: Die Kuben werden eher zu mehr als zu weniger Verkehr führen. Es werden vielleicht weniger Parkplätze benötigt, wenn diese Fahrzeuge ständig unterwegs sind – dafür steigt aber der Anteil der Leerfahrten. Hinzu kommt: Künftig werden auch Personengruppen diese günstigen Verkehrsmittel nutzen, die bislang kein Auto fahren.

Von Jens Heitmann

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