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Siegel-Flut überfordert Bauern und Verbraucher

Tierhaltung Siegel-Flut überfordert Bauern und Verbraucher

Mehrere neue Tierschutz-Label stehen in den Startlöchern. Doch Experten sehen vor allem Nachteile: Verbraucher könnten in die Irre geführt werden, und für die Bauern lohne sich nicht jedes Siegel.

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Ein Greenpeace-Aktivist steht am 19.01.2018 während der 83. Internationalen Grünen Woche in Berlin mit einem Transparent mit der Aufschrift "Lasst die Sau raus!" vor dem Eingang der Messe. Foto: Gregor Fischer/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++

Quelle: dpa

Hannover/Berlin.  Die Politik und die Ernährungsindustrie wollen die Bedingungen in der Tierhaltung mit neuen Siegeln verbessern. Auf der Grünen Woche in Berlin werben unter anderem die Bundesregierung, die „Initiative Tierwohl“ sowie einzelne Supermarktketten für ihre freiwilligen Kennzeichnungen. Experten warnen allerdings vor den Nachteilen einer „Siegel-Flut“. Verbraucher könnten in die Irre geführt werden, Landwirte aus Angst vor Fehlentscheidungen ihre Investitionen vertagen.

Bundesagrarminister Christian Schmidt (CSU) strebt die Einführung eines neu entwickelten „staatlichen Tierwohllabels“ für die zweite Jahreshälfte an. „Sobald die neue Regierung steht, können wir unmittelbar mit den nötigen Rechtssetzungsmaßnahmen beginnen“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Beginnen werde man mit Schweinefleisch. Die Bundesregierung hat die Kriterien für das Siegel allerdings noch nicht veröffentlicht.

Gleichzeitig kündigte die private „Initiative Tierwohl“ ein neues Siegel an. Von April an sollen Verbraucher in den meisten Supermärkten damit gekennzeichnetes Geflügelfleisch finden. In der Initiative kooperieren Händler wie Rewe, Aldi, Lidl und Edeka mit Betrieben der Fleisch- und Landwirtschaft.

Die Initiative ist schon seit 2015 aktiv. Bislang wird das Fleisch allerdings nicht gekennzeichnet. Stattdessen zahlen die Supermarktketten pauschal in einen Fonds ein. Teilnehmende Landwirte erhalten daraus Vergütungen, wenn sie Tierschutz-Kriterien erfüllen. Sie müssen zum Beispiel 10 Prozent mehr Platz im Stall schaffen als gesetzlich vorgeschrieben.

Außerdem finden ab sofort Kunden von Aldi Nord und Aldi Süd in allen Filialen Milch mit einem Label des Deutschen Tierschutzbundes, wie die beiden Discounter am Freitag mitteilten. Laut den Verbraucherzentralen bietet das Siegel zwar „deutlich mehr“ Schutz als der gesetzliche Mindeststandard, „aber noch kein sehr hohes Tierschutzniveau“.

Foodwatch will Gesetze statt Labels

Die Verbraucherorganisation Foodwatch kritisierte auf der Grünen Woche die bisherigen Tierschutz-Ansätze als unzureichend und irreführend für die Verbraucher. Die Maßnahmen der privaten Initiative Tierwohl seien „vorwiegend kosmetisch“. Das geplante staatliche Siegel könne maximal 20 Prozent des Marktes abdecken.

Foodwatch forderte die Bundesregierung auf, die gesetzlichen Mindeststandards zu verbessern, anstatt ein freiwilliges Siegel einzuführen. Sie habe den „verfassungsmäßigen Auftrag, nicht nur für einige, sondern für alle Nutztiere tiergerechte Bedingungen durchzusetzen“.

Auch Bauernvertreter halten die Vielzahl freiwilliger Kennzeichnungen nicht für hilfreich. „Mehr Klarheit und eine straffere Organisation wären sinnvoll“, sagte Gabi von der Brelie, Sprecherin des niedersächsischen Landvolks. Die „Initiative Tierwohl“ unterstütze man allerdings stark. Sie mache den Landwirten „das seriöseste Angebot“.

Die Umstellung auf anspruchsvollere Tierschutz-Siegel lohne sich hingegen nicht immer, da diese oft nur sehr kleine Marktnischen bedienen oder sich gar nicht durchsetzten, erklärte von der Brelie. „Für Landwirte ist es bitter, wenn sie umstellen und investieren, aber das Geld nicht wieder hereinbekommen“.

Agrarminister Schmidt kritisierte wiederum die privaten Siegel. „Wenn jeder mit jeweils anderen Standards sein eigenes Label macht – wer soll da noch durchblicken?“, sagte er. 

Von Christian Wölbert

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