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Wirtschaft „Die Rente ist besser als ihr Ruf“
Nachrichten Wirtschaft „Die Rente ist besser als ihr Ruf“
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19:00 22.11.2017
92 Prozent der unter 30-Jährigen in Deutschland verbinden mit Verantwortung im Privatleben auch finanzielle Vorsorge. Quelle: iStock
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Hannover

Rentner scheint es nur in zwei Formen zu geben: In der Werbung begegnen sie uns als „Silver Surfer“, die teure Pullover tragen und den ganzen Tag mit ihren Enkeln Drachen steigen lassen. In vielen wissenschaftlichen Untersuchungen dagegen laufen sie als abgerissene Gestalten herum, denen massenhafte Armut droht.

Die Wahrheit liegt meist dazwischen, aber wo man sich selbst eines Tages einsortieren wird, hängt mehr denn je von rechtzeitiger Planung ab. Denn unstrittig ist, dass die nächste Generation durch die gesetzliche Rente nicht so gut versorgt sein wird wie die aktuellen Rentner. Im sogenannten Umlagesystem übernimmt die gerade arbeitende Generation die Versorgung der Rentner, und hier schlagen Babyboom und Pillenknick voll durch: Heute stehen 100 Berufstätigen 44 Rentner gegenüber. Im Jahr 2050 könnten es 78 Ruheständler sein. Damit die Beiträge für die Rentenversicherung dann nicht ins Astronomische steigen, wird das Rentenniveau sinken.

Knapp die Hälfte hat sich um die private Altersvorsorge schon Gedanken gemacht. Quelle: RND-Grafik; Quelle: Yougov

Sparen für ein bisschen Luxus

Für einen Abgesang auf das Rentensystem sieht der Wirtschaftsprofessor Bernd Raffelhüschen dennoch keinen Anlass. „Unsere Rente ist viel besser als ihr Ruf“, sagt er. „Sie ist leistungsgerecht und nachhaltig.“ Allerdings meint der 60-jährige Professor nicht die staatliche Rente allein. Raffelhüschen ist seit eh und je Verfechter der privaten Zusatzversorgung. „Die gesetzliche Rente bleibt über das Jahr 2030 die tragende Säule der Altersvorsorge – aber erst die private Vorsorge sichert den Lebensstandard.“

Aber wie viel Geld wird man dafür eigentlich eines Tages brauchen? In Umfragen hoffen die Befragten meist auf 60 bis 80 Prozent ihres Bruttoeinkommens, um den Lebensstandard auch als Rentner halten zu können. Raffelhüschen rechnet mit 60 Prozent, was die über 50-Jährigen nach seiner Studie größtenteils erreichen werden. Die Jüngeren müssen dagegen Lücken von einigen Hundert Euro im Monat schließen. Das gilt erst recht für Geringverdiener. Sie erreichen zwar eine relativ hohe Quote – aber wem hilft es, wenn 70 Prozent des früheren Gehalts keine 700 Euro sind?

Rechtzeitig Gedanken machen

Schon jetzt gilt als sicher, dass sich die Zahl der Rentner, die von der Grundsicherung leben müssen, in den nächsten Jahren verdoppeln wird – weil viele Menschen zu wenig verdienen oder zu oft arbeitslos sind, um genug Geld in die Rentenkasse einzahlen zu können. Daran ändern auch die Gesetzesänderungen der vergangenen Jahre wenig. Von der Rente mit 63 profitiert nur, wer mit 45 Beitragsjahren ohnehin gut abgesichert ist – abgesehen davon, dass in aktuellen Koalitionsgesprächen schon Forderungen nach ihrer Abschaffung laut wurden.

Es hilft also nichts: Wer im letzten Viertel des Lebens nicht jeden Cent dreimal umdrehen will, muss sich rechtzeitig Gedanken machen. Dazu gehört das private Sparen durch Investmentfonds – das geht auch mit regelmäßigen kleinen Beträgen oder durch den Kauf einer Immobilie.

Auf die gesetzliche Altersvorsorge baut noch die Mehrheit der Befragten. Quelle: RND-Grafik; Quelle: Yougov

Daneben gibt es zwei staatlich geförderte Wege der Altersvorsorge: Die betriebliche Altersvorsorge wurde gerade verbessert, ist aber in den östlichen Bundesländern bei weitem noch nicht so verbreitet wie im Westen. Für alle dagegen gibt es die Riester-Rente, wo Geld in Sparpläne, Rentenversicherungen oder Immobiliendarlehen gesteckt wird. Sie wird zwar immer wieder wegen komplizierter Verträge und relativ hoher Vermittlerprovisionen kritisiert, garantiert aber wenigstens staatliche Hilfe beim Sparen. Es gibt jährlich 154 Euro Grundzulage, ab 2018 sollen es 175 Euro sein. Außerdem gibt es bis zu 300 Euro pro Kind. Gleichzeitig werden Einzahlungen von der Steuer abgesetzt.

Ein Konstruktionsfehler der privaten Vorsorge wurde wenigstens teilweise beseitigt: Vom nächsten Jahr an wird sie nicht mehr voll auf die Grundsicherung angerechnet. Wer nur eine kleine gesetzliche Rente bekommt, darf bis zu 100 Euro monatlich aus freiwilliger Altersvorsorge behalten. Doch so tief scheinen viele Betroffene gar nicht erst ins Thema einzusteigen: Nur rund die Hälfte der Berechtigten hat überhaupt einen Riester-Vertrag abgeschlossen.

Altersvorsorge

Mit 20 Jahren Rentner? Ich? Das ist Lichtjahre weg. Aber wer jetzt nicht darüber nachdenkt, wird es wahrscheinlich erst in Jahrzehnten und damit zu spät tun. Die heute 20-Jährigen werden laut der Uni Freiburg im Schnitt nur noch 38 Prozent ihres letzten Gehalts als Rente bekommen. Außerdem beginnt das Berufsleben immer später, Ausbildungs- und Praktikantenjahre oder Auslandsaufenthalte bringen wenig für die Rente. Je früher man systematisch etwas beiseitelegt, desto kleiner kann der Betrag sein. Außerdem macht der Zinseszinseffekt über die Jahre die Arbeit leichter.

Mit 30 Jahren Es ist die Zeit, in der vielleicht Kinder kommen und das Erwerbsleben etwas durcheinandergerät. Im Blick behalten sollte man die Folgen von Babypause, Elternzeit und möglicherweise Teilzeitjobs. Die Rentenversicherung läuft zwar weiter, bringt später aber weniger Entgeltpunkte als eine Vollzeitarbeit. Jetzt ist noch viel Zeit, mit regelmäßigen kleinen Beträgen anzusparen. Das Risiko – und damit die Renditechance – zum Beispiel bei der Fondsauswahl kann etwas höher sein, weil noch genug Zeit zum Ausgleich von Verlusten bleibt. Oder man investiert in den Hausbau.

Mit 40 Jahren Jetzt wird es aber Zeit! Wer bis hierher noch nicht über sein Alter nachgedacht hat, sollte Bestandsaufnahme machen. Der erste Blick in die stets beiseitegelegte Renteninformation dürfte ernüchternd sein. Nach einer Studie der Uni Freiburg werden die heute 35- bis 49-Jährigen nur 43 Prozent ihres letzten Gehalts als gesetzliche Rente erhalten. Noch bleibt Zeit, privat anzusparen, aber man sollte zunehmend die Risiken einer Anlage in den Blick nehmen. Wer Geld übrig hat, kann bis zum Alter von 45 Jahren Beiträge für Ausbildungszeiten im Rentenkonto aufstocken.

Mit 50 Jahren Muss ich wirklich bis zum letzten Tag arbeiten? Die gesetzliche Rente sieht für die über 50-Jährigen noch relativ gut aus, gleichzeitig wird die Zeit zum Ansparen knapp. Wer das mit riskanteren Anlagen ausgleichen will, hat womöglich gerade Pech, wenn er das Geld mit 67 braucht. Doch schon jetzt kann man durch Zusatzbeiträge Lücken schließen, die Abschläge bei vorzeitiger Rente reißen. Die Rentenversicherung verspricht 2,5 bis 3 Prozent Rendite auf diese Einzahlungen. Überlegt man es sich anders und geht doch später in Rente, fällt diese trotzdem höher aus.

Mit 60 Jahren Der Drops ist gelutscht. Wer ein einigermaßen vollständiges Erwerbsleben hinter sich hat, kann entspannt bleiben. Aber für manchen ist dies die Zeit des bösen Erwachsens, und viel ist nun nicht mehr zu ändern. Wer finanzielle Reserven hat und sich noch auf ein langes Leben einstellt, kann über eine Sofortrente nachdenken. Sie wird nicht lange angespart, sondern basiert auf einer Einmalzahlung. Im Gegenzug gibt es lebenslang eine monatliche Rente. Weil dieses Produkt wie andere auch unter niedrigen Zinsen leidet, findet die Stiftung Warentest nur noch wenige empfehlenswert.

Von Stefan Winter/RND

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