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Wirtschaft So wird bei Amazon in Winsen gearbeitet
Nachrichten Wirtschaft So wird bei Amazon in Winsen gearbeitet
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00:16 27.11.2017
Zu viel Monotonie? Die Aufgaben im Versandlager sind klar verteilt. Hier werden Waren für einzelne Kunden verpackt. Quelle: Christian Wölbert
Winsen

Standortleiter Norbert Brandau kann beim Rundgang durch sein Logistikzentrum mühelos Dutzende Belege dafür präsentieren, dass Amazon ein guter Arbeitgeber ist. Draußen: kostenlose Shuttle-Busse für die Mitarbeiter. In der Kantine: kostenloser Kaffee. In der Halle: Vakuumlifter tragen schwere Lasten für die Angestellten, Transportroboter nehmen ihnen die weiten Wege zu den Regalen ab.

Und überhaupt, sagt Brandau: „Wo finden Sie sonst ein Logistikunternehmen mit einer voll klimatisierten Halle und automatischer kostenloser Lebens- und Berufsunfähigkeitsversicherung für alle Mitarbeiter?“ Für die eingestellten Flüchtlinge gab es sogar kostenlose Englisch-Kurse. Deutsch-Kurse sind geplant.

13,25 Euro pro Stunde

Ist das wirklich das Unternehmen, von dem die Gewerkschaft Verdi behauptet, dass die Arbeit dort „auf Dauer krank macht“?

Zunächst die unumstrittenen Fakten: Amazon beschäftigt in seinem ersten niedersächsischen Logistikzentrum in Winsen an der Luhe (Kreis Harburg) 2000 Menschen, in der Vorweihnachtszeit sogar 2700. Dazu gehören rund 600 Flüchtlinge, eine außergewöhnlich hohe Zahl. Auch der Anteil ehemaliger Langzeitarbeitsloser ist relativ hoch. Amazon hat also viele Menschen angestellt, die sonst nur geringe Jobchancen haben. Das Unternehmen zahlt anfangs 11,15 Euro brutto pro Stunde, nach zwei Jahren 13,25 Euro. Monatlich sind es - mit Nebenleistungen wie Weihnachtsgeld - anfangs rund 2000 Euro, nach zwei Jahren 2700 Euro. Damit liege Amazon, so urteilt sogar Verdi, „im mittleren bis oberen Niveau des Logistik-Bereichs“.

Trotzdem ist die Bezahlung ein Streitpunkt. Aus Sicht von Verdi ist Amazon nämlich kein Logistiker - sondern Händler. „Denn hier werden einzelne Kunden beliefert“, argumentiert Verdi-Sprecher Thomas Voß. Die Amazon-Gehälter lägen im Durchschnitt immer noch 250 Euro pro Monat unter dem Handels-Tarifvertrag. Dieser decke auch logistische Tätigkeiten ab, passe also zu Amazon.

Keine Verhandlungen

Amazon allerdings weigert sich seit Jahren, mit Verdi überhaupt zu verhandeln. Zahlreiche Streiks haben daran nichts geändert. Fakt ist aber auch: Deutschlandweit ist nur ungefähr ein Drittel der Händler tarifgebunden, Amazon steht mit seiner Verweigerungshaltung bei Weitem nicht allein da.

Stellt die Gewerkschaft den US-Konzern also nur deshalb an den Pranger, weil er so prominent ist? Oder sind die Arbeitsbedingungen wirklich schlechter als bei anderen Firmen? Beim Rundgang durch das Winsener Logistikzentrum fällt auf: Amazon teilt die Prozesse auf relativ viele Teams auf. Die Aufgaben der einzelnen Mitarbeiter wirken deshalb monoton.

Zum Beispiel bei den sogenannten Pickern. Diese Mitarbeiter entnehmen lediglich Waren aus Regalen, die von Transportrobotern zu ihnen gebracht werden, legen die Produkte in Transportkisten - und wieder von vorne. Am anderen Ende der Halle stellen die „Rebinner“ die Waren für Bestellungen einzelner Kunden zusammen. Das Verpacken übernehmen dann wiederum andere Kollegen. Abwechslung ist selten: „Ziel ist es, alle Mitarbeiter in mindestens zwei Prozessen zu trainieren, sodass sie innerhalb eines Monats rotieren können“, sagt Amazon.

So arbeitet Amazon

Amazon hat sein Logistikzentrum in Winsen (Luhe) in den vergangenen Monaten schrittweise in Betrieb genommen, nun läuft es auf vollen Touren. Es ist so groß wie neun Fußballfelder und das modernste der elf deutschen Zentren: Hier kommen erstmals Transportroboter zum Einsatz, die Regale huckepack nehmen und zu ihren menschlichen Kollegen bringen – diese müssen deshalb kaum noch laufen.
Die Mitarbeiter legen die Waren in Boxen, Förderbänder transportieren sie zu weiteren Stationen, wo die einzelnen Produkte von Hand zu Bestellungen kombiniert und verpackt werden. Täglich wird eine sechsstellige Zahl von Paketen ausgeliefert. Kunden in Hannover werden noch am Tag der Bestellung beliefert.     

Außerdem fällt auf: Die Mitarbeiter protokollieren fast jeden Handgriff mit einem Scanner. Ist ein Produkt im falschen Paket gelandet, leuchten Monitore rot auf - oder geben grünes Licht für den nächsten Handgriff. Aus Sicht von Verdi degradiert das den Menschen zum „verlängerten Arm des Computers“. Aus Sicht von Amazon hingegen reduziert die Technik den Stress, weil sie Fehler verhindert. Fakt ist, dass Amazon dank der Scanner weiß, was jeder Mitarbeiter pro Stunde leistet.

„Natürlich haben wir Erwartungen an die Leistung der Mitarbeiter und sehen den Durchschnitt in der Abteilung“, sagt Standortleiter Norbert Brandau dazu. „Aber die Ansprache ‚Du musst!‘ bringt nichts.“ Man optimiere stattdessen Material und Technik. Oder man versetze den Mitarbeiter an eine Position, die ihm besser liege.

„Arbeit ist hoch belastend“

Verdi hingegen beklagt hohen Leistungsdruck, besonders in Winsen - wegen der Zuarbeit durch die schnellen Roboter. Hinzu komme die Belastung durch das stundenlange Stehen. Insgesamt sei die Arbeit „physisch und vor allem auch psychisch hoch belastend“. Die „hohen Krankheitsquoten“ würden das belegen. Amazon verweist auf ergonomische Fußmatten und Fitnessübungen vor Schichtbeginn.

Anders als in Bad Hersfeld oder Leipzig ruft Verdi in Winsen nicht zu Streiks auf, denn hier hat die Gewerkschaft noch kaum Mitglieder. Aber sie zeigt sich angriffslustig und verteilt regelmäßig Flyer an die Mitarbeiter. Man habe Amazon mit den Streiks zwar noch nicht an den Verhandlungstisch gezwungen, sagt Thomas Voß. Aber der Konzern habe immerhin mit Lohnerhöhungen und schrittweisen Verbesserungen der Arbeitsbedingungen reagiert. „Nun setzen wir alles daran, den Druck weiter zu erhöhen.“

Analyse: Amazons unsichtbare Mitarbeiter

Im Paket-Logistikzentrum von Amazon in Winsen (Luhe) ordnet sich der Mensch dem Rhythmus der Roboter unter. Die Shopping-Freude der Kunden trübt das nicht. Eine Analyse von Christian Wölbert.

Von Christian Wölbert

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