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Wirtschaft Deshalb ist Blockchain das nächste große Ding
Nachrichten Wirtschaft Deshalb ist Blockchain das nächste große Ding
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10:08 19.02.2018
Mit Bitcoins fing es an: Nachdem die Kryptowährung allerdings zunehmend in Verruf gerät, entdecken die Investoren dide Technik dahinter: die Blockchain. (AP Photo/Koji Sasahara)
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Hannover

Andreas Mucke gehörte zu den ersten. Wuppertals Oberbürgermeister bezieht seit der Silvesternacht genau den Strom, den er sich ausgesucht hat. Ökostrom, und zwar, das war ihm wichtig, direkt von einem Erzeuger aus der Region.

Staunend blickt der Rest der Strombranche jetzt auf diesen ersten Biowochenmarkt für elektrische Energie. Die Stadtwerke im Bergischen Land haben hier eine von Ökofreunden seit Langem gehegte Fantasie Realität werden lassen. Man könnte auch sagen, die Stadtwerke haben sich selbst aus dem Spiel genommen. Statt den Ökostrom der Windradbauern oder der kleinen Photovoltaikanlagen-Betreiber einfach aufzukaufen und insgesamt zu vermarkten, überlassen die Stadtwerke es den Kunden, sich auf einer völlig neuen Internetplattform tatsächlich selbst ihren persönlichen Strommix zusammenzustellen.

Die Anbieter dürfen ihre jeweils ganz eigenen Preise festlegen. Das Geschäft läuft direkt zwischen Erzeuger und Kunde – die Stadtwerke bieten nur noch die Plattform.

Technologiebewegung mit religiösen Zügen

„Das Konzept hat die Kraft, den Stromvertrieb der Zukunft zu revolutionieren“, sagt Stadtwerke-Vorstandsvorsitzender Andreas Feicht. Und er könnte damit sogar recht haben – weil sein Angebot die logische Fortführung der Energiewende darstellt. Nachdem die Stromproduktion in Deutschland immer mehr mit kleinen Erzeugern ergänzt wird, kann nun auch der Vertrieb dezen­tral organisiert werden. „Es gibt Anfragen von Versorgern aus ganz Deutschland und auch aus dem Ausland“, sagt Stadtwerke-Sprecher Holger Stephan.

Strommarkt der Zukunft: Per Blockchain können kleine Stromanbieter direkt mit dem Kunden handeln. Quelle: dpa

Nicht nur die Energiebranche blickt in diesen Tagen fasziniert nach Wuppertal. Die Stadtwerke stehen mit ihrem Angebot plötzlich an der Spitze einer Technologiebewegung, die weltweit mittlerweile quasireligiöse Züge trägt.

Die Direktvermarktung des Ökostroms basiert auf derselben Technologie, die das Herzstück der künstlichen Währung Bitcoin bildet – und zurzeit weltweit die Fantasien der Chefetagen und IT-Entwickler quer durch die Branchen anregt. Sie heißt: Blockchain.

Glaubt man den Experten, könnte die Blockchain-Technologie in den nächsten Jahren unsere gesamte Welt verändern: das heutige Bankensystem zum Einsturz bringen, Behörden überflüssig machen und das Geschäftsgebaren neu ordnen, rund um den Globus.

Blockchain: Eine unbestechliche Instanz

Dabei ist Blockchain eigentlich nur ein Programmiercode. Ein Programm in einem Netzwerk von Millionen von Computern, das aus den unzähligen Daten im Netz beglaubigte Dokumente machen kann. Nach und nach entsteht so eine dezentrale Datenbank, fälschungssicherer, als es der Amtsstempel je war.

Es ist, als habe das Internet nach 30 Jahren Wildwest erstmals so etwas geschaffen wie eine verlässliche Ordnung, einen Haltepunkt, eine unbestechliche Instanz.

Ein Blockchain-Netzwerk funktioniert – vereinfacht gesagt – wie ein in vielfacher Ausführung geführtes Kassenbuch. In diesen Kladden können Informationen so gespeichert werden, dass sie nicht mehr verändert werden können. Die Blockchain macht so direkte und sichere Geschäfte möglich – auch unter Parteien, die eigentlich nur wenig Grund haben, sich gegenseitig zu vertrauen.

Ursprünglich wurde der Mechanismus erdacht, um die Kryptowährung Bitcoin davor zu schützen, dass jemand sein virtuelles Geld zweimal ausgibt. Mittlerweile hat die Geschäftswelt erkannt, dass womöglich nicht die virtuelle Währung selbst den Fortschritt bringt, sondern die Technik dahinter.

Tätigt jemand per Internet eine Transaktion – sichert er sich etwa die Rechte an 50 Kilowattstunden Ökostrom vom Bauern –, wird diese Information in einer Datei codiert, verpackt und auf allen Computern des Netzwerks gespeichert. Jede weitere Transaktion wird wiederum verteilt und an den vorherigen Block angehängt. So entsteht eine Kette von Informationsblöcken, die durch die breite Verteilung und den ständigen Abgleich im Netzwerk nicht unbemerkt verändert werden kann. Am Ende wird der tatsächlich gelieferte Strom verlässlich abgerechnet – ohne Zwischenhändler. Oder das Geld wird abgebucht. Oder ein Vertrag tritt in Kraft. Oder eine Lieferkette wird dokumentiert. Oder, oder, oder.

Die Funktionsweise der Blockchain als Grafik:

Transaktion per Blockchain. Quelle: RND-Grafik

In den Debatten um Digitalisierung schlägt wieder einmal die Stunde der Gurus. „Blockchain wird eine Schlüsseltechnologie des Internets für die kommenden zehn bis zwanzig Jahre sein“, sagt Philipp Sandner vom Frankfurt School Blockchain Center.

Mit der Meinung ist er nicht allein. Der Hype um die neue Technik erinnert schon an die Dotcom-Euphorie um die Jahrtausendwende. Damals reichte es oft schon, eine Internetadresse im Namen zu tragen, um an den Kapitalmärkten Millionen einzusammeln. Auch heute spielen Investoren verrückt. Gründer, die das Zauberwort „Blockchain“ sagen, können plötzlich über Millionen und Abermillionen ihnen zufließender Gelder gebieten. Werden für 2018 noch Investitionen von 1,8 Milliarden US-Dollar in die Technologie erwartet, sollen es bis 2021 bereits 8,1 Milliarden Dollar sein.

Eistee-Hersteller setzt auf die Blockchain – und gewinnt

Das traditionsreiche Fotografieunternehmen Kodak kämpfte gerade noch fast aussichtslos mit der Digitalisierung - dank neuer Blockchain-Pläne aber avancierte es innerhalb weniger Wochen plötzlich zum Hoffnungsträger der Technologiejünger. In den USA hat sich vor einigen Wochen der Eistee-Hersteller Long Island Iced Tea Corp. In Long Blockchain Corp. umbenannt. Innerhalb von einem Tag legte der Börsenkurs um 500 Prozent zu – obwohl mit der Umbenennung kein erkennbarer Wechsel der Firmenstrategie verbunden ist.

„Es gibt unbestritten einen Hype um das Thema“, erklärt Nils Urbach. Der Professor für Wirtschaftsinformatik an der Universität ­Beyreuth kennt sich mit der neuen Technik aus. Er hat das Fraunhofer Blockchain Lab mitgegründet und erforscht die Anwendungsmöglichkeiten der neuen Technologie. Zur Zeit hat er unzählige Anfragen. Aus der Wirtschaft, von Medien, aus der Politik. Alle wollen wissen, was es mit Blockchains auf sich hat.

Selbst Draghi hält die Technik für „nützlich“

Laut der aktuellen YouGov-Studie „Potenzialanalyse Blockchain“ glauben 61 Prozent der Entscheider aus der deutschen Wirtschaft, dass die Technologie ihre Branche in den nächsten fünf Jahren deutlich verändern wird. Beratungsunternehmen haben eigene Abteilungen aufgebaut, die nur dazu da sind, ihren Kunden die Chancen und Risiken der neuen Technik für ihre Branche zu erklären. Selbst EZB-Präsident Mario Draghi nannte die Technik in dieser Woche „sehr nützlich“.

Urbach kann die Aufregung verstehen – auch wenn vieles noch nicht ausgereift sei. Der Forscher sieht neben der Energiebranche eine ganze Reihe weiterer Wirtschaftsfelder, die durch die Blockchain-Technologie grundlegend verändert werden könnten.

Logistik: Warenströme abzubilden und transparent zu machen erfordert heute noch viel Personal und Dokumente. Per Blockchain wäre es leicht möglich, die Entstehung, die Herkunft und den Transport von Lebensmitteln verlässlich für den Kunden für jede Frucht oder jedes Stück Fleisch im Supermarkt zu dokumentieren. Auch, ob die Kühlkette unterbrochen wurde, könnte so automatisch unlöschbar festgehalten werden. Der Nutzer müsste per Smartphone den Code fotografieren – und bekäme den ungeschönten Lieferweg angezeigt.

Internet der Dinge: Forscher und IT-Spezialisten träumen schon länger von der sogenannten „Maschinenökonomie“ – also einer Wirtschaft, in der Computer und Roboter untereinander Geschäfte machen. Die Blockchain liefert dafür wichtige Voraussetzungen. So könnten Autohersteller irgendwann ihre autonom fahrenden Autos nicht mehr verkaufen, sondern einfach bauen und auf die Straße setzen. Programmiert mit dem Auftrag, Geld zu verdienen, würden sie Fahrdienste anbieten und von dem erwirtschafteten Geld tanken oder sich waschen lassen. Die Blockchain-Technik würde im Verborgenen gewährleisten, dass die Geschäfte zwischen Maschinen am Ende noch nachvollziehbar bleiben.

Maschinenökonomie: Autonome Autos könnten mit der Blockchain-Technologie eigenständig Handel treiben. Quelle: Daimler AG

Robotik: Maschinen und Roboter könnten künftig passgenau für jede Nutzung vermietet werden. Auch die gemeinschaftliche Nutzung etwa in der Nachbarschaft kann so fair gestaltet werden. Die Blockchain-Technik gewährleistet, dass nur die tatsächliche Einsatzzeit abgerechnet wird. Auch für eine bereits diskutierte Robotersteuer könnte eine untrüglich dokumentierte Nutzungszeit die Grundlage bilden.

Identitäten: Ausweisdokumente, Zeugnisse oder Grundbucheinträge könnten zusammen mit einer Beglaubigung der Behörde in der Blockchain hinterlegt werden. Will der Arbeitgeber das Abi-Zeugnis sehen, bekommt er den Zugang zu der Datei samt Beglaubigung – und kann dank Blockchain sicher sein, dass alles stimmt. Auch die Arbeit von Notaren könnte die Blockchain zumindest teilweise ersetzen.

Ausweise können in der Blockchain hinterlegt werden. Quelle: dpa

Banken: Das Kerngeschäft der Banken ist durch die Blockchain bedroht. Die Technologie sorgt dafür, dass Daten online nicht nur kopiert, sondern tatsächlich Werte von A nach B transferiert werden können. Kauft ein Nutzer etwas, wird das im Blockchain-Netzwerk vieltausendfach gespeichert. Versucht der Nutzer anschließend bei einem weiteren Kauf ein zweites Mal, sein Geld auszugeben, wird das virtuelle Kassenbuch zeigen, dass er das Geld nicht mehr besitzt. Das Geschäft kommt nicht zustande. Eine Bank wäre für Überweisungen nicht mehr nötig.

Geistiges Eigentum: Auch für den Handel mit Musik, Texten oder Filmen können sich neue Geschäftsmodelle ergeben. Musiker können ihre Arbeit direkt an das Publikum verkaufen – und mit jedem abrechnen. Die Musikerin Björk etwa arbeitet bereits an einem Blockchain-Modell, mit dem ihr und ihrer Band direkt das Geld für den ge­streamten Song überwiesen wird – vorbei an allen Plattenfirmen, Zwischenhändlern oder auch Streamingdiensten wie Spotify und Apple Music.

Blockchain zur Abrechnung: Die isländische Musikerin Björk will das Musikhören direkt vom Kunden abrechnen. Quelle: dpa-Zentralbild

Während die Technik in klassischen Branchen vor allem Rationalisierungspotenzial verspricht, sind es neben den Banken ausgerechnet die Gewinner der ersten Internetwelle, deren Geschäftsmodell von der Blockchain bedroht werden könnte. „Zentrale Plattformen wie Facebook, Ebay, Airbnb, Reiseverkaufsportale oder Uber, die vor einigen Jahren ganze Branchen durcheinandergewirbelt haben, könnten nun zum Opfer der neuen Technik werden“, sagt Experte Urbach. Er spricht von der „zweiten Welle der Disruption“. Der Grund: Diese Firmen verdienen ihr Geld als Mittler – zwischen Käufer und Verkäufer, Urlauber und Mieter, Fahrgast und Fahrer. Per Blockchain könnten diese hochautomatisierten Dienstleistungen wegfallen – wenn Anbieter und Käufer massenhaft direkt zueinanderfinden. Björk macht es vor. „Die Blockchain ist die nächste Stufe der Revolution nach der Einführung des Internets“, meint etwa die Gründerin Kaidi Ruusaleepp vom Blockchain-Start-up Funderbeam.

Noch fehlt die Killer-App

Noch aber ist die Killeranwendung nicht gefunden, die die Datenbank nutzbar macht – so wie der Browser das Internet für die Massen erschließbar machte. Auch rechtlich stellen sich neue Fragen. Mit Blockchain-getriebenen „Smart Contracts“ etwa könnte man Geldüberweisungen an technische Vorgänge knüpfen. Kauft man etwa ein Auto auf Raten, könnte der intelligente Türöffner am Auto nur so lange funktionieren, wie die Bank die monatlichen Zahlungen registriert. Das mag praktisch für Gläubiger sein, rechtlich wäre es heute nicht zulässig. Und ob die Blockchain letztlich wirklich nicht manipulierbar ist, wird auch angezweifelt.

„Es wird nicht alles funktionieren“, sagt Forscher Urbach. Durchsetzen werde sich die Technik trotzdem. „Das Internet als solches war ja auch am Anfang nur etwas für Technikfreaks.“

Von Dirk Schmaler/RND

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