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Wirtschaft Dieses Jahr wieder Türkei
Nachrichten Wirtschaft Dieses Jahr wieder Türkei
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11:53 07.03.2018
Strandurlauber in Aydin: Die Türkei hat für dieses Jahr doppelt so viele Buchungen wie 2017 registriert. Quelle: ANAdolu
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Berlin

Auch nach 30 Jahren ist Erendiz Hamamcioglu noch verliebt wie am ersten Tag. Verliebt in die Landschaft von Kemer, an der türkischen Riviera zwischen Meer und den Gipfeln des Taurusgebirges gelegen. „Das schaut aus wie am Tegernsee“, sagt die Bayerin. Hamamcioglu stammt aus München, ihre Eltern gehörten zu den ersten türkischen Arbeitsmigranten in Bayern. 1986 ging sie den umgekehrten Weg und investierte in den Aufbau des türkischen Tourismus.

Das Hotel Erendiz hat die Münchner Deutschtürkin nach sich selbst benannt, inzwischen helfen ihr ihre Söhne. Bis zu 20 Saisonkräfte beschäftigen sie in guten Jahren. Aber die letzten beiden Jahre waren alles andere als gut. Bis zu 80 Prozent ihrer deutschen Stammgäste sagten ab, auch die Reiseveranstalter schickten weit weniger Sonnenhungrige an die türkische Riviera. Die Gründe klangen fast immer gleich: Wegen der türkischen Politik, wegen der Pöbeleien von Staatschef Erdogan und seinen Ministern könne man dieses Jahr nicht in die Türkei kommen. Leider, leider.

Aber eine Absage würde doch nicht der Regierung schaden, sondern ihnen, antworteten Hamamcioglu und ihre Söhne dann. Einige alte Bekannte buchten trotzdem. Viele nicht. Nur fünf Saisonkräfte konnten sie 2017 beschäftigen. Statt der Deutschen, die zehn Tage bleiben, kamen nun türkische Gäste für ein, zwei Nächte. Ein mühsames Geschäft.

Eine ganze Halle wirbt für die Türkei

Für 2018 erwartet Hamamcioglu aber wieder ein volles Haus. Denn die Türkei ist zurück. Die Buchungen für den Sommer 2018 liegen nach einer Erhebung des Marktforschungsinstituts GfK doppelt so hoch wie 2017. „Für 2018 sehen wir das Comeback der Türkei“, sagte Norbert Fiebig, Präsident des Deutschen Reiseverbands, am Dienstag bei der Eröffnung der Internationalen Tourismusbörse (ITB) in Berlin. Dort ist die Türkei größter Aussteller, sie bewirbt ihre Strände, Gebirge und antiken Ruinen in einer ganzen Halle. Auf einer riesigen Videowand weht dazu eine computeranimierte türkische Fahne.

Seit 2015 sinkt die Zahl der deutschen Touristen in der Türkei. Quelle: RND/Deutscher Reiseverband

Alles ist bereit für den Besuch des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu am Mittwochmittag auf der Messe. Am Dienstag traf er bereits Bundesaußenminister Sigmar Gabriel im Gästehaus des Auswärtigen Amts am Tegeler See in Berlin. Bei seinem letzten Besuch bei Gabriel hatten sich die beiden in Gabriels Goslarer Privathaus getroffen, da gewann Cavusoglu einen Eindruck von den Ausläufern des Harzes. Diesmal konnte sich der Türke vom Reiz der märkischen Seenlandschaft überzeugen. In Gedanken aber weilte Cavusoglu, der seinen Wahlkreis in der Urlaubsmetropole Antalya hat, eher in den Urlaubsregionen seiner Heimat.

„Wir haben nicht gesagt: Fahrt da nicht hin“: Der deutsche Außenminister Sigmar Gabriel trifft vor der ITB seinen türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu vor der Villa Borsig in Berlin. Quelle: dpa

„Es ist meine persönliche Bitte, dass die Reisehinweise der Bundesregierung für die Türkei überarbeitet werden“, sagte Cavusoglu bei einem gemeinsamen Presseauftritt mit Gabriel. Die Lage in der Türkei habe sich normalisiert, so Cavusoglu. „Die Türkei ist nicht weniger sicher als jedes andere europäische Land – auch unsere Städte sind nicht weniger sicher als andere europäische Städte“, beteuerte der AKP-Politiker.

Die Bundesregierung hatte die Hinweise für Reisen in die Türkei im Juli vergangenen Jahres nach der Verhaftung des deutschen Menschenrechtlers Peter Steudtner verschärft. Seitdem warnt das Auswärtige Amt vor willkürlichen Festnahmen, zu denen es in allen Landesteilen „einschließlich der touristisch frequentierten Regionen“ kommen könne.

„Die Türkei ist eines der schönsten Länder der Erde“

Cavusoglu zufolge seien nicht zuletzt die Deutschen Leidtragende dieser Einschätzung. „Deutsche Touristen haben die Türkei sehr vermisst – ob nun die Natur oder die Gastfreundschaft“, erläuterte der türkische Außenminister, nachdem er auf die jüngst rasant gestiegenen Buchungszahlen verwiesen hatte. Der aktuelle Reisehinweis spiegele nicht die „gute freundschaftliche Beziehung zwischen der Türkei und Deutschland wider“, so Cavusoglu.

Da sah sich der geschäftsführende Außenminister dazu veranlasst, ein wenig Dramatik aus der Debatte um die Reisehinweise herauszunehmen. „Wir haben nicht gesagt: Fahrt da nicht hin“, sagte Gabriel. Angesichts des anhaltenden Ausnahmezustands in der Türkei gebe es allerdings eine berechtigte Sorge um die Sicherheit deutscher Staatsbürger – besonders, wenn sie zugleich die türkische Staatsbürgerschaft besäßen, so Gabriel. Als touristisches Urteil will der Minister die Reisehinweise seines Amtes aber nicht verstanden wissen. „Die Türkei ist – das kann ich Ihnen aus eigener Anschauung sagen – eines der schönsten Länder der Erde“, schwärmte Gabriel, der mal mit einer Türkin verheiratet war.

Auf das Jahr der Russen folgt das Jahr der Deutschen

Diesem politischen Tauwetter ist es geschuldet, dass Hoteliers wie Erendiz Hamamcioglu für ihre Zukunft nicht mehr schwarzsehen. Noch vor einem Jahr spielte sie mit dem Gedanken, ihr Haus zuzusperren und woanders neu anzufangen. Jetzt wartet sie sehnsüchtig auf die Sommerbuchungen, die zurzeit bei den Reiseveranstaltern eintrudeln. „Die politische Lage in der Türkei ist in Deutschland einfach nicht mehr das Thema“, hat die Betreiberfamilie festgestellt. „Die Deutschen haben andere Sachen gefunden, die sie verunsichern.“ Solange die Lage in der Türkei nicht so eskaliert, dass es in Deutschland die Medien beherrscht, geht es wieder aufwärts in Kemer und Antalya.

„2017 war das Jahr der Russen, 2018 wird das Jahr der Deutschen“, prognostiziert der türkische Minister für wirtschaftliche Entwicklung, Lütfi Elvan. Die Regierung in Ankara tut viel dafür. Sie subventioniert Charterflieger mit bis zu 7000 Euro pro Flug. Auch Kreuzfahrt-Reedereien können Zuschüsse kassieren, wenn sie in türkischen Häfen anlegen. So spielt die Türkei jetzt ihren traditionellen Preisvorteil verstärkt aus. Nicht zuletzt dank der staatlichen Subventionen punktet das Land mit einem besonders günstigen Preis-Leistungs-Verhältnis: Ein All-Inclusive-Urlaub in einem türkischen Fünf-Sterne-Hotel kostet mitunter weniger als in einem Vier-Sterne-Hotel in Spanien oder Griechenland. Der Reisekonzern Tui reagiert bereits auf die steigende Nachfrage: Das Unternehmen stockt sein Flugangebot in die Türkei in diesem Jahr um 100.000 Plätze auf.

Auf Mallorca gab es Demonstrationen gegen allzu viel Tourismus

Ralph Schiller, Chef des Konkurrenten FTI, sagt dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND): „Einerseits sehe ich mich bestätigt, weil ich schon 2016 davon ausging, dass die Türkei zu alter Stärke zurückkommen wird. Andererseits bin überrascht, in welcher Geschwindigkeit sich der Türkei-Tourismus erholt. Das liegt vor allem am überlegenen Preis-Leistungs-Verhältnis der Türkei.“ Es liegt aber auch daran, dass viele Türkei-Touristen in den vergangenen zwei Jahren in dieselbe Region ausgewichen sind: nach Spanien. Auf Mallorca gab es bereits Demonstrationen gegen allzu viel Tourismus. Schiller hat das genau im Blick. Er sagt: „Einige Zielgebiete waren in den vergangenen Jahren derart überfüllt, dass Urlauber vielleicht gesagt haben: Das tue ich mir nicht wieder an. Spanien wird diesen Sommer auch wieder voll sein, aber nicht mehr übervoll.“

Von „typischen Schwankungen zwischen dem westlichen und östlichen Mittelmeer“ spricht Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbandes der deutschen Tourismuswirtschaft. „Es ist gut, dass das Pendel jetzt zurückschlägt, gut für die Gäste, für die Länder, für die Stabilität in der Region.“ Auch die Preise werden nicht mehr lange im Keller bleiben, erwartet FTI-Chef Schiller: „In der Türkei werden sie mit Sicherheit im Kurzfristbereich wieder steigen, gerade im Vergleich zu 2017. Es sind ja kaum neue Betten hinzugekommen, und nun kommen wieder alle, die 2016/17 weggeblieben sind.“

Istanbul hat sich bis heute nicht erholt

Doch nicht nur die Türkei boomt wieder: Griechenland hängt bei den Buchungen für den Sommerurlaub dieses Jahr erstmals die Balearen ab, und Ägypten schiebt sich für 2018 auf den vierten Platz in der Beliebtheit vor – nach Spanien, Griechenland und der Türkei, mit zwei Drittel mehr Buchungen als 2017.

Angst vor Krisen, Unruhen, Terror – zählt das gar nicht mehr für die deutschen Urlauber? Ist alles schon wieder vergessen, was die Sonnensucher von den Stränden von Antalya und Hurghada wegtrieb? „Urlauber handeln nicht vergesslich, sondern vernünftig“, sagt der Kieler Tourismuspsychologe Martin Lohmann. Soll heißen: Sie wissen inzwischen, dass ein Terroranschlag nirgendwo mehr auszuschließen ist. Und gerade an der türkischen Riviera gab es keinerlei besondere Vorkommnisse. Kurzfristig spielen Schreckensmeldungen durchaus eine Rolle, hat Lohmann herausgefunden: Nach dem Anschlag von Istanbul am 12. Januar 2016, als sich ein Selbstmordattentäter in einer Touristengruppe in die Luft sprengte, sank das Interesse an Türkei-Reisen schlagartig. Istanbul als Städteziel hat sich bis heute nicht erholt. Pauschal- und Strandtouristen lassen sich aber nie lange abschrecken.

„Sicherheit wird sehr subjektiv wahrgenommen“

Die Deutschen, ohnehin schon traditionelle Reiseweltmeister, werden 2018 so viel wie nie ins Ausland reisen. Bereits im Vorjahr gab es erstmals mehr als 50 Millionen Auslandsreisen, hat die Reiseanalyse 2017 der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen ergeben. Sie wird am Mittwoch auf der ITB vorgestellt und liegt dem RND bereits vor. „Die Aussichten für 2018 sind bestens“, schreiben die Autoren. Bereits zum Jahresanfang steht für 70 Prozent der Deutschen fest, dass sie dieses Jahr verreisen werden.

Und vom Urlaub am Mittelmeer lassen sich die klassischen Sonnensucher kaum lange abbringen. FTI-Chef Schiller hat die beiden vergangenen Jahre verglichen. Er sagt: „Sicherheit wird sehr subjektiv wahrgenommen. Nach den vielen Anschlägen 2016 waren gerade Familien verunsichert und sind ins Auto gestiegen, weil sie gar nicht entscheiden wollten, irgendwohin zu fliegen. Das hat sich schon 2017 wieder geändert.“

In Kemer hat das Hotel Erendiz einige Stammgäste aber auf Dauer verloren. „Wir machen keine Ferien mehr in einem muslimischen Land“, haben sie Erendiz Hamamcioglu geschrieben. Nach 20 Jahren. Da wusste auch die schlagfertige Chefin nichts mehr zu erwidern.

Von Gerd Höhler, Marina Kormbaki und Jan Sternberg

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