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Wirtschaft "Es wird zu oft Glyphosat versprüht"
Nachrichten Wirtschaft "Es wird zu oft Glyphosat versprüht"
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00:30 15.11.2017
Von Jens Heitmann
„Romantik löst keine Probleme der Zukunft“: Besucher am ersten Messetag der Agritechnica in Hannover.Foto: dpa Quelle: Peter Steffen

Herr Bartmer, Bienenvölker in Städten produzieren heute mehr Honig als jene auf dem Land. Was sagt das über den Zustand der Agrarflächen aus?

Urbane Regionen mit vielen Gärten und Blumen dienen anderen Zwecken als eine ländliche Agrarfläche, auf der vor allem Kulturpflanzen erzeugt werden. Das macht eine andere Vielfalt der Vegetation möglich. Das heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass die Bienen auf den Feldern keine Nahrung mehr finden. Im Gegenteil: Es gibt heute mehr Bienen als je zuvor.

Das gilt für Honigbienen, auch weil es heute mehr Imker gibt. Insgesamt schrumpft die Zahl der Insekten. Der Artenrückgang wird auch die Monokulturen auf den Äckern zurückgeführt - Bauern konzentrieren sich auf wenige Feldfrüchte. Lässt sich das ändern?

Der Rückgang von Insekten dürfte viele, meist noch nicht bekannte Gründe haben. Sicherlich spielt auch die Landwirtschaft eine Rolle, die verständlicherweise nur Pflanzen auf ihren Feldern anbaut, für die es Abnehmer gibt ...

... also Weizen, Mais, Raps und Zuckerrüben ...

Das hat zur Folge, dass der Ehrgeiz in der Züchtung anderer Früchte in der Vergangenheit nachgelassen hat - beispielsweise im Bereich der Hülsenfrüchte. Obwohl Futtermittelhersteller Proteine benötigen, rechnet sich der Anbau von Erbsen häufig nicht. Damit sich der Anbau lohnt, müssten auch Sorten weiterentwickelt werden, die seltener genutzt werden. Das aber kostet Geld.

Neue Zuchtmethoden greifen zum Teil direkt ins Genom der Pflanzen ein. Die Verbraucher sind der Gentechnik gegenüber sehr skeptisch.

In das Genom haben wir schon immer eingegriffen, allerdings mit weniger präzisen Instrumenten. Und das ist die Voraussetzung, heute mehr als sieben Milliarden Menschen auf der Erde ernähren zu können. Mit den Urformen des Ein-Korn-Weizens wäre das unmöglich. Züchtung ist also eine unserer Lebensgrundlagen - wir müssen die natürlichen Eigenschaften von Pflanzen nutzen, um in der Nachkommenschaft besser zu werden. Ob mit oder ohne Gentechnik ist eine gesellschaftliche Frage, aber unser biotechnologisches Wissen zu ignorieren, halte ich für unverantwortlich.

Der Leumund der konventionellen Landwirtschaft ist nicht mehr der beste. Helfen hier Appelle an die Vernunft weiter?

Tatsache ist doch: Wegen des Wachstums der Weltbevölkerung brauchen wir laut FAO (Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen, d. Red.) eine nachhaltige Intensivierung der Agrarproduktion. Wir müssen die Produktivität auf unseren Standorten erhöhen, also mehr ernten - und zugleich dafür sorgen, dass die Generationen nach uns noch die gleichen natürlichen Lebensgrundlagen vorfinden. Mit einem Technologieverzicht ist das nicht zu machen - wir müssen Technik noch klüger einsetzen als bisher.

Wie kommt es, dass Sie mit solch rationalen Argumenten in der öffentlichen Debatte kaum durchdringen?

In den Städten haben viele Menschen den direkten Kontakt zur Landwirtschaft verloren. Auf diese wachsende Distanz haben wir zu spät reagiert. Zudem wächst das Misstrauen, leider zu Unrecht, gegenüber Institutionen und Behörden, die professionell Risiken bewerten und abwägen. Gutachten allein genügen vielen Menschen nicht mehr.

Ist der heftige Streit um das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat dafür ein Beleg?

Glyphosat hat im Unterschied zu vielen anderen Mitteln sehr wenige ökologische Nebenwirkungen - zudem können wir durch seinen Einsatz beim Anbau weitgehend auf den Pflug verzichten. Pflugverzicht vermindert die Erosionsgefahr, den Energieverbrauch und somit die CO2-Emission. Und an einem schwarzen Acker haben weder Käfer noch Niederwild ihre Freude. Wahr ist aber auch: Glyphosat wird viel zu oft und zu umfangreich versprüht - etwa um die Ernte zu synchronisieren. In Europa ließe sich der Einsatz vermutlich um die Hälfte reduzieren.

Sie wollen die Subventionen für die Landwirte mehr an deren Leistungen für den Schutz der Umwelt koppeln. Der Bauernverband ist davon mäßig begeistert ...

Landwirte sind zu über 60 Prozent Pächter, die Beihilfen sind aktuell an die Hektarfläche gekoppelt - damit treiben sie Pachtpreise und landen letztlich beim Verpächter. Das kann nicht das Ziel sein, wenn die Beihilfen Einkommen der Landwirte und den nachhaltigen Anbau befördern sollen. Die Steuerzahler dürfen erwarten, dass öffentliches Geld auch für den Schutz öffentlicher Güter verwendet wird. Nötig ist deshalb ein Zertifizierungssystem, das die konkreten Anstrengungen der Bauern transparent macht und belohnt. Die Landwirte würden dadurch am Ende kein Geld verlieren.

Das Motto der diesjährigen Agritechnica lautet: Green Future - Smart Technology. Ist das mehr als nur ein Schlagwort?

Ja, das ist mehr: Green Future steht für eine nachhaltige Zukunft, in der wir ausreichend Lebensmittel unter dem Erhalt unserer natürlichen Ressourcen erzeugen. Möglich ist das aber nur mit neuesten klugen Technologien, die mehr Ertrag bei reduzierten Umweltbelastungen ermöglichen. Wer glaubt, mit den Instrumenten der Vergangenheit und Romantik allein die Probleme der Zukunft lösen zu können, der irrt.

Auch auf dem Acker halten Algorithmen Einzug - verlieren die Bauchentscheidungen der Bauern im Zuge der Digitalisierung der Agrartechnik an Bedeutung?

Das Bild vom Bauern, der nur noch am Schreibtisch sitzt und seine Maschinen virtuell über die Felder steuert, ist unrealistisch. Der nasse Herbst 2017 hat gezeigt: Hier hilft mir kein Algorithmus, sondern allein langjährige Erfahrung, um zu entscheiden, wann ich sinnvollerweise mit der Aussaat beginnen sollte. Die Digitalisierung bietet aber die Chance, meinen Erfahrungsschatz mit einer großen Menge an Daten abzusichern, meine Samen exakter zu platzieren oder den Einsatz von Dünger und Pflanzenschutzmittel präziser zu dosieren. Unverzichtbar bleibt das feine Gefühl des Landwirts, quasi mit der Hand an der Krume.

Interview: Jens Heitmann

Zur Person

Carl-Albrecht Bartmer steht seit 2006 an der Spitze der Deutschen Landwirtschafts-Gesellschaft (DLG), der nach eigenen Angaben mehr als 27  000 Mitglieder aus den Bereichen Agrar- und Lebensmittelwirtschaft angehören. Die gemeinnützige Organisation versteht sich als Netzwerk zum Wissenstransfer und als Stimme der Branche. Der gebürtige Niedersachse aus Lingen bewirtschaftet seit 1991 den großelterlichen Ackerbau­betrieb in Löbnitz an der Bode in Sachsen-Anhalt. Der 56-Jährige kandidiert nicht erneut für das Amt des DLG-Präsidenten – sein Nachfolger soll im kommenden Jahr Hubertus Paetow werden.

jen

Es ist die weltweit größte Messe für Landtechnik: die Agritechnica in Hannover. Thema in diesem Jahr ist die Balance zwischen der Produktion ausreichender Lebensmittelt für eine wachsende Weltbevölkerung bei gleichzeitiger Erhaltung der natürlichen Ressourcen.

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