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Affäre um Schiedsrichter

Fall Amerell wird für den DFB zur Zerreißprobe

Eine Schlammschlacht und kein Ende: Die Schiedsrichter-Affäre um Manfred Amerell ist für den DFB und seinen Präsidenten Theo Zwanziger zur Zerreißprobe geworden.

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In der Kritik: DFB-Präsident Theo Zwanziger muss sich wegen seiner Vorgehensweise in den vergangenen Wochen viele unangenehme Fragen gefallen lassen.

In der Kritik: DFB-Präsident Theo Zwanziger muss sich wegen seiner Vorgehensweise in den vergangenen Wochen viele unangenehme Fragen gefallen lassen.

© dpa

Der Präsident ist nicht zu sprechen. Und daran wird sich auch bis Freitag nichts mehr ändern. Theo Zwanziger, der Chef des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), hat sich zurückgezogen und will sich öffentlich zumindest bis morgen nicht mehr äußern in dem Fall, der in den Schlagzeilen wahlweise als „Schiri-Skandal“, „Sex-Affäre“ oder „Sittenskandal“ firmiert und in dem der Verband und sein Präsident in den vergangenen Tagen verstärkt in den Blickpunkt geraten sind – und in die Kritik. Morgen leitet Zwanziger in Frankfurt eine Präsidiumssitzung, in der das Schiedsrichter-Thema, dessen Aufarbeitung durch den DFB und die Folgen für die Zukunft eine entscheidende Rolle spielen sollen.

Seit dem 10. Februar, dem Tag, an dem öffentlich wurde, dass der Referee Michael Kempter seinen langjährigen Förderer Manfred Amerell, Mitglied des DFB-Schiedsrichter-Ausschusses, der sexuellen Belästigung beschuldigt, hat sich eine öffentliche Schlammschlacht entwickelt, in der es keine Ruhepause gibt. Jeden Tag gibt es neue Vorwürfe und neue Wendungen. Bei dem undurchschaubaren Netz von Schein und Sein ist es schwierig geworden, den Überblick zu behalten. Eine Analyse mit den wichtigsten Fragen und Antworten.

Warum ist die Schiedsrichter-Affäre für die Öffentlichkeit so undurchsichtig?
Das hat vor allem damit zu tun, dass derzeit nicht eindeutig zu klären ist, wer Opfer und wer Täter ist. Deshalb ist es erst einmal sinnvoll, sich an die Fakten zu halten. Außer Michael Kempter haben drei weitere Schiedsrichter eidesstattliche Versicherungen abgegeben, in denen sie erklärten, dass sie von Manfred Amerell sexuell belästigt worden seien. Amerell bestreitet dies und sieht sich als Opfer einer Rufmordkampagne. Amerell hat betont, dass er mit Kempter „keine Liebesbeziehung“ gehabt habe, sagte aber auch: „Ich mochte ihn sehr, sehr gern. Ich glaube, im Umkehrschluss war es genauso.“ Dreimal sei es zwischen ihnen zu „körperlichen Beziehungen“ gekommen. Den Vorwurf, er habe Kempter bedrängt, wies er strikt zurück: „Einvernehmlichkeit war vorhanden.“ Am 4. März kam es zwischen dem DFB und Amerell zu einem außergerichtlichen Vergleich. Der DFB darf demnach weiter öffentlich behaupten, Amerell habe in der Vergangenheit mehrere Schiedsrichter „sexuell bedrängt und/oder belästigt“. Amerell erhielt im Gegenzug die von ihm angestrebte Einsicht in die eidesstattlichen Erklärungen der bisher anonymen Schiedsrichter, die ihn wie Kempter der sexuellen Belästigung bezichtigt hatten – gegen alle geht er strafrechtlich vor. Kempter und seine Schiedsrichterkollegen haben wiederum Strafanzeigen gegen Amerell angekündigt.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit Manfred Amerells?
Die von ihm veröffentlichen E-Mails und SMS, die nach Amerells Angaben von Kempter stammen, lassen wenig Spielraum für Interpretationen – wenn sie tatsächlich von Kempter sind. Sie lassen den Schluss zu, dass den Schiedsrichter-Funktionär und das Schiedsrichtertalent mehr als eine Freundschaft verband. Affäre, Liebesbeziehung? Über die Begrifflichkeiten lässt sich streiten, laut „Frankfurter Rundschau“ klingt es „nach einem einvernehmlichen homosexuellen Verhältnis“. Entkräftet wird der Vorwurf der sexuellen Belästigung durch die E-Mails und SMS allerdings nicht. Unstrittig ist, dass Amerell in seiner Funktion als Schiedsrichtersprecher eine Nähe zu einem Referee zugelassen hat, die mit seinem Amt nicht zu vereinbaren ist. „Hier geht es eindeutig um ein Abhängigkeitsverhältnis, genauso wie zwischen Lehrer und Schüler“, sagt DFB-Generalsekretär Wolfgang Niersbach. „Auch hier wird benotet und bewertet, und dann geht es eben nicht mehr um ein freiwilliges Verhältnis von zwei Menschen, sondern eindeutig um Amtsmissbrauch.“ Amerell argumentiert, dass „Kempters Leistungsstand so exorbitant hoch war, dass er meine Hilfe gar nicht nötig hatte“.

Wie steht es um die Glaubwürdigkeit von Michael Kempter?
Die von Amerell veröffentlichten intimen Details aus Kempters E-Mails und SMS, deren Existenz er bislang nicht bestritten hat, die er aber auf die Richtigkeit prüfen lässt, haben das Bild von ihm in der Öffentlichkeit verändert. Die Möglichkeit, dass er belästigt wurde, besteht jedoch weiterhin. Kempter sagt, dass sich der Inhalt aus einer „unglaublichen Drucksituation“ erklärt. Sein langes Schweigen begründet Kempter mit der eigenen ausweglosen Situation und Angst. „Ich habe die Annäherung lange verdrängt. Amerell war ja gleichzeitig auch jemand, der viel für mich getan hat. Wir waren Freunde“, erklärte Kempter. Amerell habe ihm gedroht, seine Schiedsrichterkarriere zu beenden: „Er sagte, ich nehme dir die Spiele weg.“ Doch auch eine andere Variante wird diskutiert: Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ zitiert aus der Schiedsrichterszene eine namentlich nicht genannte Person, die behauptet, Kempter habe seinen Förderer Amerell „wie eine Marionette“ für seine Karriere benutzt.

Hat Michael Kempter noch einmal eine Chance, als Schiedsrichter in der Bundesliga zu pfeifen?
Das ist sehr unwahrscheinlich, unabhängig davon, ob sich seine Vorwürfe gegen Amerell als wahr oder unwahr erweisen. Fußballfans sind gnadenlos, Schiedsrichter werden von ihnen oft beschimpft, bei Kempter würden sie bei jedem aus ihrer Sicht falschen Pfiff vermutlich noch brutaler reagieren. Ein größeres Problem stellt für ihn jedoch die E-Mail dar, in der Kempter laut Amerell Schadenfreude über eine mögliche Niederlage von Bayern München in der Champions League äußert. „Die Bayern werden alles daransetzen, dass Kempter kein Spiel mehr pfeift“, sagt ein Klubchef aus der 1. Liga. Doch der Inhalt der angeblich aus dem Jahr 2007 stammenden E-Mail wirft auch ein schlechtes Licht auf Amerell: Warum hat er zugelassen, dass ein offensichtlich in Bezug auf die Bayern nicht unparteiischer Schiedsrichter Spiele der Münchener leitet?

Warum sind der DFB und sein Präsident in der Affäre in die Kritik geraten?
„Der DFB hat sich in dieser Angelegenheit überschätzt. Ich finde, man ist da zu sehr vorgeprescht. Man hätte grundsätzlich klären müssen, ob Amerell sein Amt tatsächlich missbraucht hat“, sagt Klaus Allofs, Geschäftsführer von Werder Bremen und alles andere als ein Lautsprecher der Liga. Die Aufarbeitung des Falles wirft kein gutes Licht auf den DFB. Nachdem sich Kempter an den Verband gewandt hatte, tat sich lange Zeit gar nichts. Anfang Februar soll die DFB-Spitze laut „Spiegel“ zweimal versucht haben, Amerell zum Rücktritt zu bewegen. Der Vorteil: Sie hätte dann gar nicht erst ermitteln und niemanden informieren müssen. Doch Amerell weigerte sich, der Fall wurde öffentlich, und der Verband schlug sich auf die Seite von Kempter, ohne allerdings Amerell anzuhören oder Akteneinsicht zu gewähren.

Worum geht es in der Präsidiumssitzung des DFB?
Der Verband will eine Neustrukturierung des Schiedsrichterwesens verabschieden. Mit jeder Enthüllung ist deutlicher geworden, dass es im Schiedsrichterwesen – das in der Verantwortung des DFB liegt – bisher sehr wenig Transparenz und sehr viele Abhängigkeiten gegeben hat. Selbst Reinhard Rauball, Präsident der Deutschen Fußball-Liga (DFL), sprach von einer Art „Geheimbund“. Zudem wird über die Einberufung eines außerordentlichen DFB-Bundestages für den 30. April beraten, auf dem es auch um die Zukunft von Präsident Theo Zwanziger gehen könnte. DFB-Kenner halten es für möglich, dass er die Vertrauensfrage stellen will. Von einem Rücktritt gehen sie nicht aus.

Heiko Rehberg


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