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Niedersachsen Wie viel Gegenwind darf’s denn noch sein?
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00:15 26.06.2017
Von Michael B. Berger
Simulierte Windgeschwindigkeit: 100 Kilometer pro Stunde. Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) im Windkanal – mit dem Oldenburger Universitätspräsidenten Hans Michael Piper (li.) und den Forwind-Vertretern Joachim Peinke und Martin Kühn (re.).  Quelle: Ingo Wagner
Oldenburg

Oldenburg. Es pfeift, es röhrt ein bisschen wie beim Flugzeugstart. Und Stephan Weil, Niedersachsens Ministerpräsident, senkt seinen Oberkörper dem anschwellenden Wind entgegen. Weil im Windkanal, ein Termin, der auch einem routinierten Regierungschef Spaß macht, zumal er Luft für anspielungsreiche Metaphern lässt. „In der Politik wie im richtigen Leben muss man sich dem Wind von vorne stellen, aber auch sehen, dass man wieder herauskommt, wenn der Wind zu stark wird“, sagt Weil - und manche Begleiter auf dieser Sommerreise rätseln, wie das denn nun gemeint sein könnte.

Das Wort vom „Genossenfilz“

Denn der Staatskanzlei um Weils rührige Pressesprecherin Anke Pörksen (SPD) weht derzeit ein kräftiger Wind entgegen. Die Landtags-Opposition aus CDU und FDP wirft Pörksen vor, den Auftrag für einen neuen Niedersachsen-Slogan ohne Ausschreibung an die SPD-nahe Kommunikationsagentur Michael Kronacher vergeben hat. Das unschöne Wort vom „Genossenfilz“ hängt in der Luft.

Die Staatskanzlei hat Aufklärung versprochen, die soll es am heutigen Freitag geben. Zu der Kritik an Pörksen sagt der Regierungschef nichts. Nur, dass zuweilen auch einmal Fehler geschehen, die man korrigieren werde. „Aber wenn ich bei jedem Vorwurf der Opposition personelle Konsequenzen ziehen würde, dann wäre ich schnell allein.“

Ist das nun ein Bekenntnis zu seiner Pressesprecherin und Staatssekretärin? Immerhin ist Pörksen auch auf dieser Sommertour wieder dabei. Aber ihr glockenhelles Lachen ertönt seltener als sonst. Auch an einer rheinischen Frohnatur geht es eben nicht spurlos vorbei, wenn plötzlich der Job auf dem Spiel steht.

Termin von hohem Erlebniswert

Weils Sommertour führt von Achim über Aurich nach Oldenburg und schließlich nach Cuxhaven, wo die Firma Siemens ein großes Werk mit bis zu 1000 Mitarbeitern zum Bau von Gondeln für Windkraftanlagen errichtet. Ein 200-Millionen-Euro-Projekt, das der Region enormen Schub geben soll, ähnlich wie die Enercon-Fabriken in Aurich, die Weil ebenfalls besucht. Zum fünften Mal befindet sich der Sozialdemokrat, der Niedersachsen seit 2013 betont unaufgeregt regiert, auf Sommerreise. Sie ist immer auch eine Werbetour - für Weil selbst, aber auch für das Land, das mehr zu bieten hat als Affären um verkorkste Auftragsvergaben durch das Wirtschaftsministerium oder die Staatskanzlei.

Weil konzentriert sich dieses Mal auf die Kraft-und Energiezentren des Landes. Dazu gehört der Besuch des 20 Millionen Euro teuren Windkanals, mit dessen Hilfe extreme Windverhältnisse simuliert und erforscht werden können. Das Labor Forwind gehört zum Zentrum für Windenergieforschung, das die Unis Oldenburg, Bremen und Hannover gemeinsam betreiben. Der Termin hier ist von hohem Erlebniswert - nicht nur wegen der Wirkung von Turbulenzen, die man hier geradezu körperlich spüren kann.

Beim Thema Energie ist der Ministerpräsident in seinem Element, wie Gespräche mit Wissenschaftlern, Universitätspräsidenten, aber auch Energiemanagern beweisen. „Die Windkraftanlage scheint das natürliche Habitat eines niedersächsischen Ministerpräsidenten“, sagt der Oldenburger Physiker Stephan Barth, der Weil mit Witz und Verstand durch die Anlage führt.

Weil fühlt sich aber durchaus auch auf anderen Terminen wohl. Auf „Fokkis Weidenfest“ in Bümmerstede bei Oldenburg zum Beispiel, wo Honoratioren im Maybach, in alten Feuerwehrautos oder gar in Kutschen vorfahren, Shantychöre um die Wette singen oder mehrere alte Damen in grell rosafarbenen Kostümen als Combo auftreten. Und die Luft ist voll von Diesel-, Bier- und schwerem Parfümgeruch. „Wir sind die fünf Pfiffigen“, sagt eine der lustigen Damen: „Früher waren wir die sieben Pfiffigen.“ Ja, ja, das Alter ...

Nicht provozieren lassen

Weil lässt sich mit den fünf Pfiffigen fotografieren, aber auch mit der deutschen Schönheitskönigin und dem Shantychor. Er ist für alle da, an diesem Tag, an dem die Sonne scheint und sich 1000 geladene Gäste auf einem Oldenburger Acker vergnügen. „Ich habe die gesamte Sommertour nur um diesen Termin herum gelegt“, behauptet Weil.

Ob er auch ein sechstes Mal als Ministerpräsident auf Sommertour wird gehen können? Das entscheidet sich mit der Landtagswahl im Januar. Den Meinungsumfragen zufolge hat Weils rot-grünes Bündnis derzeit keine Mehrheit. Weil aber scheint in sich zu ruhen. Selbst Provokationen von CDU-Herausforderer Bernd Althusmann, der unlängst von Rot-Grün als einer „Interimsregierung“ sprach, kontert er gelassen. „Streng genommen ist jede Regierung eine Interimsregierung“, sagt Weil. Und wenn die Opposition meine, die Wahl von 2013 sei ein Betriebsunfall gewesen, so irre sie.

Er wisse, wie dieses Land ticke, sagt der Ministerpräsident dann noch. Weltoffen und bodenständig eben. Im Grunde wie er selbst.

Ein gutes halbes Jahr vor den Landtagswahlen hat die FDP einen ersten Entwurf für ihr Wahlprogramm vorgelegt. Schwerpunkte sind die Bildung, der digitale Wandel und die Gründer-Förderung. Die Partei erhofft sich bei der Wahl im Januar 2018 ein zweistelliges Ergebnis.

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