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Niedersachsen Die Täter-Ärzte machten munter Karriere
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00:34 07.06.2018
ARCHIV - Geistigbehinderte Kinder des Gottlob-Weißer-Hauses in Schwäbisch Hall spielen Rigelreihen mit zwei Diakonieschwestern (Archivfoto von ca. 1930). Die Ausstellung "Eugenik und Euthanasie" im Hohenloher Freilandmuseum in Schwäbisch Hall-Wackershofen beschäftigt sich mit Zwangssterilisierung und Krankenmord während des Dritten Reiches. Die Exponate mit starkem Symbolcharakter, auch dieses Foto, sind noch bis zum 8. November zu sehen. dpa/lsw (zu dpa-KORR.: "Eugenik und Euthanasie im Dritten Reich" am 25.06.2009 - nur s/w) +++(c) dpa - Report+++ | Verwendung weltweit kinder euthanasie Quelle: Evangelisches_Diakoniewerk
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Hannover

Die Warnung war nicht zu überhören. Es bleibe ihm „dauernd unverständlich“, dass ein Arzt mit derartig schwerer ärztlich-ethischer Gewissensbelastung wieder tätig sein dürfe, ja sogar im öffentlichen Dienst als Beamter. So schrieb ein leitender Psychiater und früherer Lüneburger Heilanstaltsdirektor 1951, als es darum ging, ob der frühere SS-Mann Willi Baumert, wieder verbeamtet werden sollte. Ein Kindermörder, den man später auch den „Herodes von Lüneburg“ nannte. Doch der ehemalige SS-Obersturmbannführer Baumert machte in der Nachkriegszeit Karriere, war zuletzt sogar für einige Jahre Leiter der Landesheilanstalt Königslutter und Vorsitzender des Verbandes Niedersächsischer Neurologen und Psychiater. Den Fall Baumert und andere beleuchtet ein neuer Forschungsbericht des Medizinhistorikers Christof Beyer , der am Montag in der Medizinischen Hochschule Hannover vorgestellt worden ist. „Es ist schockierend, dass Täter aus dem Nationalsozialismus nach 1945 weiter Patientinnen und Patienten behandeln duften, als wäre nichts gewesen“, sagte Sozialministerin Carola Reimann (SPD) bei der Vorstellung der Studie, die noch ihre Vorgängerin Cornelia Rundt in Auftrag gegeben hatte. Reimann sprach von einem Staatsversagen.

Ein perfides Spiel

Es ist kein rühmliches Kapitel von Bundes- und Landesgeschichte, das Beyer in seiner Studie über „Personelle Kontinuitäten in der Psychiatrie Niedersachsens“ niedergeschrieben hat. Es geht um Männer und Frauen, die an der zentral gesteuerten „Erwachsenen“-Euthanasie teilgenommen haben und der Tötung von Kindern, die geistig oder körperlich behindert waren und den Nationalsozialisten als nicht lebenswert galten. An diesen Verbrechen waren vor allem Ärzte wie Baumert beteiligt oder Ernst Meumann, der im Zweiten Weltkrieg als Direktor an der sogenannten Heil- und Pflegeanstalt in Königslutter wirkte und von dort etwa 420 Patienten in die Anstalt Bernburg/Saale schickte, wo sie in Gaskammern mit Kohlenmonoxid umgebracht wurden. Meumann wird nach dem Krieg wieder nach Königslutter abgeordnet und ist für kurze Zeit sogar Direktor im Landesfürsorgeheim Moringen bei Göttingen, wo heute der Maßregelvollzug untergebracht ist.

Die Ärzte spielten im Dritten Reich ein perfides Spiel. Sie entschieden, welches behinderte Kind umgebracht werden sollte (meist mit sich langsam steigernden Nahrungsentzug und Medikamenten) und welches vorerst noch nicht. Nicht selten waren die Mediziner selbst davon überzeugt, dass der Tod der Kinder das Beste wäre – in den sogenannten „Kinderfachabteilungen“, die von 1940 an eingerichtet wurden. Ein Jahr zuvor hatte die nationalsozialistische Regierung eine Meldepflicht für Kinder mit geistigen und körperlichen Beeinträchtigungen bis zu einem Alter von drei Jahren eingeführt und später auf Minderjährige bis 14 Jahre erweitert. In Berlin entschied ein Gutachtergremium auf der Grundlage von Meldungen aus den Kinderfachabteilungen, was mit den jungen Menschen geschehen sollte. Den Eltern teilten die Verantwortlichen in den „Kinderfachabteilungen“ mit, „dass ihre Kinder dort die bestmögliche Behandlung“ erfahren würden, schreibt Gutachter Beyer. Tatsächlich wurden die Kinder dort getötet, wenn die Berliner Gutachter nach einem bestimmten Zeitraum grünes Licht gaben – die sogenannte Behandlungsermächtigung. Der Kindereuthanasie in der Heil- und Pflegeanstalt Lüneburg fielen beispielsweise von 1941 bis 1941 mehr als 300 Mädchen und Jungen zum Opfer.

Die Briten gingen „pragmatisch“ an die Entnazifizierung

Obwohl viele Ärzte in den Entnazifizierungsverfahren kurz nach dem Zweiten Weltkrieg als „Unterstützer“ des Regimes eingestuft waren, blieben ihnen kaum Türen verschlossen. Auch weil die Briten als Besatzer eher „pragmatisch“ vorgingen und Ende 1947 die Entnazifizierung sogar deutschen Spruchkammern überließen. Zudem empfanden immer größere Teile der deutschen Bevölkerung die Reinigung als eine Art „Hexenjagd“. Der noch kurz nach dem Krieg zu verspürende Wille der Allierten nach einem klaren Schnitt war schon Ende der 40er Jahre kaum noch zu verspüren. „Wer das rettende Ufer der 50er Jahre erreicht hatte, mußte keine ernsthaften strafrechtlichen Konsequenzen mehr fürchten“, schreibt der Medizinhistoriker. Hinzu kam der Grundgesetzartikel 131, der das deutsche Berufsbeamtentum sicherte, sowie die Tatsache, dass sich in den Fachabteilungen der Ministerien auch wieder Menschen befanden, die an der Tötungsmaschinerie vor und während des Krieges beteiligt gewesen waren. Hohe Abteilungsleiter wie Otto Bauer, die später sogar in Bonn Karriere machten, waren etwa im Krieg für die „Gesundheitspolitik“ im Krakauer Getto zuständig. Belastete Anstalts- und Klinikleiter plädierten für die Wiederanstellung ebenfalls belasteter Kollegen. Nicht selten mit dem Argument, sie hätten im Dritten Reich in ihren Stellungen ja nur so gehandelt, „um das Schlimmste zu verhindern“. Manchmal half auch die Unterscheidung, man sei ja nur aus Karrieregründen in die NSDAP eingetreten. So verteidigte sich 1948 etwa der NS-Arzt Baumert vor dem Entnazifizierungs-Hauptausschuss der Stadt Göttingen. Obwohl es viele kritische Voten gibt und auch Zeugen berichten, dass Baumert im Dritten Reich eher wie ein SS-Untersuchungsführer als ein Assistenzsarzt aufgetreten sei, wird er in dem Verfahren nur als „Unterstützer“ eingestuft – und darf als Arzt weiterarbeiten. Bezeichnenderweise spielen seine Untaten in der „Kinderfachabteilung“ überhaupt keine Rolle.

Erst im Gefolge der Ermittlungen der Frankfurter Generalstaatsanwaltschaft unter Fritz Bauer gegen Täter der NS-Zeit kommt es in den 1960er Jahren zu einer erneuten Ermittlungswelle gegen Ärzte, die an den Euthanisiemaßnahmen beteiligt waren – auch gegen einige niedersächsische Ärzte. Doch wegen Verjährung werden die Verfahren eingestellt. Immerhin kommt es zu berufs- beziehungsweise beamtenrechtlichen Sanktionen. Willi Baumert, der erst seine Taten leugnet und erst nach belastenden Zeugenaussagen zugibt, erleidet einen Herzinfarkt und wird in den vorzeitigen Ruhestand versetzt. Obwohl die Staatsanwaltschaft Lüneburg in mindestens 51 Fällen den hinreichenden Verdacht hat, dass Baumert gemeinschaftlichen Mord begangen hat, wird das Starfverfahren eingestellt, weil der Angeklagte als verhandlungsunfähig gilt. Der „Herodes von Lüneburg“ stirbt am 10. Februar 1984 im Alter von 75 Jahren.

Von Michael B. Berger

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