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Niedersachsen Kinder zurück: Mutter spricht über ihren Kampf
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00:35 25.05.2018
Die Mutter der zwei in Tunesien festgehaltenen Kinder, Katharina Schmidt, zeigt die Fotos ihrer Kinder auf einem Handydisplay. Quelle: dpa
Hannover

Drei Jahre. Ohne ihre Töchter. Eine lange, aufreibende, beängstigende Zeit der Unsicherheit und der Kämpfe liegt hinter Katharina Schmidt, als sie am Dienstagmorgen am Hauptbahnhof Hannover aus dem Zug steigt. Fix und fertig sei sie, sagt die 38-jährige Ärztin, ihre Mädchen Maryam und Hanna an der Hand. Aber „super glücklich“.

Erschöpft und doch glücklich. Drei Jahre lang hat Schmidt um die Rückkehr der vom Vater nach Tunesien entführten Töchter gekämpft. Inzwischen elf und neun Jahre alt sind die Mädchen, die sie gemeinsam mit dem aus Tunesien stammenden Kais B. in Hannover bekommen hatte, als beide mutmaßlich noch glücklich miteinander waren. Von Glück konnte bis Dienstag kaum die Rede sein.

Vater verurteilt, Kinder in Tunesien

Der Vater sitzt seit mehr als zwei Jahren im Gefängnis , zweimal verurteilt wegen Kindesentziehung. Die Kinder haben die vergangenen Jahre von Vater und Mutter getrennt in Kasserine etwa 300 Kilometer südwestlich der Hauptstadt Tunis in den tunesischen Bergen verbracht. Bei Menschen, die sie bis zum Sommer 2015 kaum oder gar nicht gekannt hatten, bei Tante und Onkel und den Großeltern. Die sie nicht mehr hergeben wollten.

Eigentlich sollten die Maryam und Hanna in Kasserine – mit Einwilligung der Mutter – nur ein halbes Jahr verbringen, um die Heimat ihres Vaters kennenzulernen. Doch weil es damals schon heftig kriselte in der Ehe des Elternpaars, ließ B. die Mädchen nicht mehr nach Deutschland zurückreisen. Anfang 2016 kam der Tunesier nach Hannover, um seine Position im Sorgerechtsstreit zu vertreten – und wurde während des Termins im März festgenommen. Seitdem sitzt er in Haft.

Doch den Mädchen und auch der Mutter war auch damit bis Dienstagnacht nicht geholfen. Erst als gegen drei Uhr morgens endlich die Lufthansa-Maschine mit Schmidt, ihrer Schwester Maria Szur und den beiden Mädchen an Bord nach Frankfurt abhob, gab es so etwas wie ein Durchatmen.

Nervenkrieg und Todesangst

Bis dahin hatte auch nicht geholfen, dass Schmidt vor Gerichten in Hannover und in Tunesien das alleinige Sorgerecht für ihre Mädchen erkämpft hatte, deutsche Pässe für die Mädchen besorgt und am Flughafen eine gerichtliche Ausreisegenehmigung vorlegen konnte. Schmidt hatte bis zum Abheben der Maschine noch einmal „so etwas wie Todesangst“, wie sie dem NDR sagte. Weil die tunesischen Behörden Mutter und Kinder am Flughafen festhielten, ihrerseits von Kindesentführung sprachen und mit Gefängnis drohten. Bis zuletzt war unklar gewesen, ob die tunesischen Behörden sie aus dem Land lassen würden. Ein Nervenkrieg bis zum Schluss.

Dabei hatte sich erst kurz zuvor über Pfingsten das Blatt zugunsten Schmidts gewendet. Sie war wieder einmal für eine Woche in Kasserine, so wie sie es seit Jahren einmal im Monat gemacht hatte. Zuvor hatten die Kinder wie einstudiert immer den Satz wiederholt „Wir wollen weiter in Kasserine zur Schule gehen“, hatte Schmidt im April vor Gericht als Zeugin ausgesagt.

Doch in der vergangenen Woche sagte Maryam plötzlich , sie wolle nach Hause. Geradezu angebettelt hätten die Kinder sie. Es war niemand da, der sie hindern konnte. Katharina Schmidt packte ihre Kinder ins Auto und floh mit ihnen nach Tunis. Alles schien geregelt: Es gab die Pässe für die Kinder, das Sorgerecht war selbst nach tunesischen Recht geklärt, es gab eine Ausreisegenehmigung, ausgestellt von einem tunesischen Gericht. Das Auswärtige Amt war in den Fall eingeschaltet. Mitarbeiter der deutschen Botschaft machten Katharina Schmidt Mut.

Vorwurf der Kindesentführung

Ein Irrtum. Tunesische Beamte konfrontierten Schmidt am Sonnabendabend plötzlich ihrerseits mit dem Vorwurf der Kindesentführung. Die Pässe wurden ihr abgenommen. Die Ausreise doch noch verweigert. Zwei Tage dauerte die „höllische Tortour“, wie Schmidt die Zeit gegenüber der Deutschen Presse-Agentur nannte, noch. Dann endlich durfte sie ausreisen.

Und nun? Seit ihrer Ankunft in Hannover will Schmidt nicht mehr reden. Bittet um Ruhe, auch für ihre Kinder. Das sei genau das, was die Kinder nun brauchten, sagt der niedersächsische Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes, Johannes Schmidt. „Jetzt muss in der Familie erst einmal Ruhe einkehren, Mutter und Kinder müssen wieder Nähe aufbauen. Der Alltag muss Struktur bekommen.“ Dass sie Angst hat, dass Kais B. ihr die Kinder wieder wegnehmen könnte, sagt Katharina Schmidt noch.

Noch sitzt der Vater nach seiner jüngsten Verurteilung zu weiteren Monaten Haft im Gefängnis. Doch da soll er nach den Worten seines hannoverschen Anwalts Michael Hahne nicht bleiben. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der Jurist kündigte noch Dienstag an, eine Haftprüfung zu beantragen. „Dass die Kinder wieder in Deutschland sind, erhöht die Chancen, dass mein Mandant auf Bewährung freikommt“, sagte Hahne noch.

Welche Rolle spielte der Vater?

Die Staatsanwaltschaft Hannover will nun prüfen, ob der Kindsvater oder dessen Familie womöglich an der Rückkehr nach Deutschland beteiligt gewesen ist. Dies könnte sich dann eventuell positiv auf die Haftstrafe von Kais B. auswirken. „Bislang gibt es aber keine Hinweise darauf“, sagt Oberstaatsanwalt Thomas Klinge.

Noch etwas sagt der Anwalt von Kais B.: „Wir werden auf jeden Fall versuchen, wieder das gemeinsame Sorgerecht zu bekommen.“ Dem Ansinnen gibt Klaus Kohlenberg „keine Chance“. Der Rechtsanwalt hat Schmidt im Sorgerechtsstreit vertreten. „Ich bin der Übrezeugung, dass es das nicht geben wird.“ Für Katharina Schmidt muss die Ankündigung trotzdem wie eine Drohung klingen.

Von Karl Doeleke und Peer Hellerling

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