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Niedersachsen Niedersachsen und der Brexit: Was ist noch zu retten?
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00:16 14.02.2019
MIt Europaministerin Birgit Honé in London: HAZ-Reporter Marco Seng. Quelle: HAZ/Franson/Montage

Sonntag, 18 Uhr, Flughafen Hannover: Gleich geht es los mit der Mission „nur mal schnell die Welt retten“. Oder zumindest Europa unter besonderer Berücksichtigung der niedersächsischen Wirtschaft. Wie auch immer – Europaministerin Birgit Honé (SPD) fliegt nach London. Sie trifft wichtige Leute, es reiht sich Gespräch an Gespräch. Na gut, Premierministerin Theresa May ist nicht auf der Liste, aber die ist eh meist in Brüssel. Auch die Queen hat leider keine Zeit. Obwohl es vom Hotel nur 650 Meter zum Buckingham Palace sind.

Montag, 10 Uhr, Belgravia. Es ist kompliziert in Großbritannien. Und damit ist nicht gemeint, dass man beim Überqueren von Straßen trotz aller guter Vorsätze immer in die falsche Richtung schaut. Niedersachsens Europaministerin bekommt die chaotischen Zustände auf der Insel schon im Hotel zu spüren. Vergeblich sucht Honé auf der 5. Etage nach Zimmer 558. Mit Hilfe des freundlichen Personals wird sie schließlich in einem Seitenflügel des 4. Stocks fündig. Auch einige offenbar überzählige Zimmer aus dem 7. Stock sind hier untergebracht. „Was für ein Durcheinander“, seufzt Honé.

Montag, 11 Uhr, Downing Street No. 9. Das gilt erst recht für den Brexit: hart oder weich, Deal oder No-Deal, Backstop oder kein Backstop, Brexeteer gegen Remainer. Auch die deutschen Experten, die Honé am Montagmorgen im Regierungsviertel trifft, zucken etwas ratlos die Schultern. Einen Austritt ohne Abkommen will keiner, sagen sie. Eine Lösung ist aber auch nicht in Sicht. Die Regierung von Theresa May bleibe stur. „Die zocken bis zur letzten Sekunde“, heißt es. Spannende Zeiten in Großbritannien. Die niedersächsische Ministerin lässt sich von der Aufregung nicht anstecken. „In zehn Jahren werden wir sagen, wir waren zumindest ein bisschen dabei.“

Montag, 13 Uhr, Agrarministerium. Na, bitte, geht doch: die erste kleinere Erfolgsmeldung der Reise. Bei den zwischen Großbritannien und der EU umstrittenen Fischfangquoten sind 2019 keine Veränderungen zu erwarten. Das habe ihr Fischereiminister George Eustice versichert, erzählt Honé nach dem Gespräch. Doppelter Erfolg quasi für die SPD-Politikerin, gilt Eustice doch als strammer Brexit-Befürworter. Wehe in Hannover fragt noch mal jemand, was eine Europaministerin eigentlich beruflich macht!

Montag, 14 Uhr, Pub „The Clarence“. Dass es nach dem 29. März in der Nordsee nicht drunter und drüber geht, darüber freut sich auch Peter Breckling. Honé hat den Generalsekretär des Deutschen Fischereiverbandes mit nach London geschleppt. Man weiß ja nie, wofür man so einen Fisch-Fachmann gebrauchen kann. „Die Briten sagen, sie wollen ein größeres Stück vom Kuchen haben“, sagt Breckling, wobei „mehr Kuchen“ hier „mehr Fisch“ meint. Und es gibt noch einen Haken bei der Quote: den Beifang. Der sei früher ins Meer geworfen worfen worden und müsse heute angelandet und getauscht werden. Sagen wir mal: eine Tonne Wal gegen drei Tonnen Rochen. Stille im Saal. Nein, nicht von Schiff zu Schiff auf hoher See, erklärt Breckling – nur auf dem Papier.

Montag, 16, Uhr, Loughton. Was machen niedersächsische Unternehmen in London so? Zum Beispiel purpurfarbene Riesengebläse für Saudi-Arabien bauen. Oder brasilianische Motoren, die über Portugal geliefert wurden, passend machen. „Das ist Globalisierung“, erklärt Matthew Morey lachend. Morey ist Chef der Londoner Niederlassung der Aerzener Maschinenfabrik. Einer, der dem EU-Austritt mit typisch britischem Humor begegnet. „Wir sind nicht sehr beliebt im Moment“, sagt Morey auf die Frage, wie die Geschäfte mit Irland so laufen. Und dann fasst er kurz und knapp zusammen, was nach seiner Ansicht nach nach dem Brexit passieren wird: Die Briten seien nicht vorbereitet, das Land werde in ein tiefes Loch fallen, die Regierung tue gar nichts. Ach, und das solle Honé bitte auch morgen der Regierung sagen. „Mache ich“, versichert die Ministerin.

Dienstag, 10 Uhr, Westminster Hall. Hach, ist das alles wieder spannend. Niedersachsens Europaministerin Honé trifft gleich im britischen Unterhaus Premierministerin Theresa May. Sagen wir besser, sie sieht Mays Rede von der Tribüne aus, wenn diese die nächste Brexit-Rakete zündet. Oder sagen wir noch besser, sie sieht May von der Tribüne aus, falls diese zur richtigen Zeit redet – dann nämlich, wenn Honé auf der Tribüne sitzt. Aber immerhin. Dass die niedersächsische Delegation dem Brexit heute noch näher kommt, darf bezweifelt werden.

Dienstag, Westminster Hall, 16 Uhr. Das war wohl nichts. Jetzt hat Honé die Premierministerin gar nicht gesehen, nicht mal durch die Scheibe auf der Besuchertribüne des Unterhauses. Auf den grünen Regierungsbänken lümmeln sich weniger Abgeordnete als kurz vor der Mittagspause im Landtag. Es läuft eine Debatte über mehr Qualität im britischen Journalismus. Oha, das ist mal ein Auftrag. Honé hält es nicht lange auf der Tribüne aus, das Außen- und Commonwealth-Ministerium will schließlich auch noch besichtigt werden. Der Besuch im Parlament hat sich auch ohne May gelohnt. Wann darf man schon mal mit drei waschechten Lords dinieren – im „Strangers´ Dining Room“. Und das ausgelegte Rattengift in den Sitzungsräumen in Westminster Hall gibt etwas Hoffnung in Sachen Brexit. Denn die Nager verlassen ja bekanntlich schnell ein sinkendes Schiff.

Dienstag, Außen- und Commonwealth-Ministerium, 18 Uhr. Groß, alt, pompös: das ist das britische Außenministerium. Und zugig könnte man noch hinzufügen. Die Nachwuchs-Diplomaten, die im Atrium UN spielen, ziehen trotz Heizstrahlern teilweise ihre Jacken nicht aus. Der eigentliche Star des Ministeriums ist Palmerston, schwarz-weißer Kater und regierungsamtlicher Mäusejäger. Und wie es sich für einen Kater gehört, der nach einem ehemaligen britischen Kriegsminister benannt ist, prügelt sich Palmerston dem Vernehmen nach gerne mit dem Konkurrenten von gegenüber: Larry, Kater von Premierministerin Theresa May in Downing Street No. 10. Noch amüsanter als diese Anekdote findet Honé allerdings das Katzenklo von Palmerston – und zwar sprichtwörtlich: vor der Tür ihres Gesprächspartners Sir Simon McDonald, Staatssekretär und ehemaliger britischer Botschafter in Deutschland.

Mittwoch, 11 Uhr, Victoria. Es ist vollbracht. Nach dem letzten Tee (vor 17 Uhr) und dem letzten verteilten Gastgeschenk, kann Honé ein positives Fazit ihrer dreitägigen Reise auf die Insel ziehen. Obwohl das mit den Geschenken auch so seine Tücken hat. Besonders wenn der Sicherheitsbeamte beim Durchleuchten der Taschen das Niedersachsen-Pferd aus Porzellan nicht als solches erkennt. Der Dialog zwischen ihm und einer Mitarbeiterin der Ministerin ging übersetzt ungefähr so. Er: „Was ist das?“, Sie: „Ein Pferd.“, Er: (lacht) „Das ist kein Pferd, das ist ein Frosch.“, Sie: „Das ist ein Pferd.“, Er: „Nein, eindeutig ein Frosch.“ Am Ende lenkte der Wachmann ein und Honé konnte ihren Porzellan-Frosch, pardon Pferd, an den Gastgeber bringen. Am Mittag flog die Ministerin von Heathrow nach Berlin. Der Bundesrat wartet. Und damit endet auch dieser London-Blog. „Good bye.“

Von Marco Seng

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