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Niedersachsen HAZ-Wahlreise: Versunkene Träume in Südniedersachsen
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08:30 02.10.2017
Ruth Brockhausen im Zuschauerraum ihres Puppentheaters: „Wo wollen wir hin?“ Quelle: Villegas
Northeim

Der Drache wird sich nicht in Luft auflösen. Er war da, er ist da, er bleibt da. Er wurde unter dem Fußboden entdeckt, als man den Keller herrichten wollte. Und die Menschen müssen ihn respektieren. Er tut nichts, er bewegt sich nur manchmal. Das hat auch Vorteile: Aus den Schuppen, die der Drache verliert, wurde eine Treppe bis hoch hinauf unters Dach gebaut. Und es ist eine schöne und stabile Treppe geworden.

Ruth Brockhausen erzählt von dem Drachen, wenn sie Gäste durch die Räume ihres Figurentheaters „Theater der Nacht“ in Northeim in Südniedersachsen führt. Das Gebäude war mal eine karge, kantige Feuerwache. Jetzt ist es ein verspieltes Bauwerk mit Zipfelmützendach, ein Haus für Fantasie und Träume. Beides gehört zu den wichtigsten Zutaten für das, was man Zukunft nennt.

Südniedersachsen ist ein Krisengebiet. Wer nach Northeim kommt, sieht beim flüchtigen Durchwandern des Ortes ein schmuckes Fachwerkstädtchen, 29 000 Einwohner, Kreissitz. Dann, auf den zweiten Blick, entdeckt man die Schaufenster, die gar keine sind. Da hängen Plakate von Sportvereinen und Reklamen für Seminare hinter Glas, und wenn man erst einmal darauf achtet, fallen einem auch die Billigläden und die ange­nagten Fassaden auf. Plötzlich ist Northeim gar nicht mehr schmuck, sondern stellenweise schäbig.

Zurück bleiben die Alten

Südniedersachsen ist eine schrumpfende, wirtschaftlich angeschlagene Ecke des Landes. Göttingen ist ein Stabilitätsanker, aber je weiter man sich von der Stadt entfernt, umso schwieriger wird es. Die Menschen haben in den letzten Jahrzehnten weniger Kinder bekommen. Die Kinder, die in Südniedersachsen noch aufgewachsen sind, ziehen heute häufig fort. Andere ziehen nicht hin. Die Wirtschaft bietet entweder zu wenig Jobs oder sucht Leute, die es dort nicht mehr gibt. Firmen orientieren sich deswegen anderweitig. Dann ziehen noch mehr Menschen weg. Und so weiter.

In den Neunzigern wurden pro Jahr 400 bis 500 Baugenehmigungen im Landkreis Northeim ausgestellt. 2011 war es noch 75. Die Hauspreise sind dramatisch gefallen. Die Statistiker sagen, dass im Jahr 2030 im Landkreis Northeim 22 Prozent weniger Menschen leben werden, im Landkreis Osterode 24 Prozent weniger. Zurück bleiben die Alten, die sozial Schwachen, die Traurigen. Wenn man nichts tut.

Ruth Brockhausen arbeitet in ihrem Figurentheater gerade an einem neuen Projekt. Es heißt „Die versunkene Stadt“. Darin geht es um einen Ort, der im Meer untergegangen ist, aber es gibt dort noch Leben. Was passiert da unten? Was könnte passieren? Ruth Brockhausen hat nur den Anfang entwickelt, den Rest der Geschichte sollen andere erzählen, Schulklassen, Vereine. „Natürlich geht es dabei auch um den Ort hier“, sagt sie. „Wir möchten über die Fantasie ins Gespräch kommen: Wo wollen wir hin?“

Mit Fantasie kennt sich die studierte Theologin aus. Und mit dem, was passiert und passieren könnte, auch: Als das Figurentheater geplant wurde, gab es durchaus Widerstand in Northeim gegen das „verrückte Haus“ (Brockhausen). Zur Eröffnung 2001 wuchs dann aber der Zuspruch, es gab einen Maskenumzug. Das wurde sogar Tradition, doch vor ein paar Jahren schauten nicht mehr viele aus den Fenstern, weil etliche Wohnungen leer standen.

Wie geht man mit so einer Situation um? Man müsse sie gestalten, sagt Ruth Brockhausen, nicht kaschieren (wie es die Geschäftsleute mit den zugeklebten Schaufensterscheiben tun). „Etwas zu gestalten hat mit Anschauen, mit Arbeit und mit Erfahrungen zu tun, die man macht.“

Daran arbeitet zurzeit Ulrike Witt. Sie leitet das Projektbüro des Südniedersachsenprogramms in Göttingen. Das Programm startete 2015 mit dem Ziel, „Innovation und Aufbruch“ nach Südniedersachsen zu tragen. Es war ein Versuch der Landesregierung, den Schrumpfungsprozess aufzuhalten: Breitband-Internetanschlüsse, Wirtschaftsförderung, Sozialprojekte. Vorhaben für 100 Millionen Euro sollten angeschoben werden. Das hat auch funktioniert. Aber für die Sicherung oder gar das Schaffen von Arbeitsplätzen reichten zwei Jahre nicht, sagt Ulrike Witt. Für sie ist es wichtig, dass heute die Landkreise bei der Wirtschaftsförderung an einem Strang ziehen - „Die Wirtschaft denkt nicht in Kreisgrenzen“ -, dass sich in den Köpfen beispielsweise die Möglichkeit eines „Wirtschaftsstandortes Dorf“ einnistet. Was ja geht, wenn das Internet auf dem Land schnell genug ist.

Den Wandel nicht nur aushalten

Doch das alles heißt nicht notwendigerweise, dass die derzeitige Lage sich ins Gegenteil verkehrt. „Dass es noch Riesen-Neuansiedlungen von Firmen geben wird, glaube ich nicht“, sagt Ulrike Witt. Die Wirtschaftsstruktur der Zukunft in Südniedersachsen werde eher „klein, fein, intelligent“ aussehen: Dienstleister und digital gut aufgestellte Mittelständler. Aber auch dafür müsse man mehr tun, als den Wandel nur auszuhalten.

Eines der Südniedersachsenprojekte ist der „Ecobus“. Fünf Pilotversuche starten gerade. Keine Fahrpläne, keine Linien, stattdessen Kleinbusse mit Rufbereitschaft per Smartphone-App. Für Gegenden, in denen kein Nahverkehr mehr existiert.

Der Drache verschwindet nicht. Aber man kann seine Schuppen nutzen, um damit etwas zu schaffen, das ohne diese Schuppen nicht existieren würde.

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