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Deutschland / Welt Wie war das noch mit dem Eszett?
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10:54 01.08.2018
Stengel, Roheit, Phantasie – Worte, die aus dem Duden fielenMontage: RND / Foto: istock
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Berlin

Es gibt sie noch, die hartnäckigen Reformgegner. Der Germanist Uwe Grund zum Beispiel beantwortet die Anfrage zum Thema per E-Mail. Da kann er die alte Rechtschreibung verwenden und seine Thesen somit plastisch untermalen.

„Auch das zum xten Male redigierte Regelwerk ist über weite Strecken unverständlich oder widersprüchlich oder lückenhaft“, beschwert sich der Autor des Buches „Orthographische Regelwerke im Praxistest“. Und demonstriert in diesem einen Satz schon gleich praktischen Widerstand: Seit 1998 müsste es zum „x-ten Male“ heißen.

Quiz zur Rechtschreibreform

Beherrschen Sie Doppel-S sowie Groß-und Kleinschreibung? Die Rechtschreibreform vom 1. August 1998 zog eine hitzige Debatte nach sich, der Deutsche Rechtschreibrat änderte über die Jahre einige Dinge nachträglich. Doch wie schreibt man Fremdwörter heute richtig? Testen Sie Ihr Wissen bei diesem Quiz.

Am 1. August vor 20 Jahren wurde im deutschsprachigen Raum eine große Rechtschreibreform eingeführt und ein Kulturkampf eingeläutet. Die Bundesrepublik ereiferte sich über Schifffahrt mit drei f und die teilweise Ablösung des Eszetts durchs Doppel-s und verzog angesichts von Majonäse und Ketschup angewidert das Gesicht.

Autokorrektur statt Orthografie

Große Schriftsteller wie Martin Walser, Siegfried Lenz und Günter Grass wetterten damals gegen die „Schlechtschreibreform“. Die „Zeit“ veröffentlichte noch sechs Jahre später eine Typologie der Rechtschreibgegner, vom nostalgischen Beraubten bis hin zum oberlehrerhaften Demagogen. In Zeiten von Sprachnachrichten und schnellen Internetposts erscheinen diese emotionalen Ergüsse befremdlich – man würde sie nun wohl ohnehin mithilfe von Emoji-Bildchen ausdrücken.

Wer sich heute über Rechtschreibung ärgert, dessen Smartphone hat wahrscheinlich gerade mal wieder mit der Autokorrektur ein Wort verschlimmbessert. Angesichts von Korrekturprogrammen, die jeden Fehler am Computer rot unterkringeln (und dabei manche Feinheit verpassen), erscheint manchen das Wissen um die Orthografie so obsolet wie das Kopfrechnen in Zeiten von Taschenrechnern. Mit „I bims“ – als bewusste Falschschreibung von „Ich bin’s“ – wurde 2017 sogar die Abkehr von der Norm als Jugendwort des Jahres zelebriert. Während die korrekte Rechtschreibung in der öffentlichen Sphäre nach wie vor Maßstab ist, scheint sie in der privaten Kommunikation an Bedeutung zu verlieren.

Junge Leute schreiben wieder – aber anders

Der Sprachwissenschaftler Peter Schlobinski aus Hannover beschreibt andere aktuelle Einflussfaktoren auf die Schriftsprache: „Text und Bild sind immer enger verzahnt. Sprache-zu-Text-Apps, Lingubots und der rasante Fortschritt bei Anwendungen von künstlicher Intelligenz: All dies hat mehr Auswirkungen auf die Entwicklung der Schriftsprache als irgendeine Neuauflage der Rechtschreibreform.“ Dem Experten zufolge hat im digitalen Zeitalter die Produktion von Texten zugleich deutlich zugenommen, vor allem bei Jugendlichen. „Es wurde wohl noch nie so viel geschrieben wie heute“, sagt er.

Bei Whatsapp und Facebook ist die Sprachökonomie – also möglichst viel Information auf wenig Raum unterzubringen – wichtiger als die Kommasetzung. Andererseits ist besonders bei Twitter eine Gegenentwicklung zu beobachten: Nutzer beschwören hier immer wieder die korrekte Rechtschreibung als Bastion zivilisierter Kommunikation und als Abgrenzung zu den Internettrollen, deren Pöbeleien oft vor Fehlern nur so strotzen.

Die einheitliche Orthografie als konstituierendes Element einer Gesellschaft – so hat es einmal angefangen. Als das Deutsche Reich Ende des 19. Jahrhunderts ökonomisch und politisch zusammenwuchs, sollte sich das auch im gemeinsamen Sprachbild widerspiegeln. 1880 veröffentlichte Konrad Duden sein Wörterbuch, den sogenannten Urduden. Er löste die vielen Regelhefte ab, mit denen die Schulverwaltungen einzelner Länder die Schüler bis dahin traktiert hatten. Auch damals gab es Widerstand.

Einknicken vor dem dritten F

Dann ist „der Duden“ den Deutschen so ans Herz gewachsen, dass viele die Reform von 1998 als Zumutung empfanden. Seitdem schreibt man in den Schulen „heute Abend“ statt „heute abend“ und „Kuss“ statt „Kuß“. Eine großzügige Schonfrist verhinderte bis 2005, dass es für die alte Schreibweise Punktabzug gab. Ebenso lange sträubten sich die Deutschen gegen das als Bevormundung verstandene Regelwerk. Die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“, der „Spiegel“ und der Springer-Verlag boykottierten zeitweise die neuen Regeln. Selbst der Bundestag versuchte, sie zu verhindern. Eine Verfassungsbeschwerde in Karlsruhe scheiterte.

Und heute? Hat sich die Aufregung größtenteils gelegt. Die Menschen, die noch immer den weitgehenden Verlust des ß betrauern, sind weniger geworden – wie diejenigen, die noch in Mark umrechnen. Selbst ein besonders beharrlicher Nostalgiker lenkte im Mai dieses Jahres ein: Seitdem führt auch das Deutsche Schifffahrtsmuseum in Bremerhaven das dritte „f“ im eigenen Namen.

Die Reform – eine Belästigung fürs Volk?

Der Publizist Wolf Schneider, der neben maßgeblichen Büchern über Stil vor 20 Jahren auch flammende Leitartikel gegen die Reform verfasste, sagt heute: „Das Thema kann mich nicht mehr bewegen. Das Auge hat sich an das neue Schriftbild gewöhnt.“ Dennoch befolgt er selbst bis heute nur eine einzige der nun bereits in die Jahre gekommenen Regeln: das Doppel-s nach Vokal. „Es macht Sinn, dass Schoß und Schloss nicht wie früher ähnlich geschrieben werden.“

Das Volk empfände Rechtschreibreformen immer als Belästigung, meint der langjährige Leiter der Henri-Nannen-Schule für Nachwuchsjournalisten. „Kein Kölner wollte am Rhein leben, wenn der ohne h geschrieben würde.“ Andere Länder wie England und Frankreich hätten eine Reform der Rechtschreibung viel nötiger gehabt als Deutschland: „Es gibt 16 verschiedene Schreibweisen für den französischen Laut ,o‘“, konstatiert Wolf. Orthografie bleibt für den Träger des Medienpreises für Sprachkultur wichtig: „Wer Fehler im Anschreiben macht, hat auch heute weniger Erfolg bei der Jobsuche – selbst wenn die Bewerbung per Mail verschickt wird.“

Ein leises Echo der Rechtschreibreform-Debatte gab es im Juni, als der Rechtschreibrat auf Vorschlag des Landes Berlin eine AG für gendergerechtes Schreiben ins Leben rief. Experten streiten sich in jüngster Zeit darüber, ob man wie bislang beim generischen Maskulin bleibt, mit dem die weibliche Form automatisch mitgemeint ist, oder diese mit Binnen-I (LeserInnen) oder Gendersternchen (Leser*innen) kennzeichnet. Der Rat scheut aber bislang vor einer verbindlichen Empfehlung zurück.

Majonäse ist wieder passé

Die Linguistin und Genderforscherin Reyhan Sahin, die auch als Rapperin Lady Bitch Ray bekannt ist, bedauert das. Sie sagt: „Was ich gar nicht mag, sind Menschen, die sich beim Schreiben von Texten gar keine Mühe geben bezüglich der Orthografie oder der Gendersprache. Natürlich habe ich Verständnis, wenn Menschen alles klein schreiben, weil keine Zeit da ist und es schnell gehen muss in Chats. Aber die Ausrede, nur die männliche Form zu benutzen und danach zu behaupten, ich meine auch die Frauen damit‘, ist überholt.“

Korrigiert Kommafehler in Tweets: Linguistin und Rapperin Reyhan Sahin. alias Lady Bitch Ray Quelle: carlos fernandez laser

Korrekte Rechtschreibung ist für Sahin auch in der digitalen Kommunikation wichtig. „E-Mails sind mittlerweile so etwas wie Briefe für mich und sollten ordentlich geschrieben werden.“ Sie berichtet von Freunden, die sich über sie lustig machten, weil sie immerzu deren Kommafehler korrigiere.

Neben dem Gendersternchen ist der Umgang mit Anglizismen ein aktuelles Thema. Womöglich klärt der Duden eines Tages, ob man nach einer freien Assoziationsübung gebrainstormed, braingestormed oder gebrainstormt hat.

Sprache ist immer im Fluss, denn sie ist Ausdruck von Lebenswirklichkeit und Zeitgeist. Und auch die Rechtschreibung verändert sich stetig. Der Rat für deutsche Rechtschreibung, der 2004 den Duden als maßgebliche Instanz für Rechtschreibung abgelöst hat, reformiert die Reform von 1998 kontinuierlich weiter und überarbeitete etwa Getrennt- und Zusammenschreibung, Groß- und Kleinschreibung, Zeichensetzung und Silbentrennung.

Ketchup und Mayonnaise haben sich durchgesetzt, seit einer Regelanpassung 2017 sind die eingedeutschten Varianten wieder passé – auch „passee“ darf man seitdem nicht mehr schreiben. Selbst das ß erlebt eine Renaissance: Seit der letzten Regelanpassung gibt es den Buchstaben offiziell auch in der großen Variante. Grund dafür ist der Trend zur Schreibweise in Versalien in der Werbung und in Büchern.

Wer sich schwertut mit der Rechtschreibung, kann sich übrigens auf einen großen Dichter berufen. „Mir war die konsequente Rechtschreibung immer ziemlich gleichgültig“, soll ausgerechnet Johann Wolfgang von Goethe bekannt haben. „Wie dieses oder jenes Wort geschrieben wird, darauf kommt es doch eigentlich nicht an; sondern darauf, daß die Leser verstehen, was man damit sagen wollte!“ Heute hätte der Lektor dem Geheimrat das ß rausgestrichen.

Von Nina May und Frederike Müller

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