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Deutschland / Welt Wer gewinnt das Psycho-Duell?
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11:34 03.09.2017
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) gegen Herausforderer Martin Schulz (SPD) am Sonntagabend im TV-Duell. Quelle: dpa/RND-Montage
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Berlin

Gelassenheit, Gelassenheit. Irgendwann nervt sie auch, diese verflixte Gelassenheit.

Martin Schulz zeigte sich ein bisschen kratzbürstig, als ein ARD-Team ihn zwischen zwei Wahlkampfterminen auf der Straße auf einen Auftritt Angela Merkels vor der Bundespressekonferenz ansprach. Die Kanzlerin hatte sich lächelnd, mit auffallendem Gleichmut und unfallfrei durch die 90 Minuten laviert.

So läuft das TV-Duell auf ihrem Portal

Für das RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) begleiten der ehemalige Ministerpräsident von Schleswig-Holstein, Torsten Albig (SPD) und der frühere Erste Bürgermeister Hamburgs, Ole von Beust (CDU), die TV-Debatte. In unserem Liveticker lesen Sie, wie die beiden Politexperten das TV-Duell live kommentieren.

Sie wollen selbst sagen, wie ihnen Martin Schulz (SPD) und Angela Merkel (CDU) im Spitzenduell gefallen? Dann bewerten Sie die Kanzlerkandidaten mit unserem Debat-O-Meter live während der Debatte.

„Frau Merkel macht einen entspannten Eindruck hat man mir gesagt“, ätzte Schulz. Es gebe allerdings „viele Leute in diesem Land, die keine Entspannung kennen, weil sie hart arbeiten müssen für sich und ihre Kinder, weil ihnen Kita-Plätze fehlen, weil die Rente nicht reicht ...“

Das Statement des grummelnden Kandidaten wurde am Dienstag in der „Tagesschau“ um 17 Uhr ausgestrahlt. Inzwischen haben Leute aus dem Lager Merkels, Abteilung Gegnerbeobachtung, die Passage schon ein paarmal angesehen, sie beginnt bei zwei Minuten, 38 Sekunden.

„Neue Freunde haben Sie sich sicherlich nicht gemacht“

Jetzt rätseln die PR-Profis in Berlin: Ist diese Angriffslust die Grundstimmung, in der Schulz auch am Sonntag in das Fernsehduell gehen will? Viele in der SPD wünschen sich das, es sei jetzt mal „Zeit für Attacke“. Doch putzigerweise hofft auch das Team der Kanzlerin auf einen Schulz, der die Hörner senkt und angreift. Wenn der Mann aufdreht, heißt es in Merkels Umgebung, macht er Fehler, große und kleine.

Tatsächlich thematisierte Schulz im Juli zur Überraschung von Freund und Feind eine mögliche neue Flüchtlingswelle – verschaffte damit aber unterm Strich nicht seiner eigenen Partei Pluspunkte, sondern nur der AfD.

In dieser Woche sprach Schulz über die Dieselaffäre und sagte bei Kundgebungen in Bremen und Trier den Satz: „Mich interessieren Golffahrer mehr als Golfspieler. Die Arroganz dieser Leute gefährdet einen ganzen Industriezweig.“ Das brachte erst mal Beifall und Gelächter. Doch am Sonntag wird sich Schulz diesen Kalauer verkneifen. Denn inzwischen hat sich der Deutsche Golfverband (DGV) bei ihm gemeldet und mitgeteilt, seine 1,8 Millionen Mitglieder, unter ihnen auch viele SPD-Mitglieder und Golffahrer, fühlten sich zu Unrecht in eine elitäre Ecke geschoben. „Neue Freunde haben Sie sich sicherlich nicht gemacht“, schrieb DGV-Präsident Claus Kobold.

Merkel will „maximale Zahl von Menschen“ überzeugen

Der kleine Golfkrieg bewegt politisch wenig, er wirft aber ein Schlaglicht auf eine strategische Grundsatzfrage für Schulz: Will er streng genommen überhaupt neue Freunde gewinnen? Oder geht es ihm erst mal nur darum, die in jüngster Zeit verunsicherten eigenen Anhänger wieder hinter sich zu versammeln?

Seine Berater drängen ihn zu Variante zwei: Wahlkampf für die eigene Truppe. Das Mindeste, was ein SPD-Chef jetzt leisten müsse, sei es, erst mal jene 25 bis 30 Prozent der Zuschauer zu mobilisieren, die sich vorstellen können, die SPD zu wählen. Wenn dies im Fernsehduell gelinge und dann im eigenen Laden neuer Schub entstehe, könne man sich später, ganz am Ende des Wahlkampfs, an den zweiten Schritt wagen, das Hinübergreifen ins andere Lager.

Die Kanzlerin dagegen kommt am Sonntag von vornherein mit einem etwas anderen Ansinnen auf die Bühne. Mit ihrem Auftritt werde sie versuchen, „eine maximale Zahl von Menschen zu überzeugen“, heißt es in ihrem Team – quer durch alle Altersgruppen, alle sozialen Schichten, alle politischen Lager.

Das bedeutet: Merkel wird niemanden vor den Kopf stoßen, nichts wirklich Umstrittenes sagen. Aber das bedeutet auch: Ihr Auftritt könnte allzu inhaltsarm wirken, mancher könnte ihre Gelassenheit als Arroganz auslegen.

2002 ging Schröder unvorbereitet ins Duell gegen Stoiber

Diese Gefahr wurde im Beraterteam in den vergangenen Tagen besprochen. „Merkel darf nicht wie eine Statue alles an sich abperlen lassen“, warnt ein Mitglied aus dem engsten Kreis um die Kanzlerin. Zwar ist man sich einig, dass Merkel selbst dann wohl immer noch gute Karten hätte. Aber auch an höchster Stelle der Regierung wird mittlerweile eingesehen, dass die Kanzlerin den geschätzt 20 Millionen Zuschauern am Sonntagabend mehr bieten muss als nur das ermüdende Rezitieren von Fakten: „Die Leute wollen sie auch kämpfen sehen.“

Es soll etwas geboten werden, auch sprachlich, optisch, im Stil des Auftritts. Ein Training ist fällig vor so wichtigen Fernsehterminen, auch für Profis, die schon länger in der Politik unterwegs sind.

Gerhard Schröder, eigentlich eine begnadete Rampensau, schlug einst Warnungen seiner Berater in den Wind, ging 2002 unvorbereitet in ein Duell mit Edmund Stoiber – und kam ziemlich gerupft wieder raus: Der Mann aus Bayern wirkte, zur Überraschung des Fernsehvolks, konzentrierter und überzeugender als gedacht. Auch optisch kam er nicht schlecht rüber.

Im Fernsehen geht es auch um Gestik und Mimik. Merkel wurde einmal mehr davor gewarnt, in Momenten, in denen sie nur dem anderen zuhört, ihre Mundwinkel zu weit abzusenken und ihre Stirn in Falten zu legen. Auch graut ihren Leuten davor, dass sich die promovierte Physikerin allzu sehr in die Darlegung von Fakten und Zahlen hineinsteigern könnte. Alles, was sie sage, wurde Merkel ermahnt, müsse erstens sprachlich und zweitens emotional für ein breites Publikum nachvollziehbar sein. Was, beispielsweise, soll sie tun, wenn Schulz ihr vorhält, sie sei abgehoben und nehme gar nicht mehr wahr, dass in Deutschland im Schatten einer guten Konjunktur die Armut wachse?

Merkels spontane Reaktion wäre es, über den statistischen Armutsbegriff zu reden – und ihn in Frage zu stellen. In der Tat hängt die Definition von Armut oft an der Entwicklung des Bruttoinlandsprodukts oder an einem prozentualen Verhältnis zum Durchschnittsverdienst – mit dem absurden Effekt, dass bei wachsender Wirtschaft und höheren Reallöhnen tendenziell auch die Armut wächst.

Hoher Anteil von Rede und Gegenrede bereits vorbedacht

Das mag dann alles ökonomisch und mathematisch stimmen, doch es droht ein kommunikatives Problem: So etwas kapiert keiner. Und es findet auch keiner sympathisch.

Lieber soll die Kanzlerin also, meint der Beraterkreis, die Zahlen stecken lassen und einräumen, dass es auch und gerade in Zeiten von viel Wachstum und Wandel in der Tat Menschen gibt, die einfach nicht mitkommen und mehr Aufmerksamkeit verdient haben. So ist es dann schon besser: Psychologie schlägt Politik.

Merkels Leute werden ihre Kanzlerin emotional ein bisschen aufwärmen vor dem Auftritt, das Schulz-Team dagegen wird dem Kandidaten zu etwas mehr Kühle raten. Im Zweifel soll er erst mal in Ruhe durchatmen, bevor er irgendetwas formuliert, was er später bedauert. Schulz hat das schon gelernt. Mitunter blickt er für zwei, drei Sekunden auf die Tischplatte, bevor er den Kopf wieder hebt – und dann etwas Kluges, richtig gut Formuliertes sagt.

Nicht alle guten Formulierungen fallen einem Kandidaten spontan während der Sendung ein. Vieles bringen sie mit, ein überraschend hoher Anteil von Rede und Gegenrede ist schon seit Wochen vorbedacht.

So wird die Show auch ein indirektes Kräftemessen derer, die sie vorbereitet haben. In Sachen Optik, Gestik und Mimik bekommt Schulz Hilfe von Markus Peichl, dem langjährigen Produzenten der ARD-Talksendung „Beckmann“. Inhaltliche Tipps geben ihm SPD-Sprecher Tobias Dünow und der frühere Regierungssprecher Bela Anda, der derzeit als freier Kommunikationsberater unterwegs ist. Merkel hat in Gestalt des einstigen „heute“-Moderators Steffen Seibert einen Fernsehmann stets an ihrer Seite. Politischen und stilistischen Rat geben ihr die langjährigen Begleiterinnen im Kanzleramt, Medienberaterin Eva Christiansen und Büroleiterin Beate Baumann; beide sind seit 2005 an Bord und dürfen intern auch Kritik üben an Merkel – was sich bei Hofe sonst nicht jeder traut.

Schulz soll sich von Schröder distanzieren – „der Gerd hält das aus“

Ein Thema, das im Schulz-Camp derzeit hin- und hergewendet wird, ist der Fall Schröder: Wie soll der SPD-Chef sich positionieren, wenn in der Sendung am Sonntagabend über die Tätigkeit des früheren Bundeskanzlers für den vom russischen Staat dominierten Rosneft-Konzern diskutiert wird? Erst hatte Schulz erklärt, das sei Privatsache. Später hat er dann nachgeschoben, ein früherer Bundeskanzler sei immer „nur bedingt ein Privatmann“.

Hinter den Kulissen haben Insider Schulz in den vergangenen Tagen in Berlin fassungslos erlebt angesichts der Illoyalität Schröders, der keinerlei Rücksichten nehme auf den Wahlkampf seiner eigenen Partei. Schulz betreibt bekanntlich eine Kampagne rund ums Thema Gerechtigkeit; um nicht selbst ins Fadenkreuz unwillkommener Ethik-Debatten zu geraten, hat er auf Übergangsgelder aus dem Europäischen Parlament verzichtet.

Was nun? Ein langjähriger PR-Profi, der viele Jahre lang für SPD-Spitzenpolitiker in Berlin gearbeitet hat, rät zu einer klaren Botschaft: Schulz solle auf den Tisch hauen und sich deutlicher denn je von Schröder distanzieren – „der Gerd hält das aus“. Eine andere Variante wäre, die von Schröder geschaffenen Verbindungen zu Russland zu loben und als positives Beispiel herauszustellen für eine Politik, die jenseits der USA nach neuen Wegen sucht. Dies könne nicht zuletzt in Ostdeutschland Punkte bringen, wo es unter potenziellen Links- und AfD-Wählern gleichermaßen eine Pro-Putin-Strömung gebe. Für eine dieser beiden Optionen jedenfalls müsse Schulz sich entscheiden. „Was nicht geht, ist der unklare Wischiwaschi-Mittelweg, den der Kandidat in dieser Sache bislang fährt.“

An anderen Stellen dagegen wird es für Schulz einfacher, hier und da wird er sogar einige niedrig hängende Früchte ernten können. Merkel wird vor allem bei der Debatte um das Zwei-Prozent-Ziel der Nato-Nachrüstung in die Defensive geraten, wohl auch in der Rentenpolitik, einem Feld, auf das sich Schulz akribisch vorbereitet hat und das von der CDU programmatisch vernachlässigt wurde.

„Weiter so“

Das Merkel-Camp ist darauf eingerichtet, dass es am nächsten Tag heißen wird: Schulz war im Duell stärker als erwartet. Dies hänge mit den niedrigen Erwartungen an Schulz zusammen, der in letzter Zeit als Verlierer wahrgenommen worden sei, aber auch damit, dass Duelle dieser Art fast immer dem Herausforderer nützen. Nicht durchdringen werde Schulz jedoch mit der Attitüde, in Deutschland müsse sich dringend etwas drehen. Wenn Merkel sage, den meisten Deutschen gehe es so gut wie nie, spreche sie nur aus, was die Mehrheit für sich persönlich tatsächlich so empfinde. Dies zeigen in der Tat nicht nur regelmäßige Untersuchungen der Forschungsgruppe Wahlen (Grafik). Diese Woche erst stellte sich auch der GfK-Konsumklimaindex, der den Optimismus der Verbraucher beschreibt, auf den höchsten Wert seit dem Jahr 2001. In einer solchen Lage setzen die Wähler im Zweifel auf ein „Weiter so“.

Schulz wird sagen, Merkel habe viel Gutes geleistet – aber sie habe keinen Plan für die Zukunft. Auch diese Konstellation im TV-Duell wurde im Kanzleramt schon vorausbedacht. Niemand darf sich wundern, wenn Merkel am Sonntag, ganz gegen ihre Gewohnheit, doch etwas Neues ansagt, wenn sie einlädt zu einer Bildungsoffensive mit neuer Zusammenarbeit von Bund, Ländern und Kommunen, wenn sie einen Digitalisierungspakt ins Gespräch bringt und sogar mit Blick auf Afrika neue Vokabeln unters Volk wirft: Migrationspartnerschaften sollen die legale Einwanderung erleichtern, wenn die Staaten zugleich die illegale stoppen.

Es ist, als ob Regisseure an einem Regler drehen: Etwas mehr Emotion bitte, und etwas mehr Vision. Sonntagabend wird geliefert.

Von Matthias Koch/RND

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