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Deutschland / Welt Vogelzwitschern im Ort des Todes
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Vogelzwitschern im Ort des Todes
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16:32 29.06.2018
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (rechts) und Alexander Lukaschenko, Staatspräsident von Weißrussland, eröffnen gemeinsam die Gedenkstätte Malyj Trostenez. Quelle: dpa
Malyj Trostenez

Vögel zwitschern im Schatten dichter Bäume. Vom Himmel strahlt die Sonne sommerheiß herab. 73 Jahre nach Kriegsende, nach dem Ende der Hitlerei, ist es gut, im Wäldchen von Malyi Trostenez, dem Kleinen Trostenez nahe der weißrussischen Hauptstadt Minsk, etwas Kühle zu finden. Erstmals steht heute mit Frank-Walter Steinmeier ein deutscher Bundespräsident auf dem Boden, den Experten der Menschenvernichtung zu Zeiten des NS-Regimes zum größten Vernichtungslager außerhalb des eigentlichen „Reichs“-Gebietes gemacht haben.

Zwischen gut 60.000 und mehr als 200.000 Tote, die unterschiedliche Erinnerungskultur hat die Angleichung der nüchternen Zahlenlage noch nicht erlaubt, wurden hier aus dem „Reichsgebiet“ von der deutschen Todesmaschinerie herangekarrt, entkleidet, von Wertsachen getrennt, erschossen oder in Gaswagen vernichtet, in Gruben geschmissen, verbrannt und möglichst spurenlos beseitigt. Juden aus Deutschland, Partisanen, weißrussische Zivilisten. Nichts und niemand sollte übrig bleiben. Sich das anzusehen ist eine nie erlöschende Verpflichtung. Fast 70 Jahre haben die Erinnerungsarbeiter in Minsk, Moskau und Berlin gebraucht, um der Vernichtung eine würdige Erinnerungsstätte zu bereiten. In Deutschland kennt noch immer kaum jemand den Namen Trostenez, der nichts mit Trost aber so viel mit Erinnerungslast gemein hat.

Mehrheit der Deutschen will nicht vergessen

Inzwischen wird in der Bundesrepublik vom Zeitgeist-Surfer Alexander Gauland das Wort vom „Vogelschiss“ und der Nazi-Barbarei in einen einzigen Aussagesatz verpackt. Erinnerung lähme Deutschland, lautet die Kampfansage. Der Bundespräsident, der im Licht der deutschen Verfassung auch so ein kollektiver Stimmungswächter sein darf, lauscht im einstigen Todeswald von Trostenez dem Vogelzwitschern. Er schreitet die neu eingerichtete Baumallee im Beisein österreichischer, weißrussischer und deutscher Erinnerungsarbeiter ab, wird begleitet von österreichischen, tschechischen und polnischen Abgesandten und von Präsident Lukaschenko, der alles andere als ein lupenreiner Demokrat ist.

Steinmeier wirkt durch und durch betroffen. Der Präsident schämt sich für die Gaulands der Jetzt-Zeit. „Ich schäme mich ebenso für verharmlosende Begriffe, die jüngst für die Zeit des Nationalsozialismus von deutschen Politikern verwendet wurden.“ Er sei sich aber sicher, dass „die ganz große Mehrheit der Deutschen diesen Versuch, die Zeit des Nationalsozialismus aus unserer Geschichte auszulöschen oder zu relativieren nicht zulässt.“ Es gehört zur Präsidententugend, sich auch nicht von einem demokratisch gewählten Oppositionsführer im Bundestag beirren zu lassen. Die Hoffnung bleibt Steinmeier.

Juden wurden zur Vernichtung in den Wald gebracht

Hoffnung hat er schon sei dem Alptraumstart der von ihm maßgeblich mit auf den Weg gebrachten Großen Koalition in Berlin verinnerlicht. Zwar gebe es „mit Blick auf die öffentliche Auseinandersetzung der Beteiligten dieser Koalition“ derzeit „nichts schönzureden“, hat er am Tag seiner Reise in die deutsche Vernichtungsgeschichte auf weißrussischem Boden in einem Zeitungsinterview gemahnt. Heute gehe es um populistische Stimmungsspuren als Folge einer unklaren Migrationspolitik in Bayern, in Deutschland und in Europa.

„Mich besorgen Art und Schärfe der gegenwärtigen Auseinandersetzung zutiefst. Die Wunden, die man sich gegenseitig durch öffentliche Worte zugefügt hat, werden schwer heilen.“ Hier, in dem fast niedlich tönenden Todesort Klein Trostenez, käme vielleicht nicht einmal ein Alexander Gauland auf den wahnwitzigen Gedanken, die Begriffe Vogelschiss und industrielle Menschenvernichtung in einen Satz zu verpacken, um so die Vergangenheit abzuschließen.

Systematisch waren deutsche Juden zwischen zur Vernichtung in diesen Wald geschafft worden. Hier haben Menschen gezeigt, wozu menschlicher Grausamkeitsdenken praktisch in der Lage ist. Hinter der Tötung steckten viele, viele Menschen. Vielleicht war auch das ein Grund, um sich lange schwer mit der Erinnerung zu tun.

Unübersehbare Gedächtnisstütze im Wäldchen von Trostenez

Nazi-Ideologie, Krieg und Herrenmenschen hatten die Stelle für ihre Orgie der Vernichtung geschickt gewählt. Auf damals sowjetischem Gebiet, fernab der deutschen Ghettoheimat, und systematisch darauf bedacht, Erinnerungsstücke mit den gemeuchelten Opfern gleich mit zu vernichten. Später machte die als ruhmreich geltende Sowjetarmee um die Stelle Zehntausender getöteter Juden einen weiten Erinnerungsbögen. In den Mittelpunkt rückten Partisanen, Soldaten, weißrussische Zivilisten. Nicht einmal bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen rückte Trostenez auf die Anklageliste.

Einer der dortigen NS-Tötungsoffizieren, hatte es in der Bundesrepublik zeitweilig sogar zum Polizeipräsidenten gebracht. Mühsam tarierten später deutsche, weißrussische, russische Historiker und Erinnerungsarchitekten die komplizierte Erinnerungslage aus. Die einen zählten etwas über 60.000 Opfer des Vernichtungswahns, sowjetische Experten hatten unmittelbare nach Kriegsende weit über 200.000 Opfer gezählt. Jetzt, mit dem demokratisch recht fragwürdigen Minsker Regime, gibt es immerhin eine unübersehbare Gedächtnisstütze im Wäldchen von Trostenez.

Von RND/Dieter Wonka

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