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19:58 11.07.2017
Noch Fragen? SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sucht im bayerischen Köching das Gespräch mit den Bürgern. Quelle: dpa
München

Es ist der vergangene Montag, als der SPD-Kanzlerkandidat kurz davor steht, eine Zeitreise anzutreten. „Time in the Box“ heißt die Gruppe Start-up-Tüftler, die Schulz auf seiner Sommerreise in München besucht. Wenn er wollte, könnte er sich bei den Experten für virtuelle Realität im Simulator jetzt zum Beispiel 140 Jahre zurück beamen lassen – und so eine der ersten Autofahrten mit der „Viktoria“ aus dem Hause Benz miterleben. Schulz ist begeistert, es bringt ihn noch auf eine andere Idee: „Können Sie auch virtuelle Wahlsiege simulieren? Dann geben wir Ihnen den Auftrag.“

Eine Zeitreise, das wäre es jetzt, am besten zurück ins Frühjahr 2017, als der SPD-Herausforderer für kurze Zeit in den Umfragen vor der Bundeskanzlerin stand. Als es kurz nach Wechsel aussah in Deutschland. Es bleibt ein Traum, trotz Technologieexperten. Nach wenigen Momenten ist Schulz zurück in der Realität. Sommerreise, Wahlkampf, der Abstand zu Angela Merkel ist wieder auf 15 Prozentpunkte angewachsen. Nahezu uneinholbar, wie zu dem Zeitpunkt, als Schulz von Sigmar Gabriel übernahm.

Umfragen sind virtuelle Wahlsiege

Natürlich können Schulz die Technologieexperten nicht helfen. Umfragen, sagt der Kanzlerkandidat, „sind virtuelle Wahlsiege“. Man lacht gemeinsam.

Schulz, auf der Suche nach dem alten Schwung, lächelt viel an diesem Tag. Seine Berater haben ihm gesagt, er solle wieder so authentisch sein wie in den Wochen, als der ehemalige Bürgermeister von Würselen einen beispiellosen Polit-Boom für seine Partei entfachte. Freundlich, authentisch, verständlich will sich Schulz durch die heiße Wahlkampfphase kämpfen.

Schulz will zum Comeback-Kid des Wahlkampfes werden

Also gibt er sich kämpferisch, greift die Bundeskanzlerin an: „Diese Dame da oben“ fliege mit ihrer Airforce One durch die Wirklichkeit, inszeniere Bilder auf roten Teppichen und „sagt in der Sache einfach nichts“, während er beim Volk unterwegs ist. Sobald sie sich in die innenpolitischen Niederungen begeben müsse, werde und könne er sie „packen“, ist Schulz überzeugt. Der SPD-Kandidat glaubt an seine Chance; er will das Comeback-Kid dieses Wahlkampfes werden.

Dass es überhaupt so weit kommen musste, liegt daran, dass einiges in den vergangenen Wochen nicht nach Plan gelaufen ist. Er hätte sich in den Wahlkampf in Nordrhein-Westfalen mit seinen Ideen zur besseren inneren Sicherheit und zur Bildung auf Kosten landespolitischer Eigenbrötelei einmischen müssen. Er hätte zeitweilig nicht auf klare verständliche Ansagen verzichten und damit praktisch abtauchen sollen. Er hätte die Kanzlerin unmittelbar nach den ersten Hass-Krawalltaten vom Hamburger G-20-Treffen anrufen sollen, um sicher zu stellen, dass die Erfinderin des Deutschland-Treffens in die politische Schadensbilanz mit einbezogen wird und die Malaise nicht nur bei Scholz, Schulz und der SPD abgeladen wird. Hätte, hätte, Fahrradkette. Der Satz ist bekannt aus dem Wahlkampf von Peer Steinbrück 2013. Er gilt auch heute.

Unentschlossenheit der Wähler macht Schulz Mut

Anders als vor vier Jahren glaube man jetzt an sich, an die eigenen Themen und an ihn, findet Schulz. Die SPD habe Fortschritte gemacht. Einzig fehlt der Erfolg.

Aber Schulz hat sich entschlossen, mit freundlicher Miene bis zur Schlusssekunde weiterzumachen.

Sein Plan klingt entschlossen: Am 3. September ist das große TV-Duell zwischen ihm und Merkel. Da werde er besser, überzeugender und konkreter sein. Und ab dann könnte der Bär steppen.

60 Prozent der Bürger hielten das Wahlrennen noch für offen, ein Drittel der Wähler sei noch unentschieden. Mit solchen Zahlen macht sich Schulz Mut. Merkels Union sei ohne Programm und mit einer Person über ihrem Zenit. Die SPD aber sei hoch motiviert.

Schwierig, aber nicht aussichtslos, so sieht Schulz derzeit seine Mission. Am 24. September wird abgerechnet, er hofft noch immer auf den Umschwung. Ansonsten hilft wohl doch nur ein Realitätssimulator.

Von RND/Dieter Wonka

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