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Deutschland / Welt Schaffen die jungen Briten die Revolution?
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Schaffen die jungen Briten die Revolution?
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19:52 08.06.2017
Junge Briten: Unter ihnen gibt es überproportional viele Labour-Anhänger. Quelle: dpa
London

Die Fotos aus dem ­fernen Nordosten Englands zeigten etwas Merkwürdiges. Etwas, das auffiel in London. Etwas, für das sich erst Journalisten interessierten, dann auch Politiker und PR-Berater – und schließlich sogar die Buchmacher. Zu sehen waren lauter junge Leute – bei einer Wahlveranstaltung von Jeremy Corbyn, dem 68 Jahre alten grauhaarigen Führer der oppositionellen Labour Party.

Stimmabgabe im Pub, Wohnmobil oder Waschsalon: Klicken Sie hier, um zahlreiche interessante Eindrücke von der Wahl in Großbritannien zu sehen – inklusive Theresa Mays Leopardenschuhen.

Labour hatte zur Kundgebung auf ein Konzertgelände am Fluss Tyne bei Newcastle gebeten. Als der Labour-Chef sich seinen Weg durch die Menge zur Bühne bahnte, wurde er von „Corbyn, Corbyn“-Rufen begleitet.

Die jungen Leute wollen sich einmischen – anders als beim Brexit

Eigentlich gilt der Nordosten als eine Hochburg der „Abgehängten“. Im Juni 2016, beim Brexit-Votum, kamen hier breite Mehrheiten für einen Austritt aus der EU zusammen. Gegen die EU-Mitgliedschaft stimmten vor allem die Älteren, darunter viele frustrierte ehemalige Stahlarbeiter. Damals blieb ein großer Teil der Jungen, die traditionell eher proeuropäisch eingestellt sind und eher Labour wählen, der Abstimmung fern.

Jetzt aber scheinen junge Leute in Großbritannien sich wieder einmischen zu wollen in die Politik. Für Premierministerin Theresa May und ihre Konservativen liegt darin keine gute Nachricht. Eine Umfrage für den „Guardian“ offenbart eine demografische Spaltung des Landes, die tiefer geht denn je.

Von den 18- bis 24-jährigen Briten bekunden derzeit 73 Prozent die Absicht, die Labour Party zu wählen. Nur 15 Prozent von den Jungen unterstützen die Konservativen.

Von Briten, die 65 und älter sind, wollen nur 20 Prozent Labour wählen, 64 Prozent die Konservativen.

Viel wird also bei der heutigen Wahl von den jungen Leuten abhängen: Wenn sie in großen Scharen zur Wahl gehen, könnten sie für ein knappes Wahlergebnis sorgen – oder sogar eine historische Sensation bewirken.

Dass es so spannend werden würde, hatte Premierministerin Theresa May nicht erwartet. Als sie vor sieben Wochen vorgezogene Neuwahlen zum Unterhaus ausrief, sah alles nach einem Selbstläufer aus. Meinungsumfragen im April sahen ihre Konservativen 20 Prozent vor der Labour Party. Ihre Berater waren sich darin einig, dass es „so eine Chance nur einmal“ gab.

Vom Erdrutschsieg zur Zitterpartie

Die Idee war, dass May mit einem „Erdrutschsieg“ jede Form von Opposition – auch jede Art von Kritik an einem „harten Brexit“ – unter sich begraben sollte. Der Brexit sollte unter ihrer Führung etwas Strahlendes, Heldenhaftes, Vorwärtsweisendes bekommen, das Land sollte neu erblühen als, wie May sagte, „das wahrhaft globale Britannien“.

Doch in den zurückliegenden sieben Wochen des Wahlkampfs ist nicht viel geblieben von dieser großen Pose. Mays Auftritte gerieten merkwürdig leblos. Ihre beharrliche Wiederholung vorgestanzter Wendungen („strong and stable“, stark und stabil) wurde bald in den sozialen Medien verspottet. Nicht nur hölzern, sondern roboterhaft trete die Tory-Chefin auf, befanden Kommentatoren. „Maybot“ wurde sie von bösen Zungen genannt.

Das Image der starken Frau hat einen Knacks

Nach den jüngsten Terrorattacken, zuletzt auf der London Bridge mitten in der Hauptstadt, glaubten viele, dies könne der Premierministerin nützen. Innere Sicherheit, so war es eigentlich immer, ist Sache der Konservativen. Doch Corbyn durchbrach das alte Muster und schaltete auf Attacke: May solle zurücktreten, denn sie habe als frühere Innenministerin von 2010 bis 2016 die Kürzung der Personalstärke der Polizei um 20 000 Stellen veranlasst.

Strong and stable? Das Image der starken und stabilen Frau an der Spitze bekam damit einen neuen Knacks. Hinzu kamen persönliche Macken. Auch konservative Anhänger der Premierministerin fanden es seltsam, dass sie sich konsequent von Begegnungen mit normalen Bürgern abschirmen ließ. Auch direkte Begegnungen der Regierungschefin mit Journalisten wurden von Mays Team immer wieder verhindert.

So selbstsicher, wie ihre Imageberater sie darstellen wollen, ist May keineswegs. In Situationen, in denen sie direkten Widerspruch fürchtet, sucht sie eilig Distanz. Wegen ihrer mangelnden Fähigkeit zum „small talk“ hatte der frühere Vize-Premier Nick Clegg sie schon früher einmal als „die Eiskönigin“ bezeichnet.

Buhrufe auf dem Fleischmarkt

Am Mittwochmorgen, in einem Fleischmarkt in London, ging Mays letzter Auftritt daneben. Sie sollte sich bürgernah zeigen – und erntete Buhrufe. May wandte den Andersdenkenden den Rücken zu und tat vor laufenden Kameras so, als führe sie ein langes, intensives Gespräch mit dem Fleischverkäufer.

Jeremy Corbyn dagegen mag ein Mann der alten Schule ein, von dem viele sagen, er sei schon „übers Datum“. Doch Corbyn kann Wahlkampf. Seine Touren im roten Wahlkampfbus scheint er regelrecht zu genießen. Und er hat auch kein Problem mit dem Bad in der Menge. Während die Konservativen auf ihren blauen Plakaten und Bussen stets May groß herausgestellt haben, blieb Corbyn als Person im Hintergrund und betonte das Wir-Gefühl: „Für die vielen, nicht für die wenigen“ wolle er da sein – und er wolle sie beschützen: in der Rentenpolitik, im Bildungswesen, vor allem aber beim Thema Gesundheit.

Taktisches Wählen macht die Runde

Proeuropäische Briten sind unterdessen in neuen Netzwerken aktiv, um Wählern beim „tactical voting“ zu helfen: In welchen Wahlkreisen müsste man etwa, auch wenn man eher zu den Liberalen tendiert oder zu den Grünen, einfach mal Labour wählen – um jedenfalls die Macht der Konservativen zu knacken?

Den Aktivisten geht es nicht um eine abstrakte Europa-Idee. Sie plagt inzwischen die sehr konkrete Furcht vor einer ökonomischen Talfahrt durch einen „harten Brexit“, wie er May vorschwebt. Laut Ifo-Institut könnte dies das britische Bruttoinlandsprodukt um bis zu 50 Milliarden Euro reduzieren – mit erheblichen negativen Konsequenzen für alle Branchen und Sozialsysteme auf der Insel. „Großbritannien wird ärmer und provinzieller“, ahnt der britische Historiker Timothy Garton Ash.

Von Peter Nonnenmacher und Matthias Koch

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