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Deutschland / Welt Robert Habeck, das Naturtalent
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12:53 25.01.2018
„Freiheit im Herzen nützt nichts, wenn man das Herz in der Hose hat“: Robert Habeck. Quelle: dpa
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Berlin

Silbergrau schimmern die Pfützen auf den Äckern rechts und links entlang der Gleise. Es hat zu viel geregnet in Schleswig-Holstein, das Wasser läuft nicht ab. „Das Land säuft ab“, sagt der zuständige Landwirtschaftsminister und legt die Stirn in Falten.

Robert Habeck blickt an diesem trüben Morgen Mitte Januar durchs Zugfenster hinaus aufs Land, dessen stellvertretender Ministerpräsident er seit fünfeinhalb Jahren ist. Erst in einem rot-grünen, jetzt in einem Jamaika-Bündnis. Der Grüne reist aus Berlin, wo er am Abend zuvor einen Talkshow-Auftritt hatte, nach Itzehoe. 350 Kilometer trennen die Kapitale von der holsteinischen Kleinstadt. Doch Habecks Worten zufolge könnten auch Welten dazwischen liegen.

„Bei ,Maybrit Illner‘ sitze ich und rede abstrakt über Digitalisierung.“ Er setzt das Wort in luftige Anführungszeichen. „In Itzehoe bringe ich die Wolfgang-Borchert-Schule gleich ganz konkret ans Glasfasernetz“, sagt er als zuständiger Landesdigitalminister. Er will Macher sein, kein Schwätzer.

Eine Stunde später sucht Habeck den Anschluss. „Unten rein, oder?“ Er stochert mit einem orangefarbenen Kabel in den Buchsen eines Routers. Im Klassenraum tummeln sich Amtsträger und Fotografen. Habeck setzt seine Brille auf. Dann macht es klick, das Kabel ist drin. „Super“, lobt die ebenfalls anwesende Schulministerin Karin Prien von der CDU. „Diese Schule ist jetzt ans Glasfasernetz angeschlossen“, verkündet Habeck, ein verschmitztes Lächeln im stoppelbärtigen Gesicht.

Ein Philosoph mit Hang zur Praxis

Habeck hat einen Doktor in Philosophie und seinen Lebensunterhalt zunächst mit dem Schreiben von Romanen und Kinderbüchern verdient. Dass der Mann des Geistes eines Tages mal in der Rolle des Landesministers Freude an Verordnungen und ihrer Umsetzung finden würde, war nicht unbedingt abzusehen.

Auf der Autofahrt von Itzehoe ins Kieler Umweltministerium liest Habeck Akten auf dem Laptop. Für den Nachmittag ist ein Gipfeltreffen zur Vorbereitung auf einen möglichen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Schleswig-Holstein angesetzt. Bauernvertreter werden daran teilnehmen, Jäger und Seuchenexperten. Nicht gerade ein Grünen-Fanclub. Kurz vor der Ankunft im Ministerium klappt Habeck den Laptop zu und sagt: „Konkrete Politik ist etwas sehr Befriedigendes. Als Landesminister weißt du, wie Politik auf Menschen wirkt.“

Wenn der 48-Jährige so vom Sinn und der Bedeutung praktischer Politik schwärmt, erscheint sein Vorhaben umso rätselhafter. Der Vater von vier Söhnen will Parteichef der Grünen werden. Er will seinen Arbeitsschwerpunkt vom Land am Meer ins nervöse Berlin verlegen. Er möchte Abschied nehmen von einem funktionierenden Jamaika-Bündnis und einem lieb gewonnenen Vize-Ministerpräsidentenamt, um eine Partei zu führen, die zurzeit die kleinste Fraktion im Bundestag stellt. Die fürs Erste ohne Aussicht auf eine Regierungsbeteiligung im Bund ist. Die nach einem mäßigen Bundestagswahlergebnis und gescheiterten Sondierungsverhandlungen für ein Bündnis mit Union und FDP personell wie programmatisch abgezehrt ist.

Doch der Macher Habeck findet es nicht widersprüchlich, sondern folgerichtig, dass er sich nun um den Chefposten einer Partei im Wartestand bewirbt. Politik sei stets auch „die Suche nach einem Zugriff für Gestaltung“, sagt er.

Auf der Suche nach neuen Wählermilieus

Er will die Grünen zu einer linksliberalen Kraft aufbauen, an der in einer zersplitterten Parteienlandschaft bei künftigen Regierungsbildungen kaum ein Weg vorbeiführt. Aufgabe der Grünen sei es, linksliberale Werte und einen fairen Sozialstaat zu verteidigen. Nach zahlreichen Landesverbänden soll nun auch die Bundespartei anschlussfähig werden für Regierungsbündnisse rechts wie links der Mitte. Sie soll sich öffnen für neue Wählermilieus jenseits der angestammten Öko-Klientel. Mehr Pragmatismus, weniger reine Lehre. Mehr Praxisrelevanz und weniger Prinzipienreiterei. Eben mehr Habeck.

Am Wochenende stellt sich Habeck zur Wahl. In Hannover werden 825 Delegierte zu einem Parteitag zusammenkommen. Die bisherige Doppelspitze aus der Linksgrünen Simone Peter und dem Realo Cem Özdemir tritt nicht erneut an. Leichtes Spiel für den charismatischen Habeck, könnte man meinen. Zumal anders als bei den Frauen, wo mit der Brandenburgerin Annalena Baerbock und der Niedersächsin Anja Piel zwei Kandidatinnen zur Wahl stehen, Habeck der einzige männliche Bewerber ist. Und die Urwahl im vergangenen Jahr hat ja bereits gezeigt, wie beliebt Habeck an der Basis ist. 75 Stimmen fehlten ihm zur Spitzenkandidatur. Doch Habeck macht es seiner Partei nicht leicht. Er stellt Bedingungen.

Der gebürtige Lübecker will sein Ministeramt für den Fall seiner Wahl zum Parteivorsitzenden noch eine Zeit lang behalten. Er will, wie er sagt, in Kiel einen geordneten Übergang ermöglichen. So entschieden die nächsten Monate darüber, ob die Energiewende und die Klimaschutzziele im Norden Realität würden. Habeck findet, er könne sich jetzt nicht von einem Tag auf den nächsten vom Acker machen.

Doch die Parteisatzung verbietet eine Ämterhäufung. Die Parteigründer wollten eine Machtbündelung ausschließen. Inzwischen dürfen zwar Abgeordnete Parteichefs werden, nicht aber Grünen-Minister. Habeck rüttelt an einem Prinzip.

Am liebsten wäre ihm eine Übergangszeit von „Pi mal Daumen“ einem Jahr. Zu lang, finden nicht nur Parteilinke. Viele Telefonate werden jetzt geführt, ein Kompromissvorschlag sieht acht Monate vor. Zwei Drittel der Delegierten müssten dem am Freitagabend zustimmen. Dann könnte Habeck am Sonnabend kandidieren. Allerdings war er in der Vergangenheit kein Liebling der Parteitagsdelegierten.

Juni 2017, die miesen Umfragewerte der Grünen deuten die Gefahr des Auszugs aus dem Bundestag an, beklemmende Stimmung im Berliner Velodrom. Habeck betritt die Parteitagsbühne, die Ärmel des schwarzen Hemdes aufgekrempelt. Wer sich jetzt von ihm Erbauung erhofft, sieht sich schnell getäuscht. Habeck holt aus. „Die Welt hat sich geändert, und wir haben die Veränderungen nicht immer nachempfunden.“ Die Funktionäre verschränken die Arme. Habeck setzt noch einen drauf: „Freiheit im Herzen nützt nichts, wenn man das Herz in der Hose hat.“ Abgang Habeck. Ganz kurzer, ganz schwacher Applaus.

Umfrageergebnisse der Grünen seit 2016 Quelle: RND

Grüne haben ein sonderbares Verhältnis zu ihren Spitzenleuten. Wer außerhalb der Partei richtig gut ankommt, stößt unter Grünen auf Misstrauen. Cem Özdemir zum Beispiel, einer der beliebtesten Politiker des Landes, durfte jetzt nicht einmal Vorsitzender der Bundestagsfraktion werden. Und während viele im Land von Habecks phrasenbefreiter, selbstkritischer Sprache schwärmen und sein schonungsloses Einräumen des eigenen Versagens in den Jamaika-Sondierungen loben, hört man von Grünen, da wolle einer auf Kosten der Partei Karriere machen. In der Bundestagsfraktion ist dieser Verdacht weit verbreitet. „Er profiliert sich, indem er sich abgrenzt“, sagt einer. „Er macht auf Anti-Establishment“, sagt ein anderer.

Habecks Posterboy-Qualitäten schüren bei einigen die Angst davor, die Grünen könnten zur One-Man-Show werden. „Wer einer Partei wie Bündnis 90/Die Grünen vorsitzen will, kann eben nicht nur in Talkshows auftreten und schöne Bilder produzieren, sondern muss Kärrnerarbeit in und mit der Partei leisten“, schrieb der Berliner Landeschef der Grünen, Werner Graf, jüngst im „Tagesspiegel“.

Habecks Feind: Die grüne Abneigung gegen Personenkult

Es ist paradox: Seine Beliebtheit könnte Habeck zum Verhängnis werden. In Habecks Umfeld wissen sie um die Allergie vieler Grüner gegen Personenkult. Daher ist ihnen jeder in Umlauf gebrachte Vergleich mit dem energischen Franzosen Emmanuel Macron, dem smarten Kanadier Justin Trudeau oder gar Joschka Fischer Anlass zur Sorge.

Habecks Image vom furchtlosen Außenseiter ist kein gekünsteltes. Er ist nicht in den Tiefen der Partei verankert. Er trat den Grünen erst vor 15 Jahren bei, sein Wirkungsradius beschränkte sich auf Schleswig-Holstein. So manche grüne Riten sind ihm fremd geblieben. Aus seiner Abneigung gegenüber der Selbstverortung vieler Grüner im Realo- oder Linken-Flügel der Partei hat Habeck nie einen Hehl gemacht. Jetzt aber, da er Parteichef werden will, empfinden einige seine Kritik an der grünen Flügellogik als Bedrohung.

Doch Habeck bleibt dabei, er mutet seiner Partei einen Bruch mit ihren Traditionen zu: „Eine Partei schwächt sich, wenn sie informelle Gliederungen stärker werden lässt als die durch Wahlen legitimierten Gremien. Wir brauchen eine starke Partei.“

Unter dem einander nicht eben zugeneigten Spitzenduo Özdemir und Peter ist bei den Grünen ein Machtvakuum entstanden. Die Ziele der Partei schienen oft unklar, mitunter widersprüchlich. In Asylfragen etwa verfolgte der grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann einen deutlich härteren Kurs als die Bundestagsfraktion. Als Mittler fiel die Parteispitze aus.

Habeck will den Grünen wieder eine klare Struktur geben und ihre Programmatik neu justieren. Dafür möchte er sich selbst in Hannover gleich doppelt Legitimation verschaffen: einmal in der Wahl zur Änderung der Parteistatuten, einmal in der eigentlichen Kandidatenwahl.

Seine oft zweifelnde Rhetorik, sein stoffeliger Auftritt kaschieren mitunter das ausgeprägte Machtbewusstsein des Robert Habeck.

Zwei Frauen konkurrieren um einen Platz an der Spitze

Annalena Baerbock. Quelle: Friedrich Bungert

Annalena Baerbock, Jungstar auf dem Sprung: Sporttreibende Politiker weisen aus Sicht von Journalisten einen Vorteil auf: Bei ihnen muss man nicht lange nach einem passenden Vergleich suchen. Er drängt sich wie von selbst auf. Annalena Baerbock zum Beispiel wollte schon früh hoch hinaus.

Seit Kindheitstagen trainierte die in Pattensen bei Hannover auf­gewachsene Baerbock in einem Trampolinverein. Im Jugendalter nahm sie dann als Leistungssport­lerin an deutschen Meisterschaften im Trampolinspringen teil. Am ­Wochenende setzt Baerbock zu einem weiteren großen Sprung an: Die 37-jährige Bundestagsabgeordnete will Vorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen werden.

Bei den zahlreichen Ämtern und Stationen in ihrer politischen Laufbahn wäre es nicht ganz zutreffend, von Baerbock als neuem Gesicht der Partei zu sprechen. Die heute in Potsdam lebende Völkerrechtlerin war Vorsitzende der Grünen in Brandenburg, sie gehörte dem Grünen-Parteirat an und hat sich seit 2013 im Bundestag als Klimaexpertin profiliert. Einem größeren Publikum wurde die zweifache Mutter aber erst im vergangenen Herbst bekannt, als Mitglied im 14-köpfigen Sondierungsteam der Grünen in den Verhandlungen mit Union und FDP.

Baerbock steht dem Realo-Flügel nahe, hat sich aber mit ihrem entschiedenen Einsatz für den Kohleausstieg auch unter Parteilinken Ansehen erarbeitet. Als Parteichefin will sie auf einen Dreiklang setzen: „Ökologisch, europäisch, sozial – das ist unsere grüne Handschrift, die sich einbrennen muss.“

Anja Piel. Quelle: dpa

Anja Piel, erfahren im Regieren: Sie hat ihrer Partei die erste Überraschung des Jahres beschert. Kaum einer hatte mit der Kandidatur von Anja Piel gerechnet, die im niedersächsischen Landtag die Grünen führt. Erstmals schien es möglich, dass mit Robert Habeck und Annalena Baerbock zwei Realos der Partei vorstehen könnten. Zwar hatte die Parteichefin und Parteilinke Simone Peter früh ihre Ambitionen für eine Wiederwahl kundgetan, doch Peters Chancen galten als gering. Dann aber gab Piel am ersten Januarwochenende ihre Bewerbung für den Parteivorsitz bekannt – im Einvernehmen mit Peter, die sich zurückzog.

Mit der als aufgeschlossen und integrativ geltenden Piel, 52, hat die Parteilinke wieder Chancen darauf, an der Spitze vertreten zu sein. Piel begründet ihre Kandidatur aber nicht mit Proporzregeln. „Meine Bewerbung hat nichts mit grüner Flügellogik zu tun“, sagt sie.

Piel wirbt mit Regierungserfahrung. Sie habe in Hannover gern mit Ein-Stimmen-Mehrheit regiert. „Da hing stets viel von Kompromissen ab: zwischen der Partei und der Fraktion, aber auch zwischen uns Grünen und dem Regierungspartner SPD“, sagt sie. „Ich habe ein gutes Gefühl für das, was ich meiner Partei zumuten kann.“ Die zweifache Mutter und Industriekauffrau will die Grünen sozialpolitisch stärken. „Wenn man möchte, dass sich Menschen für Klimaschutz und Demokratie einsetzen, muss man zunächst dafür sorgen, dass sie keine Angst um ihre Existenz haben“, sagt Piel. Gerechtigkeit ist ihr Thema – „und Gerechtigkeit heißt für mich immer auch Umverteilung“.

Von Marina Kormbaki/RND

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