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Deutschland / Welt Martin Schulz und die Lehren aus 1933
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20:29 08.06.2017
Martin Schulz bei der Vorstellung des Buches „Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht: Das Schicksal der 1933 gewählten SPD-Reichstagsabgeordneten“. Quelle: dpa
Berlin

Martin Schulz ist ein schwer beschäftigter Mann in diesen Tagen. Sein Steuerkonzept steht kurz vor der Vollendung, die Wahlkampagne soll nach dem Austausch des Generalsekretärs neu durchstarten und der Parteitag der SPD will auch noch vorbereitet werden. Jene Versammlung, von der der frühere Vorsitzende Willy Brandt einmal scherzhaft gesagt hat, sie sei neben den USA und der Sowjetunion die dritte Supermacht der Welt.

Deshalb waren Schulz’ Berater eigentlich dagegen gewesen, dass der Kanzlerkandidat und Parteichef seine eng bemessene Zeit opfert, um ein Buch vorzustellen.

Doch Schulz setzte sich über den Rat seiner Einflüsterer hinweg. Das mag mit dem beruflichen Hintergrund des gelernten Buchhändlers zusammenhängen, vielleicht auch mit Wunsch, den Wahlkampf mal für eine Stunde Wahlkampf sein zu lassen. Vor allem aber liegt es an dem Sujet der Neuveröffentlichung, die Schulz an diesem Donnerstagnachmittag in Berlin präsentiert.

Ein identitätsstiftender Widerstand der SPD

„Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht“, lautet der Titel des Werkes, das der Mannheimer Historiker Klaus Schönhoven geschrieben hat. Jeder Sozialdemokrat kennt diesen Satz, es ist ein Zitat aus jener Rede, die der Vorsitzende der SPD-Fraktion, Otto Wels, im März 1933 gehalten hat, als die Nationalsozialisten ihr Ermächtigungsgesetz durch den Reichstag brachten und damit die Demokratie beseitigten. Als einzige Fraktion im Parlament stimmte die SPD damals geschlossen mit Nein. Trotz beginnender Repressionen, trotz der Anwesenheit bewaffneter SA-Männer, trotz drohender Verfolgung.

Der Widerstand der Abgeordneten ist für die SPD bis heute identitätsstiftend. Wenn Sozialdemokraten über Moral und Haltung sprechen, fallen früher oder später die Namen von Otto Wels und anderer Mitgliedern jener Reichstagsfraktion. 120 Parlamentarier waren es, mit dem Schicksal jedes einzelnen hat sich Historiker Schönhoven in seinem Buch befasst. Er hat Lebenswege nachgezeichnet, berichtet über Verhaftung, Ausgrenzung, Entmenschlichung, Ermordung.

„Die wohl bedeutendste Widerstandsaktion gegen Hitlers Machtergreifung“

„Eine besondere Freude und Ehre“ sei es, dieses Buch vorzustellen, sagt Schulz. Todesmutig sei die Rede von Wels gewesen und das geschlossene Nein der Abgeordneten „die wohl bedeutendste Widerstandsaktion gegen Hitlers Machtergreifung.“ Dem Mut der Abgeordneten sei es zu verdanken, dass der 24. März 1933 nicht zum Tag der Schande geworden sei, sondern zum „Ruhmesblatt“ für die SPD.

Dass er das so sieht, ist wenig überraschend, im Grunde haben alle Parteivorsitzenden vor ihm diese Sätze so oder so ähnlich gesagt. Spannender ist da schon die Frage, welche Lehren Schulz aus dem Schicksal der 120 Aufrechten zieht. Zumal der Parteichef sehr gut weiß, dass sich Parallelen eigentlich verbieten. Nicht mal in die Nähe einer solchen Entscheidung sei die aktuelle Parteiführung jemals gekommen, betont er. Und das müsse man als Privileg sehen.

Eine Lehre allerdings will er trotzdem ziehen: Wehret den Anfängen.

„Der eigentliche Kampf um Demokratie und Freiheit war zu dem Zeitpunkt der Abstimmung schon verloren“, sagt Schulz. „Womöglich hätte ein Aufstand der Anständigen zu einem früherem Zeitpunkt die Machtergreifung der Ultrarechten verhindern können.“

Schulz sieht heute wieder Anfänge des Nationalismus

Natürlich sei die Situation der 1930er-Jahre nicht mit der heutigen vergleichbar, aber Anfänge, ja, die sehe er, sagt Schulz. „Gerade in diesen Tagen, wo Verführer, Hetzer, Demokratiefeinde, Pauschalierer, Rassisten und Ultranationalisten ihr Haupt wieder erheben, ist deshalb Wachsamkeit das Gebot der Stunde.“

Er bezieht diese Sätze ausdrücklich auf die AfD und den thüringischen Fraktionsvorsitzenden Björn Höcke. Der hatte eine 180-Grad-Wende in der deutschen Erinnerungskultur gefordert. Eine „Schande“ sei das, sagt Schulz. „Erinnerungskultur und Geschichtspolitik sind eine dauerhafte Aufgabe und Verpflichtung.“

Als Buchhändler hätte er deshalb das Werk von Autor Schönhoven empfohlen, sagt der SPD-Chef. „Es ist ein wunderbares Buch. Eines, das Verbreitung verdient.“

Schönhoven, Klaus: Freiheit und Leben kann man uns nehmen, die Ehre nicht. Das Schicksal der 1933 gewählten SPD-Reichstagsabgeordneten. Dietz 2017, 248 Seiten.

Von Andreas Niesmann

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