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Deutschland / Welt Ist Chemnitz eine rechte Hochburg?
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19:49 27.08.2018
Blumen und Kerzen in der Brückenstraße in Chemnitz, wo in der Nacht zu Sonntag ein 35-ähriger Mann getötet wurde. Quelle: imago/epd/Wolfgang Schmidt
Chemnitz

Nach dem Aufmarsch Hunderter ausländerfeindlicher Hooligans und Rechtsextremisten fragt sich Deutschland: Ist Chemnitz eine rechte Hochburg? Das Landesamt für Verfassungsschutz gibt die Personenzahl der rechtsextremen Szene in Chemnitz mit 100 bis 150 an. Im Jahr 2017 gab es 191 rechtsextremistische Straftaten. Doch Gewalttaten gingen zur gleichen Zeit sogar von acht auf sechs zurück. Bezogen auf die Einwohnerzahl ist die Häufigkeit rechtsextremer Delikte in Chemnitz mit 78 Taten pro 100.000 Einwohner sachsenweit am höchsten.

Der Verfassungsschutzbericht erwähnt einige „subkulturell geprägte Gruppierungen“ und eine rechtsextremistische Musikszene. Doch ansonsten deutet zumindest im offiziellen Bericht nichts darauf hin, dass in Chemnitz ein hoch explosiver rechter Mob toben könnte. Das ist die offizielle sächsische Sicht.

22 Angriffe auf Linken-Büro innerhalb von 17 Monaten

Andere haben ihre eigenen Erfahrungen gemacht. Susanne Schaper zum Beispiel, Landtagsabgeordnete der Linken. Unzählige Male wurde ihr Bürgerbüro angegriffen, mutmaßlich von Neonazis. Auf das Büro im Chemnitzer Stadtteil Sonnenberg verübten Rechtsextreme 22 Angriffe innerhalb von 17 Monaten. Mit aufgemalten Hakenkreuzen und eingeschmissenen Fenstern drangsalierten sie Schaper, legten Fäkalien und tote Haustiere vor die Eingangstür. Es gebe im Stadtteil eine aktive Nazi-Szene, die Andersdenkende einschüchtern würde. Die Landtagsabgeordnete musste damals sogar ihr Ladenlokal räumen. Der Vermieter hatte der Politikerin gekündigt – aus Sorge um die Sicherheit.

Chemnitz ist mit knapp 246.000 Einwohnern Sachsens dritte Großstadt. Das frühere Karl-Marx-Stadt steht traditionell im Schatten von Leipzig und Dresden, der Strukturwandel traf die Industriestadt und die umliegenden Erzgebirgs-Städte härter als andere Gegenden Sachsens. Die rechte Szene hat in der Stadt Tradition – auch im Stadion des Chemnitzer FC. Bei diversen Kundgebungen mischten sich besorgte Bürger, Hooligans und Rechtsextreme von NPD bis zur Kleinstpartei „III. Weg“.

Stadt Chemnitz installierte 31 Überwachungskameras

So war es auch am Sonntag und Montag. Während bundesweit Rechtsextreme nach Chemnitz mobilisieren, spricht der Aufruf des Veranstalters „Pro Chemnitz“ auch unzufriedene Bürger an. Seit Längerem wird in der Stadt über nichts so heftig diskutiert wie über Kriminalität in der Innenstadt. Das diffuse Angstgefühl vieler Bürger schuf in ihrem persönlichem Empfinden eine No-go-Area: Man könne sich abends nicht mehr in die Stadt trauen, sagten viele. Wirte beklagten sinkende Umsätze. Die Stadt reagierte mit Videoüberwachung: 31 Kameras wurden jetzt installiert.

„Viele Menschen fühlten sich vom Motto der Hooligans angesprochen: Unsere Stadt – unsere Regeln“, sagt Robin Rottloff vom Bündnis „Chemnitz nazifrei“. Er arbeitet auch für Susanne Schaper, kennt also die Attacken der Rechtsextremen gut – ebenso wie deren Erfolg bei normalen Chemnitzern. „Wir müssen etwas tun, die Ausländer bringen unsere Landsleute um“, hätten ihm eher bürgerliche Teilnehmer der Kundgebung am Sonntag gesagt. Rottloff betont, dass nur kleine Gruppen aus dem Zug heraus auf Menschenjagd gegangen seien. Doch der Boden dafür sei schon lange bereitet gewesen.

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Von Jörg Köpke und Jan Sternberg/RND

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