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Deutschland / Welt „Die Revolution findet in den Köpfen und Herzen der Menschen statt“
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17:36 21.10.2018
Robert Habeck hat vor zehn Jahren ein Theaterstück über die Revolution 1918 geschrieben. Quelle: imago/IPON

Herr Habeck, die Vergangenheit holt sie dieser Tage wieder ein. Das Theaterstück „1918 – Revolution in Kiel“, das Sie vor zehn Jahren zusammen mit Ihrer Frau Andrea Paluch geschrieben haben, wird zum 100. Jubiläum des Kieler Matrosenaufstands wieder aufgeführt. Und erstmals wird es auch auf plattdeutsch gespielt. (Premiere 26.10., Niederdeutsche Bühne Kiel). Wie kam das?

„Negenteihn-Achtteihn“ heißt das Stück auf platt. Der frühere CDU-Bundestagsabgeordnete Wolfgang Börnsen, mit dem ich befreundet bin, hat es übersetzt und die Niederdeutsche Bühne hat es auf ihren Spielplan gesetzt. Ich finde das schön.

Eine
schwarz-grüne Zusammenarbeit
also.

Bei einem revolutionären Stück. Quasi mit einer roten Fahne.

Sprechen Sie plattdeutsch?

Ich bin damit groß geworden. Sechs Jahre Landwirtschaftsminister in Schleswig-Holstein sind dann noch mal wie ein Crash-Kurs in Sachen Plattdeutsch. Aber ich spreche es nicht aktiv.

Was reizt Sie an der Revolution?

Revolutionen sind Umbrüche. Da gestaltet sich eine Gesellschaft neu. Wenn man ein politischer Mensch ist, sind das entscheidende Phasen. Die Revolution von 1918 ist der Wendepunkt der deutschen Neuzeit: Sie leitete das Ende des Ersten Weltkriegs ein. Dass junge Männer den Mut hatten, unter Gefahr für Leib und Leben für eine radikale politische Idee, nämlich den Frieden, auf die Straße zu gehen, beeindruckt mich nach wie vor. Wir haben schon 100-Jahres-Feiern gehabt, die bedeutungsloser waren.

Es gibt im Stück den jungen, radikalen Revolutionär Fritz – und dann gibt es den gewieften Taktiker Gustav Noske, den SPD-Abgeordneten aus Berlin. Im Januar 1919 wird er der „Bluthund“, der den Spartakusaufstand niederschlagen lässt. Wie skrupellos ist Noske in diesem Stück?

Noske ist die komplexeste Figur in dem Stück. Er steht ursprünglich auf Seiten der Revolution, im Handeln wird er aber zum Ober-Pragmatiker. Die Frage der Ordnung, die Frage der Lebensmittelversorgung, ist für ihn viel entscheidender als die Frage, ob die alten Eliten weggewischt werden. Noske ist auch ein Spiegelbild für das Tragische in der Politik. Oft genug steckt sie im Dilemma und muss entscheiden, auch wenn es keine gute Entscheidung gibt, sondern nur die Wahl zwischen schlecht und vielleicht schlechter. Die Notwenigkeit, aber eben auch die Abgründigkeit, das zu tun, wird in dem Stück hoffentlich ausbalanciert.

Noske ist die Antifigur der Revolution, der Antiheld der deutschen Sozialdemokratie. Warum schreiben Sie über ihn?

Ich habe versucht, in dieser Figur zu reflektieren, wo die Grenze zwischen notwendigem Pragmatismus und Opportunismus verläuft. Als wir das Stück uraufgeführt haben, war ich Landesvorsitzender in Schleswig-Holstein. Ich kannte Noske vorher nur als Bluthund der Revolution, nur als denjenigen, der die SPD von der revolutionären Arbeiterklasse abgespalten hat. Noske kommt ohne einen Masterplan nach Kiel. Er will Teil dieser Revolution werden, aber durch sein Agieren wird er zu dem, als der er später bekannt ist. Der Noske, den wir als Innenminister und „Bluthund“ kennen, hat seine Vorgeschichte in Kiel.

Jetzt sind Sie Vorsitzender einer bürgerlichen Volkspartei, leicht übertrieben gesagt...

… leicht... Volkspartei ist ja inzwischen kein Erfolgsmodell mehr. In der hochindividualisierten Gesellschaft suchen sie oft nur noch den der kleinsten gemeinsame Nenner, was dazu führt, dass irgendwie nichts mehr vorangeht. Wir tragen in unserem Namen „Bündnis“. Und darum geht es: individuelle Unterschiede anerkennen, sich auf gemeinsame Ziele einigen, politische Bündnisse schmieden und dann die enormen Herausforderungen wie Digitalisierung, Klimakrise anpacken.

Wie halten Sie es jetzt mit der revolutionären Romantik?

Der fahnenschwenkende Romantiker hat nichts mehr mit meiner politischen Arbeit jetzt zu tun. Wir brauchen nicht noch mehr Bewegungen, die die liberale Demokratie destabilisieren und durch Radikalismus die Gesellschaft spalten. Wir haben in den Institutionen die Möglichkeit, diese besser zu machen. Ich hatte mal diesen jugendlichen Bilderstürmer-Drang. Aber ich bin kein Schriftsteller mehr, ich bin inzwischen Politiker.

Haben jetzt die Rechten die deutschen Revolutionen gekapert – speziell die von 1989?

Sie versuchen es. Westdeutsche Oberstudienräte und Staatssekretäre...

... also der frühere Geschichtslehrer Björn Höcke und der Ex-Staatskanzleichef Alexander Gauland, beide aus Hessen …

… setzen sich auf eine Unzufriedenheit drauf und nutzen sie aus. Sie missbrauchen die friedliche Revolution in Ostdeutschland für ihre völkische Ideologie. Aber um auf die Frage nach der revolutionären Romantik noch mal zurückzukommen: Heute werden ja die Errungenschaften, die zum Beispiel in der Revolution von 1848 erkämpft wurden, - Freiheitsrechte, Gleichheitsrechte, ein Rechtsstaat - von Populisten attackiert. Und wir müssen den Staat verteidigen. Das tun wir mit den Mitteln des Rechtsstaats. Sie haben wir, um die Dinge besser zu machen. Das mag mühseliger erscheinen als eine Revolte, aber ist letztlich friedlicher.

Brauchen wir nicht doch mehr soziale Revolution?

Wir erleben einen Wandel in vielerlei Hinsicht. Und gerade im Osten gab es vielleicht schon genug Wandel für zwei Leben. Zu viele haben Angst, durch Veränderungen ins Bodenlose abzustürzen. Die Politik muss den Menschen wieder das Gefühl geben, sie nimmt die Fäden in die Hand, auf den Staat ist Verlass. Wir brauchen deshalb ein soziales Garantieversprechen, das Menschen ihre Würde bewahren lässt.

Die Revolution von 1918 brachte eine Republik hervor, mit der sich nur eine Minderheit der Bürger identifizieren konnte. Nun werden allenthalben wieder Vergleiche mit der Weimarer Republik gezogen. Sind die alle falsch?

Ja. Ich halte von solchen Vergleichen nicht viel. Damals gab es ein instabiles System, eine Illoyalität, ein Misstrauen und eine Abwehr der Eliten und des Militärs gegenüber der jungen demokratischen Republik, eine tief zerstrittene Gesellschaft, eine grassierende Armut, das kann man nicht mit heute vergleichen. Heute haben wir eine gefestigte Demokratie. Aber diese Demokratie steckt in einer Vertrauenskrise. Sie muss – und sie kann – sich jetzt beweisen.

Und die Revolution findet dann in den Staatskanzleien statt?

Sie findet in den Köpfen und Herzen der Menschen statt. Das führt idealerweise dazu, dass wir die liberale Demokratie stärken und vor den Populisten bewahren, die einen autoritären Staat wollen.

Von Jan Sternberg/RND

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