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Deutschland / Welt „Ich hoffe auf Europas Vermittlung“
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05:02 09.05.2018
Der Schriftsteller David Grossman in seinem Garten – im Hintergrund die Stadt Jerusalem. Quelle: Foto: May
Jerusalem

Katzen streunen durch die Straßen, Haus duckt sich an Haus. Ein Wohnblock, in dem man nicht unbedingt einen der renommiertesten Schriftsteller der Welt erwarten würde. Angemessener ist der Ausblick: Von seinem Garten aus sieht der israelische Autor David Grossman am Horizont die milchweißen Häuser Jerusalems schimmern. Seine Augen schweifen über Bäume zu der Pilgerstadt dreier Weltreligionen. „Jerusalem ist sehr kompliziert“, sagt der 64-Jährige.

Mit seiner Frau lebt Grossman eine halbe Stunde Autofahrt vom Zentrum entfernt an einem Berghang. Mevaseret Zion heißt dieser Stadtteil, das heißt „der Vorbote Jerusalems“. Der Autor ist selbst so eine Art Vorbote, er kündet in Texten und Reden einen Frieden an, den es noch nicht gibt. Dieses beharrliche Plädoyer hat den kleinen, ranken Mann auf der ganzen Welt zur Größe gemacht. Deutschland ehrte ihn 2010 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, Israel gerade erst mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes.

Kein Leben – nur Überleben

Vor drei Jahren hat er sich selbst von der Nominiertenliste streichen lassen – weil der israelische Premierminister Benjamin Netanjahu Literaturprofessoren aus der Jury entfernt hatte, die ihm zu links waren. Er hadert mit dieser Regierung, ihren Entscheidungen über Krieg und Frieden, bei fast allen Themen, Iran, Syrien, Palästinenser. „Netanjahu vermischt die realen Gefahren, die uns zum Beispiel von Syrien drohen, mit den Traumata der Vergangenheit. So können wir wie der Rabbi vor der Kobra nicht anders, als uns zu fürchten.“

Schlimmer noch, sagt Grossman in dem ihm eigenen getragenen Rhythmus: „Wir fangen an zu glauben, dass es unser Schicksal ist, uns bis in alle Ewigkeit von einer Katas­trophe zur nächsten zu hangeln. Das ist kein Leben, sondern nur Überleben. So fallen wir Apathie und Fatalismus anheim.“

Unbeholfen bietet Grossman dem Gast ein Stück Kuchen aus einer Plastikverpackung an, eine rührend profane Geste von einem, der gedanklich das Grundsätzliche durchstreift. Im Leben des Friedensaktivisten spiegeln sich die ganze Tragik und zugleich die Hoffnung auf ein Ende des Nahostkonflikts wider: Sein ältester Sohn Uri starb 2006 in den letzten Tagen des Libanon-Krieges. Die Einheit des 20-Jährigen war an der letzten israelischen Offensive beteiligt, als ihr Panzer von einer Rakete der radikalislamischen Hisbollah-Miliz getroffen wurde – nur wenige Stunden vor Eintreten der Waffenruhe. Eine Erfahrung, die ausgereicht hätte, den Glauben an ein friedliches Miteinander auszulöschen.

Eine Schreibhöhle voll mit „balagan“, kreativer Unordnung: Grossmanns Arbeitszimmer in Jerusalem. Quelle: Nina May

Doch statt dem Hass zu verfallen, hat der Verlust den Vater nur noch darin bestärkt, sich für die Aussöhnung zwischen Israelis und Palästinensern einzusetzen: „Wir ringen seit Jahrzehnten miteinander wie ein Paar, das nichts sehnlicher will, als sich scheiden zu lassen. Nach so langer Zeit wissen beide Seiten genau, was unverhandelbar ist und welche Zugeständnisse möglich sind.“

Wenig Verständnis hat er für einen, der einfache Lösungen verspricht. Einen wie den US-Präsidenten Donald Trump, der die US-Botschaft nach Jerusalem verlegt: „Er kann nicht wie Alexander der Große daherkommen, den Gordischen Knoten mit einem Schwerthieb durchschlagen und so tun, als habe er das Problem gelöst.“ Er plädiert für eine Zwei-Staaten-Lösung, mit dem Westen Jerusalems als Hauptstadt Israels, dem Osten als Hauptstadt der Palästinenser. Enttäuscht von den USA erhofft der Autor sich nun von Europa Vermittlungen im Nahostkonflikt. „Ich wünsche mir, dass Frankreich und Deutschland Israelis und Palästinenser zu politischen und kulturellen Begegnungen einladen.“ Gerade Angela Merkel sei eine wichtige Spielerin in der internationalen Arena. „Sie genießt bei Palästinensern und Israelis gleichermaßen hohes Ansehen.“

„Sie genießt bei Palästinensern und Israelis gleichermaßen hohes Ansehen“: Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Besuch in Yad Vashem 2008. Quelle: dpa

Von seinem Garten aus kann man in der Ferne die Mauer erahnen, die Jerusalems Altstadt umgibt. Der Ausblick ins Tal ist symbolhaft für Grossman, der auch in seinen Texten stets Israel im Fokus hat. So wie in seinem Hauptwerk „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“. Darin begibt sich die Mutter eines Soldaten auf eine Odyssee – in der Hoffnung, der Kunde vom Tod ihres Kindes an der Front durch dauernde Bewegung zu entrinnen.

Als sein eigener Sohn starb, dauerte es lange, bis er an den Schreibtisch zurückkehren konnte. Wenn er heute Sätze sagt wie „Wir müssen den Kanal zwischen uns und einer besseren Zukunft offen halten. Nur dann können wir auch die Anstrengungen auf uns nehmen, die zu deren Erreichen notwendig sind“, dann klingt ein tieferer Subtext mit.

David Grossman hält inne und lässt für einen Moment spüren, dass er sich diese Haltung immer wieder neu erarbeiten muss. Darin ähnelt er dem Mann aus seiner Erzählung „Aus der Zeit fallen“ (2013). Der verlässt sein Heim, um die Nähe seines toten Sohnes zu suchen. Nach und nach schließen sich ihm Menschen an, die sein Schicksal teilen. Eine Prozession der Ruhelosen, die allmählich die Kapseln des Schweigens durchbrechen, die der Verlust um sie geschaffen hat. Am Ende können sie über den Tod der Liebsten sprechen. Auch David Grossman hat einen Weg aus der Sprachlosigkeit gefunden.

Zwei Völker und doch verwandt

Das Plädoyer, sich geistig von der desolaten Gegenwart zu emanzipieren, ist auch das verbindende Element seines aktuellen Essaybandes aus dem Hanser-Verlag. Der Titel „Eine Taube erschießen“ spielt mit dem Friedenssymbol. „Diese Vögel sind eigentlich eine sehr aggressive Spezies und bekriegen sich immerzu untereinander“, sagt der Autor, und ergänzt, fast schelmisch: „Darin ähneln sie dann aber wieder den Israelis. Und auch den Palästinensern.“ Bei allen Unterschieden sieht er eine Ähnlichkeit: „Beide Völker sind sehr emotional und zugleich pedantisch. Wir ähneln uns in unseren selbstironischen Witzen, aber auch in der Tendenz zur Selbstzerfleischung. Deshalb werden die Palästinenser auch die Juden der Araber genannt.“

Solche Gedanken formt Grossman, der im Juni Gast der Lit:Potsdam ist, in seinem Arbeitszimmer im Keller des Hauses. Nackte Felswand, Farnpflanzen und Rundbogenfenster verleihen dem Raum etwas Grottenhaftes. Bücher stapeln sich, Kissen und Fotos liegen herum: Die Schreibhöhle ist voll von „balagan“, hebräisch für kreative Unordnung. „Dieses Wort ist das wichtigste für Israelbesucher“, sagt der Autor. Er meint damit, dass dieses Land nicht so aufgeräumt ist, wie es die Hardliner gern hätten. Jerusalem ist eben kompliziert.

Von Nina May

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