Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Deutschland / Welt Darum fiebern die Briten der Hochzeit im Hause Windsor entgegen
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Darum fiebern die Briten der Hochzeit im Hause Windsor entgegen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:17 18.05.2018
...und die Welt schaut sehnsüchtig zu. Quelle: Montage: RND; Illustrationen: iStock; Foto: dpa
Berlin

Es muss das Paradies gewesen sein. Ein Hauch von Normalität, eine Ahnung davon, wie das Leben aussehen könnte, wenn die beiden einfach William und Kate wären, zwei ganz normale Liebende, ohne Königsbürde, ohne die Fotos auf den Porzellantellern, ohne die Fotografen von der „Sun“ in den Bäumen.

Ein kleines Haus an der schottischen Ostküste, ein paar Kilometer entfernt vom Campus der Universität St. Andrews. Töpfe in der Küche, Bücher im Regal, der Geruch der Nordsee. Sie war Kate, einfach Kate, nicht Catherine Elizabeth Middleton, und er nannte sich „William Wales“ aus Tetbury, manchmal auch „Steve“. Man kochte, lernte, las und feierte. Und liebte, dann irgendwann. Und die Paparazzi, der Wahnsinn, die Last der Geschichte – sie waren weit weg, 750 Kilometer weiter südlich, in London.

Drei Jahre lang, von 2002 bis 2004, lebten His Royal Highness Prince William Arthur Philip Louis of Wales und Kate Middleton (mit ihrem Mitbewohner Fergus Boyd) in diesem kleinen schottischen Haus. Hier, außerhalb der royalen Seifenblase, wurden sie ein Paar. Es war, so sagen Freunde, die glücklichste Zeit ihres Lebens.

„Nott Cott“ – ein Häuschen für den Anfang

15 Jahre später wiederholt sich die Geschichte: Auch Williams Bruder Prinz Henry Charles Albert David Mountbatten-Windsor (33) und Meghan Markle (36) wollen, wenn sie am heutigen Sonnabend um 14 Uhr verheiratet sein werden, so nah an der Normalität leben, wie das eben geht als eines der berühmtesten Ehepaare der Welt. Als Hüter des königlichen Erbes einer ehemaligen Weltmacht und eines Staatenbundes mit 53 Ländern, der die ganze Erde umfasst, von Neuseeland bis Kanada. „Nottingham Cottage“ heißt ihr kleines Heim (im Palastjargon: „Nott Cott“), ein urwüchsiges Häuslein gleich neben dem Kensington-Palast, Harrys Geburtshaus. 120 Quadratmeter, zwei Schlafzimmer, zwei Gästezimmer, ein kleiner Garten. Eine Oase im royalen Wahnsinn.

Es ist eine seltsame Wechselwirkung: Während die britische Königsfamilie die Märchenfantasien der ganzen Welt beflügelt, während das alte Königreich mit Pomp und Gloria Hunderte Millionen Zuschauer am Fernsehgerät von einem mondänen Dasein als Prinz oder Prinzessin träumen lässt, wünschen sich die Protagonisten der Prachtinszenierung selbst nichts mehr als die Segnungen der Anonymität, das kleine Glück des Normalen.

Der Prinz will Bürger sein, der Bürger Prinz

Polizist wollte Prinz William als Kind werden. Er wollte, so sagte er mal, seine Mutter Diana schützen. Vor den Paparazzi, der Presse, den Angriffen, den Verleumdungen. „Das kannst du nicht“, sagte Harry, damals ein Kindergartenkind. „Du musst doch König werden.“ Der Prinz will Bürger sein, der Bürger Prinz.

Morgen treffen sie wieder aufeinander: Royals und Regierte. Bei der Hochzeit eines Paares, das geeignet scheint, die steife Monarchie und den Zeitgeist zu versöhnen. Da ist Harry, der vom „Partyprinzen“ in Nazi-Uniform zum Menschenfischer und Charmeur gereifte ewige kleinen Bruder, der einst Drogen, Alkohol und mindestens einen Goldfisch schluckte. Und da ist Meghan Markle, die dunkelhäutige, geschiedene, feministische Bürgerliche aus Los Angeles, Tochter der Yogalehrerin Doria Ragland und des TV-Beleuchters Thomas Markle. Nicht einmal zwei Jahre alt ist diese Liebe. Aber spätestens als der Bräutigam sich – angeblich aus Angst, die Liebe seines Lebens könne dem Druck nicht standhalten – genötigt sah, in einer scharfen Pressemitteilung Rassismus und Sexismus gegenüber seiner Freundin anzuprangern, war für jeden sichtbar: Es ist etwas Ernstes.

Versöhner von Zeitgeist und Monarchie? Prinz Harry und Meghan Markle sollen es richten Quelle: PA WIRE

Was ist es, das Millionen Menschen an der Vermählung eines Adeligen aus England mit einer Schauspielerin aus Amerika fasziniert, die keinerlei Auswirkung auf unser Leben hat? Woher kommt diese Faszination? Warum überhaupt interessieren Tun und Lassen dieses politisch machtlosen, historischen Relikts namens „The Windsors“ seit Jahrzehnten ein globales Publikum? Warum vergessen selbst die Amerikaner, dass sie sich einst im Unabhängigkeitskrieg vom Joch der britischen Monarchen befreiten, und schielen sehnsüchtig über den Atlantik – oder gucken notfalls Serien wie „Downton Abbey“ und „The Crown“?

Die Antwort liegt tief im menschlichen Unterbewusstsein: Eine königliche Hochzeit befriedigt Bedürfnisse, die tiefer gehen als der Verstand. Sie befeuert eskapistische Sehnsüchte nach einer spätfeudalen Idylle, in der der Butler die „Times“ bügelt, das Küchenmädchen den Rettich putzt und jeder seinen Platz hat. Sie belebt die uralten Erzählungen und Träume aus der Kindheit von Märchenwelten in unserem Kollektivgedächtnis, in denen Prinzen Retter und Prinzessinnen Gerettete sind. Könige, Prinzen, Prinzessinnen – sie sind positiv konnotierte Archetypen, die kein Skandal, kein Verbrechen und kein Nachweis intellektueller Beschränktheit dauerhaft zerstören kann.

Klatsch ist Kitt

Der Königskult floriert vor allem in Zeiten schnellen sozialen Wandels. Dann dienen die Queen und ihr Clan als Ankerpunkt der sich ständig verändernden Realität, als Konstanten im Wirbel, und der Klatsch über sie erhält eine wichtige Ordnungsfunktion, an der wir unser eigenes Verhalten unbewusst überprüfen. Klatsch ist der Kitt, der eine Gesellschaft zusammenhält. Und die menschliche Seele liebt klare Dualitäten. Glück und Unglück. Gut und Böse. Prinz und Bürgerliche. Liebe und Hass. Zwischentöne überfordern uns. Was wir suchen, ist Unzweideutigkeit. Wie im Märchen.

Mit der Wirklichkeit hat diese Idylle nichts zu tun, wie spätestens seit Prinz Charles‘ Wunsch, ein Tampon zu sein, jedem bewusst sein dürfte. Aber um Wirklichkeit geht es gar nicht an diesem Hochzeitstag in Windsor. Es geht um die Selbstvergewisserung des vom Brexit zerrissenen Landes, das sich in emotionaler Not, im Streit um die eigene Zugehörigkeit wieder stärker einer Instanz zuwendet, die es über dem Klein-Klein der aggressiven Politik verortet: der königlichen Familie. Es geht um den Wunsch nach kultureller Einheit. Und es geht um die innere Verortung und den emotionalen Datenabgleich von Hunderten Millionen vor dem Fernseher. „Was haben Könige, das der gemeine Mann nicht hat?“, fragt Shakespeare in „Heinrich V.“ und antwortet: „Es sind die Zeremonien, die großen Zeremonien.“ Aber Aschenputtel guckt immer mit.

Königlicher Spaß, bürgerliche Sehnsucht: „Royal Fans“ kommen am Vorabend der Hochzeit in Windsor an. Quelle: imago

Deutschland ist besonders königsversessen: Denn diese Familie war ja deutsch, bis 1917, sie ist ein Export aus Hannover und Coburg. Sie sind vertraute Nachbarn, diese Windsors. Und wir glauben, alles über sie zu wissen. Dass die Queen ein königliches Quietscheentchen mit winziger Krone mit zum Baden nimmt. Dass sie 1994 drei Richtige im Lotto hatte und 10 Pfund gewann. Dass sie zum Frühstück vor dem Fernseher gern mal Cornflakes und Haferflockenbrei aus der Tupperdose mümmelt. Dass sie 1995 bei der Jagd durch ein Moorhuhn verletzt wurde, das tot vom Himmel fiel. Oder dass Meghan und Harry sich 2016 auf einer Kenia-Reise „unter den Sternen“ näherkamen.

Seit Prinzessin Diana, sagen Soziologen, ist die Königsfamilie greifbar geworden. Die unglückliche Kindergärtnerin, die von ihrer Schwiegermutter bespöttelt und von ihrem Mann betrogen wurde, hat die Royals in der Wirklichkeit verankert. Dass nun ihr jüngster Sohn heiratet, befeuert das Interesse erst recht. Harry – das ist ein Fühlverwandter. Ein Mann, den die Briten ins Herz schlossen, gerade weil er haderte, feierte, herzte. Er ist für die gelegentlich versnobten Windsors, was Lukas Podolski für die deutsche Nationalmannschaft war: der Zugängliche. Der Nette. Der Buddy, mit dem man mal ein Bier trinken will. „Ich renne gern durch einen schlammigen Wassergraben und schieße, so bin ich eben“, sagte Harry einmal. Ein einfacher Kerl. Strip-Billard in einem Luxushotel in Las Vegas? Musste auch mal sein.

Realityserie mit eingespieltem Personal

Aber auch er hat seine Rolle gefunden. Die Windsors, in die Schauspielerin Markle nun einheiratet – das ist eine Realityserie, ein unerschöpflicher Geschichtengenerator mit eingespieltem Personal: Da ist Elizabeth II., die immer schon da war. Der größte lebende Mythos der Welt. Sie regiert, seit Churchill Premierminister war. Legendär ihre Distanz zu allem Menschlichen und ihr Motto: „Never explain, never complain“ („nie erklären, nie beschweren“). Da ist die verkorkste mittlere Generation: Charles, der nicht recht gedieh, viel an den Ohren litt und zu früh zu falsch heiratete. Schwester Anne, die lieber „Fernfahrerin“ werden wollte. „Randy Andy“ Andrew, der Schürzenjäger, für den die Tatsache, Mitglied der Königsfamilie zu sein, ein „Geburtsfehler“ ist, allesamt mit gescheiterten Ehen.

Und da ist nun also: die goldene Enkelgeneration. Da sind Prinz William (35) und Herzogin Kate (36), die perfekten Planerfüller, elegant mit einem Hauch „Stiff Upper Lip“-Spießigkeit, mit George (4), Charlotte (3) und Louis (ein Monat). Öffentlichen Gunstbezeugungen sind sie weniger zugeneigt. Aber da sind ja jetzt Harry und Meghan, ihre robusteren, der Moderne etwas näher stehenden und von der Bürde der künftigen Krone befreiten Alter Egos (Harry steht auf Platz sechs der Thronfolge). Beide Brüder wollten, so sagen Adelsexperten, nicht die beiden größten Fehler ihrer Eltern wiederholen. Zu jung heiraten, wie ihre Mutter. Die falsche Frau, wie ihr Vater.

Das Original: Die Großeltern des Bräutigams, Königin Elizabeth I. und Prinz Philip, sind seit 70 Jahren miteinander verheiratet. Quelle: DPA/AP

Diese vier sind die Retter der britischen Monarchie, deren Treibstoff nicht mehr Einfluss und traditionelle Ehrerbietung, sondern die Massenmedien sind. Eine Karriere im globalen Hochadel ist ein fragiles Konstrukt aus Herkunft, Aussehen, Stil, geschickter Medienarbeit und gezielter Wohltätigkeit. Monarchien leben eben nicht mehr allein von der Tatsache, dass sie welche sind. Sie verkaufen Glamour, Identität, Orientierung. Und nur noch die Tatsache, dass eine Monarchie sichtbar und prachtvoll ist, legitimiert sie im Zeitalter von Demokratie und Massenmedien.

Am Ende geht es nur oberflächlich darum, dass es nun für 2640 Hochzeitsgäste Zitronen-Holunderblüten-Kuchen gibt. Oder um die Frage, ob es Zufall sein kann, dass beide Prinzen, die früh ihre Mutter verloren, Frauen wählten, die älter sind als sie. Oder ob sich Prinz William vor der Hochzeit einer Haartransplantation unterzogen hat (die Wettquoten stehen 1:16). Es geht für die populärste Königsfamilie der Welt darum, Volksnähe und Multikulturalität zu beweisen.

Die tausendjährige Institution hofft auf einen massiven Modernitätsschub. Denn nur der Anschluss an die Gegenwart sichert der Monarchie eine Zukunft. Dass dabei ausgerechnet vierspännige Kutschen, Salutschüsse, Trompetenschall, goldenes Geschmeide und Zehntausende winkende Untertanen helfen, ist nur scheinbar ein Widerspruch.

Von Imre Grimm/RND

Die SPD hat bereits zu Beginn der Großen Koalition mit einer ernüchternden Zustimmung gezeigt, dass es große Zweifel innerhalb der Partei gibt. Mit Blick auf die jüngsten Differenzen zwischen Union und SPD drohen einige Genossen nun mit dem frühzeitigen Ende der Koalition.

18.05.2018

Bei Protesten am Gazastreifen kam es seit März zu zahlreichen Verletzten und Todesopfern, vor allem auf Seiten der Palästinenser. Der UN-Menschenrechtsrat hat nun beschlossen, die harsche Gewalt der israelischen Soldaten durch eine Kommission auf Völkerrechtsverletzungen zu prüfen.

18.05.2018

Die Flüchtlingszahlen steigen, die geplanten Ankerzentren der GroKo sorgen für Kritik. Deshalb bringt der Bayerischer Ministerpräsident Markus Söder (CSU) nun die direkte Abweisung von Migranten an der Grenze wieder ins Gespräch.

18.05.2018