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Deutschland / Welt Giftgaseinsatz in Duma – Fakt oder Fake?
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Giftgaseinsatz in Duma – Fakt oder Fake?
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17:23 13.04.2018
Deutliche Indizien: Dieses vom Syrischen Zivilschutz, genannt „Weißhelme“, zur Verfügung gestellte Videostandbild zeigt einen Sanitäter, der in Duma ein Kleinkind medizinisch versorgt und ihm ein Beatmungsgerät über den Mund hält. Quelle: dpa
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Berlin

Es ist die bislang letzte Volte in einem immer unüberschaubarer werdenden Informationskrieg rund um den Konflikt in Syrien und den möglichen Einsatz von Chemiewaffen in der bis dahin von Rebellen kontrollierten Stadt Duma in Ost-Ghuta vor einer Woche. Und wie zuletzt so oft in der internationalen Politik gibt es im Fall Syrien mehrere Aussagen, die sich widersprechen. Doch wer sagt die Wahrheit? Und wer lügt?

Russische Experten hätten den Ort untersucht und keine Spuren chemischer Waffen gefunden, sagte der russische Außenminister Sergej Lawrow. Russland habe „unwiderlegbare Informationen, dass es eine weitere Erfindung war“, erklärte er. „Geheimdienste eines Staates, der nun bestrebt ist, eine russophobe Kampagne anzuführen, waren an dieser Erfindung beteiligt.“

Was wird der syrischen Regierung vorgeworfen?

Bei einem am Sonnabend von Aktivisten gemeldeten Giftgasangriff auf die bis dahin von Rebellen kontrollierte Stadt Duma in Ost-Ghuta sollen nach unterschiedlichen Angaben zwischen 42 und 85 Menschen getötet worden sein. Die Weltgesundheitsorganisation WHO spricht zudem von mindestens 500 Verletzten. Aktivisten sprechen gar von 150 getöteten Menschen und etwa 1000 Verletzten.

Fotos und Videos zeigten Dutzende Menschen, darunter Kinder, die nach Luft schnappen und weißen Schaum im Gesicht haben, Symptome für einen Einsatz von Chemiewaffen. Helfer spritzen sie mit einem Wasserschlauch ab und reichen Atemmasken. Die Bilder lassen sich jedoch nicht verifizieren. Russland bezeichnet die Fotos und Videos als Propaganda.

Das internationale Recherchenetzwerk „Bellingcat“ hat das Bildmaterial ausgewertet. Das Ergebnis ist Es sei höchstwahrscheinlich, dass mindestens 34 Menschen durch einen Giftgasangriff in der Stadt getötet wurden. Und: Der Hubschrauber, der die Fassbombe abwarf, sei auf der Dumayr Airbase der syrischen Luftwaffe gestartet. Untrügliche Beweise allerdings liefern die Journalisten auch nicht.

Was spricht für die Giftgas-Theorie?

Duma galt als letzte von Rebellen kontrollierte Stadt in der Provinz Ost-Ghouta. Während andere Rebellengruppen nach einer wochenlangen blutigen Bombenkampagne Ost-Ghouta verlassen haben, weigerte sich ein Teil der Truppe Dschaisch al-Islam, aus Duma abzuziehen. Von dort beschossen sie immer wieder die nahe Hauptstadt Damaskus.

Womöglich liegt hier das Motiv für einen Giftgasangriff. Wenn, dann hatte die Attacke kurzfristig Erfolg. Zumindest meldete am Donnerstag die russische Seite, die an der Seite Assads in Syrien kämpft, dass die syrischen Regierungstruppen nun die Kontrolle in Duma übernommen hätten. Die Rebellen ließen sich auf einen Abzug ein.

Die Fahne der syrischen Regierung sei auf einem Gebäude der Stadt Duma gehisst worden, erklärte der russische General Juri Jewtuschenko nach Angaben russischer Nachrichtenagenturen. Dies bedeute, dass die syrische Regierung „die Kontrolle über diese Stadt und folglich über ganz Ost-Ghouta hat“.

Wird es Beweise geben?

Ermittler der Organisation für ein Verbot der Chemiewaffen (OPCW) sind auf dem Weg nach Syrien. Sie sollen dort ab Sonnabend mit Untersuchungen beginnen. Die Untersuchung werde sicherlich mehrere Tage dauern und die Analysen der Proben in Labors dann noch zwei Wochen, sagte der deutsche Chemiker Ralf Trapp der Deutschen Presse-Agentur. Die Experten sollen Gewebe-, Blut- und Umweltproben entnehmen sowie Zeugen befragen.

Allerdings ist nicht klar, ob sie wirklich Ergebnisse liefern können. In der Vergangenheit hatten derartige Missionen oft keinen Erfolg, da die Untersuchungen behindert wurden oder zu spät starteten. Außerdem ist die Urheberschaft oft nicht eindeutig zu belegen. So war es auch bei dem verheerenden Giftgasangriff im August 2013 in Ost-Ghuta, dem ersten großen Chemiewaffeneinsatz im Syrienkrieg.

Statt militärisch einzugreifen, handelte Washington damals unter US-Präsident Barack Obama gemeinsam mit den Russen aus, Syriens Machthaber Baschar al-Assad solle alle Chemiewaffen vernichten. In den darauffolgenden Jahren kam es jedoch Beobachtern zufolge bis zu 50 weitere Male zum Einsatz von Giftgas – in einigen Fällen konnte der Einsatz nachgewiesen werden. Es spricht also einiges dafür, dass 2013 nicht alles vernichtet wurde.

Wie geht es jetzt weiter?

In Washington geht man zwar von einem Giftgaseinsatz von Assads Truppen aus. US-Verteidigungsminister James Mattis erklärte allerdings am Donnerstag, endgültige Beweise für den Chemiewaffeneinsatz der syrischen Regierung würden noch gesucht. Der Sender MSNBC berichtete, Blut- und Urinproben legten den Einsatz chemischer Waffen nahe. Der Sender berief sich ohne nähere Angaben auf zwei Regierungsmitarbeiter, die mit Erkenntnissen eines Geheimdienstes vertraut seien. Es seien Chlorgas und ein namenloses Nervengas eingesetzt worden.

Eine Entscheidung über einen Vergeltungsangriff westlicher Länder sei allerdings noch nicht gefallen, hieß es aus Washington. Zuvor hatte US-Präsident Donald Trump eine baldige Entscheidung über einen Militäreinsatz angekündigt. Er machte Syriens Führung unter Assad für die Giftgasattacke verantwortlich. Kurz zuvor hatte er getwittert: „Es könnte sehr bald sein oder überhaupt nicht so bald.“

Welche Nationen wären bei einem Militärschlag gegen Syrien dabei?

Neben den USA bereitet sich auch Großbritannien intensiv auf einen Militärschlag vor. Die britische Premierministerin Theresa May habe den Angriff vom 7. April als „schockierend und barbarisch“ verurteilt, erklärte eine Sprecherin. Syrien sei bekannt dafür, Giftgas einzusetzen, und es sei sehr wahrscheinlich, dass die Regierung von Machthaber Assad auch für den Angriff verantwortlich sei, wurde May wiedergegeben. Britische U-Boote sind nach übereinstimmenden Medienberichten bereits in Position und Reichweite, um Marschflugkörper nach Syrien zu starten. Das Verteidigungsministerium lehnte dazu jeden Kommentar ab.

Auch Frankreich ist in Kampfbereitschaft. Präsident Emmanuel Macron hatte bereits vor Wochen den Einsatz von Giftgas als „rote Linie“ bezeichnet, den sein Land nicht akzeptieren werde. Trump hatte mehrfach auch das saudische Königshaus konsultiert, um über einen Gegenschlag zu beraten.

Eine Beteiligung Deutschlands schloss Bundeskanzlerin Angela Merkel aus. In New York suchte der Sicherheitsrat am Freitag erneut hinter verschlossenen Türen einen Ausweg aus der Krise.

Von dsc/ap/dpa/RND

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