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Deutschland / Welt Gibt es eine Renaissance des Glaubens?
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10:32 12.05.2018
Hunderte Gläubige besuchen in Münster die „Nacht der Lichter“, eine Vigil mit den Brüdern aus Taize. Quelle: imago
Münster

Es ist nun wirklich nicht so, dass Raphael Schmid mit allem einverstanden wäre, was seine Kirche tut und sagt, im Gegenteil. Und wenn er mit seiner Antwort erst mal zögert, wenn man ihn danach fragt, dann nicht, weil ihm nichts einfällt, sondern weil er nicht weiß, wo er anfangen soll.

„Homosexuelle müssen von der Kirche endlich Anerkennung finden“, sagt er dann. „Dass das nicht passiert, dass sie sich dem immer noch verweigert, damit hadere ich sehr.“ Dann die strenge Hierarchie, „dass alles von oben herab bestimmt wird“. Und dann die Rolle der Frau, „dass Frauen von so vielen Bereichen ausgeschlossen sind, das geht einfach nicht mehr“.

Dann macht Raphael Schmid erst mal eine Pause. Es wirkt nicht so, als sei er fertig mit seiner Liste. Aber jetzt muss er erst mal weiter seinen Job machen.

Schmid steht am Eingang der Martinikirche am nördlichen Rand der Innenstadt von Münster, checkt mit kurzem Blick die jungen Menschen, die hereinströmen, beantwortet Fragen. Ein junger Mann, 23, die Haare zum Zopf gebunden, ein Anflug von Vollbart. Im Katholikentagsprogramm ist ein „Krimigottesdienst“ angekündigt, das Kirchenschiff ist in bläuliches Licht gehüllt, künstlicher Nebel steigt auf, eine Band spielt die „Tatort“-Melodie.

„Das ist etwas Mystisches“: Katholik Raphael Schmid Quelle: Thorsten Fuchs

Schmid ist Student der Sonderpädagogik in München. Und er ist: ehemaliger Messdiener, Lektor im Gottesdienst, Gruppenleiter bei den katholischen Pfadfindern, begeisterter Besucher der alten katholischen Messe in lateinischer Sprache. „Das ist etwas Mystisches, Magisches“, schwärmt er.

Ein Student aus der Großstadt, liberal, kritisch, dem es beim Gottesdienst kaum konservativ genug zugehen kann. Den es da zur Petrusbruderschaft zieht, die für alles steht, was er eigentlich ablehnt.

Zweifel, Widersprüche, beides gehörte immer zur Religion. Einfacher ist Glaube nicht zu haben. Aber kann es sein, dass in der katholischen Kirche die Kluft zwischen dem Leben der Mitglieder und den Dogmen der Kirche gerade ein wenig sehr groß wird?

Oder macht das vielleicht gerade den größten Reiz der Kirche aus?

Es ist jedenfalls gerade eine schwierige Sache mit dem Katholizismus in Deutschland. Da ist, einerseits, der viel beschriebene und deutlich messbare Niedergang. 1990 lebten 28,5 Millionen Katholiken in Deutschland. Jetzt sind es noch 23,6 Millionen. Noch deutlicher ist der Rückgang bei den Gottesdienstbesuchern, die Bänke bleiben in vielen Kirchen leer. Trendumkehr? Nicht in Sicht. Zuletzt erklärten knapp 80 Prozent der jungen Menschen in Deutschland, sie könnten auch ohne Gott glücklich werden.

Das ist die eine Seite. Die andere lässt sich zum Beispiel gerade beim Katholikentag in Münster beobachten. 50 000 haben sich eine Dauerkarte gekauft, 20 000 Tagesgäste kommen dazu, es sind die höchsten Zahlen seit 1990. Die 23,6 Millionen Katholiken entsprechen fast exakt dem Stand von 1950 in Westdeutschland (auch wenn damals viel weniger Menschen in Deutschland lebten). Im Vergleich mit der evangelischen Kirche ist die katholische stabiler. Und wenn ein bayerischer Ministerpräsident meint, dass sich mit dem Aufhängen von Kruzifixen in Amtsstuben Wahlen gewinnen lassen (und seine Rechnung laut Umfragen sogar aufgehen könnte): Ist das, alles zusammengenommen, ein Zeichen, dass es doch eine stärkere Sehnsucht nach einem religiösen antimodernistischen Impuls gibt? Ist Deutschland doch am Ende noch immer katholischer, als es manchmal scheint?

50 000 Gläubige haben sich eine Dauerkarte für den Katholikentag in Münster besorgt: Messdiener ziehen zum Start der Eucharistiefeier zum Gottesdienst mit ihren Weihrauchfass vor dem Schlossplatz auf die Bühne. Quelle: dpa

Einer, der das bejaht, ist der – katholische – Publizist und Politikwissenschaftler Andreas Püttmann. Der 54-Jährige, das muss man wissen, ist auch insofern Partei, als dass er findet, dass mehr Christentum im Allgemeinen und Katholizismus im Speziellen Deutschland ganz gut täte – als Schutzschicht gegen Populismus. Püttmann, der im vergangenen Jahr das Buch „Wie katholisch ist Deutschland … und was hat es davon?“ geschrieben hat, verweist gern auf Studien, wonach nur 3 Prozent der kirchennahen Katholiken die AfD gewählt hätten, aber 23 Prozent der Konfessionslosen. In Münster, Gastgeberstadt des Katholikentags und katholische Hochburg, kam die AfD bei der Bundestagswahl auf gerade mal 4,9 Prozent – der bundesweit niedrigste Wert.

Püttmann spielte vor diesem Katholikentag eine besondere Rolle, weil er mit am lautesten dagegen stritt, dass der AfD-Abgeordnete Volker Münz an diesem Sonnabend auf dem Katholikentag auftreten darf. Die antikirchlichen Tiraden mancher AfDler vergleicht er mit dem „Pfaffen-Hass der Nazis“ und spricht vom „liberalen Missverständnis, dass man jede Meinung auf dem Katholikentag abbilden muss“.

Mit übertriebenem Liberalismus, fürchtet Püttmann, konterkariere die katholische Kirche ihre eigenen schönen Früchte. Und zu denen gehört für ihn, dass sich die katholische Kirche im Vergleich etwa zu Parteien und Gewerkschaften doch gut halte. Ein Achtel der Deutschen, rechnet Püttmann vor, sei heute im engeren Sinne katholisch geprägt. „Und Minderheiten sind oft besser vernetzt und selbstbewusster missionarisch, und ihre Bindungskraft ist größer.“ Kein schlechter Wert also, meint Püttmann.

Folgt man ihm, wäre die katholische Kirche in Deutschland in Sachen Bindungskraft eher eine Art Erfolgsmodell. Was ja erst mal erstaunlich ist bei einer Institution, der bei Umfragen gerade mal 20 Prozent der Deutschen vertrauten (während die evangelische Kirche auf einen doppelt so hohen Wert kommt).

Verbundenheit trotz Nicht-Einverstanden-Seins: Felix Genn, Bischof von Münster, schwenkt Weihrauch. Quelle: dpa

Kann man das erklären? Dass sich viele Katholiken ihrer Kirche besonders verbunden fühlen, obwohl sie so vieles an ihr zu kritisieren haben? Oder liegt darin am Ende gar kein Widerspruch? Sondern eine Wertschätzung für das manchmal Unpopuläre?

Wer mit den Menschen auf dem Katholikentag spricht, der hört viele Geschichten vom Nicht-Einverstanden-Sein. Nur dass es die Verbundenheit mit der Kirche anscheinend nicht schmälert.

Da ist zum Beispiel Martin Willer, Agrar-Student aus Berlin. Der 32-Jährige steht im Karohemd vor dem Beelert-Heim, in dem Benediktiner-Schwestern den Besuchern in einer Werkstatt kleine Schilder mit Tageslosungen basteln lassen. Das Angebot ist beliebt, Willer muss den Zugang schließen, weil es drinnen zu eng wird. Eine Woche ist er hier, er hilft als Objektleiter des Hauses, oft beginnt die Arbeit früh am Morgen und endet spät am Abend, „und dazwischen“, sagt er, „ist ständig irgendwas“. Eines der großen Themen auf dem Katholikentag ist die Diskussion um das gemeinsame Abendmahl von katholischen und evangelischen Ehepartnern, die Kommunion. Die deutschen Bischöfe hatten dies mehrheitlich gebilligt, dann haben sieben Bischöfe widersprochen, jetzt muss es eine Einigung geben, sagt der Papst. Es ist ein eigenartiger Streit, weil er aus der Zeit gefallen scheint und der Praxis in vielen Gemeinden hinterherhinkt. Aber Martin Willer sagt nur: „Das ist doch bei uns längst üblich“, und es klingt wie „Redet ruhig, wir machen das, wie wir es für richtig halten“. Dass Dogma und Alltag auseinanderfallen, das kennen sie schon, und es wird ihn nicht von seiner Kirche abbringen.

Oder da ist Wilfried Notten, ein 68-jähriger früherer technischer Leiter eines Zeitungsverlags, im münsterschen Regen steht er vor einem kleinen Zelt in der Innenstadt. Vinzenz-Konferenz steht darauf, und wenn er erzählen soll, was er da macht, dann erzählt er von Alleinerziehenden, die vom Hartz-IV-Geld keinen neuen Kühlschrank kaufen können, oder Familien, denen Strom und Gas abgestellt werden, „und drei Tage später haben wir das dann geregelt“.

Notten kommt aus Bocholt, normalerweise würde er über seine Arbeit nicht reden, aber seine Gemeinschaft findet keinen Nachwuchs, deshalb steht er hier.

Manchmal ist die Kirche engherzig: Katholik Wilfried Notten Quelle: Thorsten Fuchs

Was ihn an seiner Kirche stört? „Dass sie sich mit unkonventionellen Typen manchmal so schwer tut.“ Wie mit dem Pfarrer bei ihm in der Region, der Popmusik und Scheinwerfer in seine Kirche holte und der dann gehen musste. Engherzig findet Notten das. Aber er käme nicht auf die Idee, deshalb mit seiner Kirche zu brechen.

Das würde auch Raphael Schmid nicht tun, der Student am Eingang der Martinikirche. Er hat die Türen geschlossen, so voll ist die Kirche inzwischen beim „Krimigottesdienst“. „Der Reiz der Kirche“, sagt er, „liegt doch gerade darin, dass sie nicht nur dem Zeitgeist entspricht.“ Es ist ziemlich genau das, was der Religionssoziologe Detlef Pollack von der Universität Münster meint, wenn er erklärt, was die katholische Kirche für ihre Mitglieder attraktiv macht, was sie hält, bei allem Hadern. Den Abwärtstrend könne sie nicht aufhalten, den gebe es in allen modernen, individualisierten Gesellschaften. Die katholische Kirche jedoch profitiere von der Distanz zu Moden. Ein wenig Veränderung muss schon sein, aber bitte nicht zu viel. Dass die Kirche in vielem weniger liberal denkt als ihre Mitglieder, das gehört bei den Katholiken gleichsam zum Programm. Die Distanz gehört zu ihrem Wesen.

Aber reicht das, um junge Menschen für sich zu gewinnen, nicht nur dir Älteren zu halten? Es sind auch die Diskussionen darüber, die den Katholikentag in Münster prägen. Und auch weil es wahrscheinlich nicht reicht, gibt es die „Berührbar“, ein kleines Zelt in der Innenstadt. „Frieden zum Anfassen“ steht dran. Ein halbes Dutzend junge Frauen steht hier, sie haben eine Art Menü erstellt, es reicht vom Tattoo über eine Berührung bis zu einer Umarmung, die man sich bei ihnen bestellen kann. Es ist ein Projekt des Bistums und so etwas wie ein Renner in der Jugendecke des Katholikentags, man soll sich über seine Grenzen und Bedürfnisse klar werden, das ist der pädagogische Sinn.

„Kirche kann auch etwas Frisches, Spannendes sein“: Katholikin Lucie Beduhn Martinez. Quelle: Thorsten Fuchs

Eine, die hier mitmacht, ist Lucie Beduhn Martinez, eine 29-jährige Studentin, sie mag das Unkonventionelle an der Aktion, „Kirche kann auch etwas Frisches, Spannendes sein“. Es klingt, als habe sie daran schon kaum mehr geglaubt. Für den Moment hat die Kirche sie damit für sich eingenommen. Aber es ist eine labile Nähe. „Ich habe oft auch gezweifelt“, sagt sie.

Von Thorsten Fuchs/RND

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