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Deutschland / Welt Tegel, meine alte Perle
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11:00 19.09.2017
Quelle: dpa
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Berlin

Als Engelbert Lütke Daldrup Berliner Journalisten Ende Juli in die Katakomben des Flughafens Tegel führt, zeigt er ihnen eine anderswo längst untergegangene Welt. In dieser Welt, in Tegel, gibt es noch Telefone mit Wählscheiben. Und antike Gepäckförderbänder, für die man längst schon keine Ersatzteile mehr bekommt.

Gerade hat die Arbeitsgemeinschaft Deutscher Verkehrsflughäfen eine neue Auswertung veröffentlicht. Demnach ist Tegel der unpünktlichste Flughafen Deutschlands. Jeder, der zuvor in den Katakomben die marode Unterwelt von Tegel gesehen hatte, wusste: Es liegt nicht nur am Air-Berlin-Chaos, dass hier zuletzt fast jeder dritte Flug verspätet abhob.

Tegel stand einmal für Fortschritt. Doch das ist 43 Jahre her. Inzwischen ist der Flughafen eine Art Zombie: Auf Verschleiß gefahren, gnadenlos überlastet und eigentlich längst geschlossen. Eine Milliarde Euro koste es, das Terminal zu sanieren, sagte Flughafenchef Lütke Daldrup beim Marsch durch die Katakomben.

„Als Tegel entstand, war Fliegen noch etwas Elitäres“

Und doch lebt der Mythos Tegel weiter. Wenn die Berliner bei der Volksabstimmung am Sonntag, parallel zur Bundestagswahl, über die Zukunft des Flughafens entscheiden, wird sehr wahrscheinlich eine Mehrheit für den Weiterbetrieb stimmen. Faktisch bedeutet das nichts – politisch jedoch sehr viel. Und die große Frage ist: Kann man sie irgendwie erklären, diese spezielle Liebe der Berliner zum Maroden?

Der Flughafen im Norden Berlins war das frühe Meisterstück der Architekten Volkwin Marg und Meinhard von Gerkan. Die Sechseck-Form war revolutionär – Fluggäste brauchen zwischen Taxi und Gate nur 20 Meter Weg zurückzulegen. „Als Tegel entstand, war Fliegen noch etwas Elitäres“, sagte Architekt Gerkan gerade der „B.Z.“. An Terrorismus und Airport-Einzelhandel dachte ebenfalls niemand. Am BER in Schönefeld, südöstlich der Stadt gelegen, haben Gerkan und Marg jetzt eine Shoppingmall wie überall sonst eingeplant. Seit fünf Jahren sollte dort das Geschäft brummen – und Tegel geschlossen sein.

Als Neujahr 2012 bei Familie Möller in Berlin-Reinickendorf die Korken knallten, wurde nicht nur der Anfang des neuen Jahres gefeiert, auch das nahende Ende des Lärms über ihren Köpfen. Am 3. Juni sollte damals der Flugbetrieb am Airport Tegel Geschichte sein. Ruhe war den Möllers und rund 300 000 Lärmgeplagten im Norden und Westen Berlin versprochen.

„Früher war es lange nicht so schlimm“

Heute, nach fünf angekündigten und gescheiterten Eröffnungen des Tegel-Ersatzes BER und fünf damit einhergehenden, gescheiterten Schließungen des Flughafens Tegel entwickelt sich das Flugwesen über Reinickendorf, dem Wedding, Pankow, Spandau oder dem brandenburgischen Falkensee prächtig. Fast 10 000 Starts und Landungen bilanzierte die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg allein in der Zeit von 22 bis 5.59 Uhr im vergangenen Jahr. „Vor allem nachts ist es schlimm“, erzählt Helmut Möller (67). „Es brummt und surrt, meine Frau und ich liegen oft wach.“ Der Rentner lebt zwar bereits seit den Siebzigerjahren hier. „Aber früher war es auch lange nicht so schlimm. Es gab eben lange nicht so viele Starts und Landungen wie jetzt.“

Die Berliner Flug-Formel lautet seit mehr als 20 Jahren: Öffnet der BER, schließt Tegel. Wenn man bedenkt, dass es 1990 in Berlin mit Tegel, Schönefeld und Tempelhof drei internationale Airports gab, heute zwei und künftig nur noch einen, dann reiben sich Beobachter angesichts einer rapide wachsenden Stadt verwundert die Augen. Das soll reichen?

Aber ja, ist Flughafenchef Lütke Daldrup überzeugt. 22 Millionen Fluggäste sollen jährlich im neuen Hauptstadt-Airport ab Eröffnung abgefertigt werden können, im Jahr 2035 dann 55 Millionen, sieht sein Masterplan vor. In vier Jahren sollen durch den Bau eines Zusatzterminals 33 Millionen Passagiere am BER abgefertigt werden können – so viele flogen allerdings bereits im vergangenen Jahr von den funktionierenden Altflughäfen Tegel und Schönefeld.

„Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg“

Das reicht doch alles hinten und vorn nicht, finden die Organisatoren des maßgeblich von der Berliner FDP getragenen Volksbegehrens „Tegel offen halten!“. Mit ihrer Pro-Tegel-Kampagne („Erhalten wir das Einzige, das wirklich funktioniert!“) hatten die Liberalen im vergangenen Jahr den Nerv vor allem vieler Westberliner getroffen – und ein veritables Comeback im Berliner Abgeordnetenhaus hingelegt. Mit dem Volksentscheid über Tegel will die FDP in wenigen Tagen wieder doppelt punkten, diesmal mit CDU und AfD im Schlepptau. Und mit der Fluglinie Ryanair, die 30 000 Euro für die Tegel-Kampagne gespendet haben soll und ihr Logo groß auf die Plakate druckte.

Auch wenn der Vorsprung der Befürworter einer Offenhaltung von Tegel laut Forsa-Erhebung von 73 Prozent Anfang des Jahres auf aktuell 61 Prozent gesunken ist – der Erfolg des Volksentscheids scheint sicher. Rechtliche Konsequenzen muss das jedoch nicht haben. Denn letztlich wird dem Senat damit lediglich ein Prüfauftrag erteilt. Die Berliner Landesregierung hat jedoch bereits 2004 entschieden, dass Tegel sechs Monate nach Inbetriebnahme des neuen Hauptstadtflughafens BER geschlossen werden muss. Die rot-rot-grüne Koalition, die sich mehr Bürgerbeteiligung auf die Fahnen geschrieben hat, sitzt nun in der Tinte. Setzen sich die Initiatoren des Volksentscheids durch und die Regierenden taktieren nur, setzen sie Glaubwürdigkeit aufs Spiel.

Darauf setzt die Opposition. Der frühere Justizsenator Thomas Heilmann (CDU) räumt zwar ein, dass es lediglich um eine längere Offenhaltung von Tegel gehen könne: „Auf Dauer wird das rechtlich gar nicht möglich sein.“ Die Berliner CDU schwankt jedoch, denn Parteichefin Monika Grütters stellt umgehend klar: „Sollte der Volksentscheid zugunsten einer Offenhaltung ausgehen, wird die Rechtslage zu ändern sein.“ Sebastian Czaja, Generalsekretär und Fraktionschef der Berliner Liberalen, sieht es ebenso: „Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Wir setzen darauf, dass der Senat den Aufruf zur politischen Vernunft hört. Jede Stimme dafür ist auch ein Bekenntnis zu Tegel als Teil der Identität dieser Stadt.“

„Die Stadt wächst einfach durch ihre Attraktivität“

Für die Stadt Berlin hat die Fläche strategische Bedeutung. Anders als auf dem Flugfeld des 2008 geschlossenen Airports Tempelhof – wo die Berliner Fahrrad fahren, skaten oder Drachen steigen lassen – sollen auf dem dann ehemaligen TXL-Gelände bis zu 10 000 dringend benötigte Wohnungen, Gewerbeflächen, ein Wissenschaftszentrum und insgesamt 20 000 Jobs entstehen. In dieser Größenordnung sind Investitionen in Berlin kaum noch möglich.

Makler beeindruckt diese Aussicht indes nicht. Seit 2010 steigen die Preise kontinuierlich, berichtet Dirk Wohltorf, Landeschef des Immobilienverbands IVD, überall in Berlin und im Umland. Mit Öffnungen und Schließungen von Flughäfen habe das aber nichts zu tun: „Die Stadt wächst einfach durch ihre Attraktivität.“ Vielleicht seien künftig in der direkten Einflugschneise wesentlich höhere Preise zu erzielen als jetzt, aber die wirklich begehrten Lagen seien schon heute wenig vom Fluglärm betroffen. „Diejenigen, die heute für Wohnungsbau auf dem Flugfeld Tegel sind, haben ihn vor wenigen Jahren bei der Abstimmung 2014 über den wesentlich attraktiveren Standort Tempelhof verhindert.“

„Tegel gehört einfach dazu“

Wohltorf, der als Immobilienmakler in Tegel und Reinickendorf arbeitet, geht davon aus, dass auch hier viele für die Offenhaltung stimmen werden. „Tegel gehört einfach dazu. Dabei geht es um Tradition, Geschichte und Stolz.“ Stolz? „Viele Berliner finden es unmöglich, dass ihre Stadt, die in einem Atemzug mit London oder Paris genannt wird, keinen eigenen Flughafen mehr hat. Der liegt ja dann in Brandenburg.“ Aber vielleicht speist sich ein Teil der Beliebtheit Tegels auch einfach aus dem Bedürfnis nach Rache. Dem Wunsch, es zumindest einem der für das BER-Desaster Verantwortlichen mal zu zeigen.

Helmut Möller indes ist verunsichert. 180 000 Haushalte liegen in der Einflugschneise. „Uns ist die Schließung Tegels versprochen worden, und das wurde politisch besiegelt“, sagt Möller. „An die Rechtslage müssen sich jetzt alle halten, oder?“ Es klingt wie das Pfeifen im Wald. Über Reinickendorf setzt schon das nächste Flugzeug zur Landung an.

Von Thoralf Cleven/RND

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