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Deutschland / Welt Essen statt beten: Was ist eines Gotteshauses würdig?
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07:28 08.10.2018
Abendmahl im Clubsessel: Restaurant in einer aufgelassenen Bielefelder Kirche. Quelle: glueck und seligkeit
Hannover

Eine liberale Moscheegemeinde nimmt sich einer verfallenden Kirche an – und startet mit der christlichen Nachbargemeinde gleich noch einen preisgekrönten interreligiösen Dialog: Die Umwidmung der Kapernaum-Kirche in Hamburg-Horn gilt vielen als Vorzeigeprojekt. Aber taugt sie auch als Modell für künftige Umwandlungen?

Auf den ersten Blick spricht einiges dafür. Die meisten Moscheegemeinden bitten ihre Gläubigen in Hinterhöfe, ehemalige Autowerkstätten oder Fabriketagen und suchen seit Langem vergeblich neue Räume. Auf der anderen Seite brauchen die Kirchen wegen schwindender Mitgliederzahlen immer weniger Platz zum Beten: Die evangelische Kirche hat von 1990 bis Ende 2017 von ihren gut 20 000 Kirchen 395 verkauft oder abgerissen. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wurden der Deutschen Bischofskonferenz zufolge 537 katholische Kirchen entweiht und 133 abgerissen.

Die Umwandlung einer Kirche in eine Moschee dürfte aber ein Einzelfall bleiben. „Wir wollen den Dialog der Religionen, nicht den Wechsel der Religionen“, sagt Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der Evangelischen Kirche in Deutschland. Das heißt: Bei allem Interesse am friedlichen Miteinander geht die Umwandlung einer Kirche in eine Moschee zu weit. Deutlich wird etwa die Evangelische Kirche Westfalen: „Die Verwendung einer Kirche als Moschee ist nicht möglich“, heißt es da. Auch die Deutsche Bischofskonferenz schließt die „kultische Nutzung durch nicht christliche Religionsgemeinschaften (z. B. Islam, Buddhismus, Sekten) wegen der Symbolwirkung“ aus.

Was aber soll dann aus den vielen Kirchen werden, die in den kommenden Jahren nicht mehr benötigt werden? Was ist eines früheren Gotteshauses würdig? Ist ein Restaurant besser als eine Moschee?

Ein Restaurant?

Die Martini-Kirche in Bielefeld, Ende des 19. Jahrhunderts im neugotischen Stil errichtet, wurde bis 2002 von der griechisch-orthodoxen Kirche genutzt. 2004 kaufte sie ein Gastronom, baute sie um und eröffnete das Restaurant „Glück und Seligkeit“ – als damals erstes Restaurant in einer Kirche in Deutschland.

Ein Wohnhaus?

Die Nikolaikirche in der Rostocker Innenstadt, ein Bau ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert, wird nicht mehr für Gottesdienste, sondern für Konzerte, Ausstellungen und Diskussionen genutzt. Eine Besonderheit befindet sich seit 1985 im neu errichteten Hallendach: drei Etagen mit Wohnungen und Gästezimmern.

Ein Friseursalon?

Die frühere Kirche St. Josef in Waldfischbach im Bistum Speyer wurde bis 1930 kirchlich benutzt – und anschließend als Lazarett. Nach dem Krieg zog eine Sparkassenfiliale ein, seit 2003 werden hier Haare geschnitten: Der Salon „Hairdom“ nutzt frühere Kirchenfenster als Spiegel, sitzen kann man auf Beichtstühlen.

Eine Turnhalle?

An den Wänden der Abteilkirche St. Maximin in Trier hängen Basketballkörbe, auf dem Boden zeigen Linien die Maße von Handball- und Volleyballfeldern. Das Kloster diente schon als Gefängnis, Lazarett und Schule, die Abteikirche wurde bis 1995 zur kombinierten Sport- und Festhalle umgebaut.

Kirchenamts-Vize Gundlach bevorzugt eine „dem früheren Inhalt näher stehende Nutzung“ – das Negativbeispiel ist für ihn Holland, wo auch schon mal eine Skaterhalle in einem früheren Kirchenbau Platz findet. In Deutschland gilt im Zweifel, grob vereinfacht: lieber Kita als Hotel, lieber Ausstellungsraum als Restaurant, lieber gemeinnützig als kommerziell – und keine anderen Religionsgemeinschaften. Außer der jüdischen, wegen der gemeinsamen Wurzeln.

In Cottbus hat die Jüdische Gemeinde 2015 eine Synagoge in der ehemaligen Schlosskirche eröffnet, einer früheren evangelischen Kirche, die zuletzt nicht mehr genutzt worden war. Es ist die einzige Gemeinde mit eigener Synagoge in ganz Brandenburg. Bereits 2009 hatte die Liberale Jüdische Gemeinde Hannover ihre Synagoge in der früheren Gustav-Adolf-Kirche eingeweiht.

Oft stellt sich das Problem allerdings auch gar nicht. Gerade in den Dörfern in Ostdeutschland gibt es weder Gastronomen noch andere Religionsgemeinschaften, die sich für die Übernahme interessieren. Zugleich jedoch wollen viele Bürger, dass die Bauten weiter existieren und gepflegt werden – auch wenn es kaum Kirchenmitglieder in den Orten gibt. „Die alten Kirchen haben hier nicht nur eine religiöse Bedeutung, sondern sind auch mentaler Mittelpunkt des Ortes“, betont Gundlach. Gerade in Brandenburg bemühten sich immer mehr Dorfgemeinschaften um die Rettung ihrer Kirche. So ist es letztlich an den Bürgern zu zeigen, wie viel ihnen an den Kirchen wirklich liegt.

Von Thorsten Fuchs/RND

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