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Deutschland / Welt WM-Stimmung: „Es hat nicht mehr die beschwingte Leichtigkeit“
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08:13 27.06.2018
“Die gelassene Freude ist verschwunden“: Fan auf der Fanmeile in Berlin. Quelle: dpa-Zentralbild

Herr Münkler, es ist Weltmeisterschaft, und im Straßenbild sind kaum Deutschlandflaggen zu sehen. Ist der Party-Patriotismus tot?

Ich sehe allenthalben noch viele Autos, die geflaggt sind wie Ochsen beim Almabtrieb. Auch in Schrebergärten ist die Deutschlandfahnen-Dichte noch hoch. Aber es hat nicht mehr die beschwingte Leichtigkeit vorheriger Turniere. Beim Sommermärchen 2006 drückten die Flaggen die Freude über die Weltmeisterschaft im eigenen Land aus, auch eine Erwartungshaltung gegenüber dem eigenen Team. Aber sie hatten nichts Exkludierendes. Da bin ich mir heute nicht mehr so sicher. Wofür stehen die Fahnen heute, wollen diejenigen, die sie aufhängen, andere ausgrenzen? Die gelassene Freude bei ihrem Anblick ist verschwunden.

Parallel zur flächendeckenden Beflaggung bei großen Turnieren seit 2006 wurde die Nationalmannschaft bunter, spielte einen anderen Fußball als früher – und hatte Erfolg. Ist auch diese Geschichte vorbei?

Die Erzählung von der bunten Mannschaft, die besseren Fußball spielt, beginnt 1998 in Frankreich. Damals wurden die Franzosen mit einem sehr bunten Team Weltmeister und Deutschland mit einer Mannschaft aus lauter Biodeutschen spielte ein peinliches Turnier. Seit 2002 steuerte der DFB da um und hatte nachhaltigen Erfolg. Aber daran ist auch vieles Zufall – und hat mit den individuellen Leistungen der einzelnen Spieler zu tun. Warum Mesut Özil gegen Mexiko nicht die optimale Leistung bringen konnte, wissen wir nicht. Es kann natürlich sein, dass er unbedingt zeigen wollte, wie wertvoll er für das deutsche Team ist, und deshalb blockiert war. Özil war höchstwahrscheinlich naiv, als er dieses Foto mit Erdogan zugelassen hat. Zu einer anderen Zeit wäre die Debatte darüber schnell beendet gewesen. Dass sie diese Intensität erlangt hat, zeigt, wie sehr die deutschen Probleme auf den Fußball wirken.

Welche sind das?

Es zeigt sich eine Erwartungsenttäuschung, eine Erwartungsüberlastung. Integration vollzieht sich problemlos und erfolgreich, die Integrierten haben sich dankbar zu zeigen – solche überzogenen Erwartungen spielen seit 2015 verstärkt eine Rolle. So gesehen sind auch die Attacken gegen Özil eine Spätfolge der durch die Refugees-welcome-Freundlichkeit geweckten Erwartungen.

Aber Mesut Özil ist kein Flüchtling, sondern ein Deutscher aus Gelsenkirchen.

Das zählt aber leider für einige nicht mehr.

Die Parallelen sind einfach zu kon­struieren: Joachim Löw ist seit 2006 Bundestrainer und hat seinen Vertrag bis 2022 verlängert bekommen, Angela Merkel ist seit 2005 Bundeskanzlerin und soll noch bis 2021 weitermachen. Haben beide ihren Zenit überschritten?

Eindeutig ja. Zu den Parallelen gehört auch ein ähnlicher Stil: Beiden fehlt die Unbedarftheit, beide eint die Strategie, Fehler zu vermeiden durch systematisches Denken. Das hat im Ergebnis oft etwas Zähes. Beide wecken keine Begeisterung. Und es zeigen sich die Probleme einer alternden Gesellschaft: Am Bewährten und an den bewährten Kräften wird zu lange festgehalten. Die Nationalmannschaft hat ein bislang ungeahntes Durchschnittsalter erreicht. Löw hat versäumt, die Siegermannschaft des Confed Cup viel stärker ins Team einzubauen.

Sind die Vergleiche zwischen Fußball und Politik nicht immer überhöht?

Natürlich sind sie das. Aber das ist in Deutschland nicht anders möglich. Der Weltmeister-Titel 1954 war die Revision der Niederlage 1945. Hinter diese Überhöhung kommt Deutschland nicht zurück.

Ihre Frau und Sie haben 2016 das Buch „Die neuen Deutschen“ veröffentlicht und die notwendigen Wege zur Integration der Flüchtlinge gezeigt. Sind diese Wege heute noch gangbar?

Ja, das sind sie noch. Aber das Projekt wird langwieriger, riskanter und teurer. Die Ablehnung, die die hier Angekommenen erfahren, lässt bei ihnen eine ambivalente Haltung zu Deutschland aufkommen. Dazu gehören auch Ängste. Viele, die es geschafft haben und hier erfolgreich sind, fragen: Kann so etwas wie 1933 in Deutschland wieder passieren? Bis vor drei Jahren habe ich immer geantwortet: Nein, nie wieder. Heute bin ich da nicht mehr so sicher.

AfD-Rechtsausleger Björn Höcke fordert in einem neuen Buch eine „groß angelegte Remigration“, die nicht ohne „Grausamkeiten und unschöne Szenen“ auskäme. Spiegeln solche Ankündigungen Ihre Befürchtungen wider?

Ja, das tun sie leider. Das Schließen der Grenzen reicht diesen Leuten ja nicht. Die Integrierten, die Inte­grierbaren sind ihr eigentlicher Feind. Sie sind die erklärten Gegner der „neuen Deutschen“.

Dennoch ist die Integration Alltag, und gerade viele „neue Deutsche“ unterstützen vehement die Nationalmannschaft. Lässt sich diese Entwicklung von Radikalen wie Höcke aufhalten?

Nein, denn bei den „neuen Deutschen“ beobachte ich oft einen Willen, eine Bereitschaft, sich anzustrengen, von der sich die Alteingesessenen eine Scheibe abschneiden können. Solch eine Bereitschaft bewahrt uns davor, uns auszuruhen auf den Erfolgen der Vergangenheit, dem Exportweltmeister-Titel, den ganzen Weltmeister-Titeln, die wir schon hatten.

Herfried Münkler ist Politikwissenschaftler mit dem Schwerpunkt Politische Theorie und Professor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Quelle: Tagesspiegel

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