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Deutschland / Welt Das Gespenst des Handelskrieges geht um
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12:02 26.04.2018
Die große Frage: Wer wird unter den Strafzöllen auf ausländischen Stahl mehr leiden – die Verbraucher in den USA oder in Europa? Quelle: dpa
Berlin

Ansgar Kriwet konnte es nicht fassen. Die Amerikaner hatten gerade Donald Trump gewählt, den Mann, der Mauern an der Grenze zu Mexiko und Zollzäune in den Beziehungen zu allen anderen Handelspartnern bauen will. Kriwet war in jenen Tagen in Mexiko, der schwäbische Maschinenbauer Festo, für den er als Vertriebsvorstand arbeitet, ist seit mehr als vier Jahrzehnten im Land aktiv. Die Abnehmer produzieren viel für den US-Markt. „Ich war am Boden zerstört“, sagt Kriwet. „Ich war in größter Sorge.“

Die legte sich allerdings, als er mit seinen Kunden im Land sprach: Die US-Industrie komme ohne ihren südlichen Nachbarn überhaupt nicht zurecht, erklärten sie dem Deutschen. Manches Zulieferteil kreuze die Grenze im Produktionsprozess ein halbes Dutzend Mal, ehe es im fertigen US-Auto eingebaut sei. Wer das stoppe, werde sich vor allem selbst schaden. „Keiner hat sich ernsthaft Sorgen um sein Geschäft gemacht“, sagt Kriwet.

Seitdem sieht er den Handelsstreit als großen Poker mit extrem hohem Einsatz. „Die USA haben die Waffe auf den Tisch gelegt“, sagt Kriwet. Das Bild macht sich offenbar in den Köpfen breit, wortgleich benutzt es auch Carl Martin Welcker, Präsident des Maschinenbauverbands VDMA – in seinem Bild ist die Waffe auch noch geladen. Aber bisher sieht kaum jemand den Finger am Abzug.

Während das Wort vom Handelskrieg durch die Welt schwirrt und Politiker versuchen, ihn in Pendeldiplomatie zu verhindern, demons­trieren die meisten Manager eher Gelassenheit. Selbst an den sonst so nervösen Börsen hinterlässt der Konflikt bisher wenig Spuren. Fragt man Unternehmer nach ihren aktuellen Sorgen, berichten sie vom starken Euro, vom Fachkräftemangel, von der Bürokratie, einem deutschen Rückstand bei der Digitalisierung. Der Nachsatz ist dann für den Handelsstreit reserviert: Auch dieses Jahr werde das Geschäft wachsen – wenn der Konflikt nicht eskaliere. Kaum einer kann es sich vorstellen. Denn wenn es passiert, droht eine Kettenreaktion. Die Amerikaner, daran zweifelt diesseits des Atlantiks kaum jemand, würden verlieren wie viele andere auch.

Feldzug für US-Arbeitsplätze

„So weit darf es nicht kommen“, sagt BDI-Präsident Dieter Kempf. Auf dem Tisch liegt nämlich ein ganzes Waffenarsenal: Auf Stahlimporte will Trump 25 Prozent Zoll erheben, auf Aluminium 10 Prozent, und den deutschen Autoherstellern droht er schon lange mit Einfuhrbeschränkungen. Obwohl sie immer mehr in den USA produzieren, geht es immerhin um eine halbe Million Autos im Jahr. Im Gegenzug hat Europa bereits mit Strafzöllen auf Stahlprodukte wie Motorräder und Jachten, auf Jeans, Whisky und Agrarprodukte wie Mais gedroht.

Den Zugang über Mexiko würde Trump am liebsten dichtmachen, den Freihandelspakt Nafta hat er gekündigt. Ausgestiegen ist er aus dem Pazifik-Abkommen TPP, und für China holte er das ganz große Kaliber raus: Auf 1300 Importwaren im jährlichen Wert von 50 Milliarden Dollar wollen die USA Strafzölle erheben – von Elektronikprodukten bis zu Medikamenten, von Maschinen bis zu Flugzeugteilen. China konterte betont zurückhaltend: Für rund 130 Produkte im Wert von 3 Milliarden Dollar werde man die Einfuhr verteuern – von Schweinefleisch bis zu nahtlosen Röhren. Nebenbei knöpfte sich die US-Regierung noch Russland vor und kündigte Sanktionen gegen Unternehmen und deren Eigentümer an.

Das Verhältnis trübt sich: Siemens-Chef Joe Kaeser, US-Präsident Donald Trump beim Weltwirtschaftsforum in Davos. Quelle: AP

Doch umgesetzt ist davon fast nichts. Vorerst pflegt Trump die Rhetorik aus dem Wahlkampf, in dem er einen Feldzug zur Rettung amerikanischer Industriearbeitsplätze versprach. Gewählt haben ihn zum großen Teil Arbeiter, die in Detroit Autos bauen, in Pittsburgh am Hochofen stehen, in Ohio Waschmaschinen montieren – oder das taten, bis ausländische Marken ihnen Konkurrenz machten. Macht er die Importprodukte mit Zöllen teurer, so Trumps Logik, hat die Inlandsfertigung wieder eine Chance.

Schon George W. Bush ist mit Strafzöllen gescheitert

Wirtschaftswissenschaftler und selbst viele US-Manager machen allerdings eine andere Rechnung auf: Wird etwa importierter Stahl durch Zölle teurer, haben zwar einige US-Stahlwerke bessere Wettbewerbschancen, aber für den Rest steigen die Preise: Treffen würde das die verarbeitende Industrie und die Endverbraucher – viel mehr Menschen, als in der Stahlindustrie profitieren könnten. Zudem hat Stahl aus US-Produktion nicht den besten Ruf. In vielen Bereichen sei die Qualität der Importware überhaupt nicht zu ersetzen, glauben deutsche Manager. Michael Frenkel, Professor an der privaten Wirtschaftshochschule WHU –  Otto Beisheim School, erinnert an Stahlzölle, die George W. Bush 2002 eingeführt hatte: Sie wurden 18 Monate später auf Druck der Industrie abgeschafft, nachdem sie 140 000 Arbeitsplätze in anderen Branchen vernichtet hatten – und weil die WTO sie für unrechtmäßig erklärt hatte.

Ungeschoren kämen aber auch die Europäer nicht davon. Es sind nicht die Einzelmaßnahmen eines Handelsstreits, die den Experten Sorgen machen. Es ist die Furcht vor einer Kettenreaktion, wenn der erste Schritt einmal gemacht ist. Selbst wenn die Diplomatie Erfolg hat und die EU geschont wird, kämen die Wellen des amerikanisch-chinesischen Konflikts hier an: Beide Seiten würden neue Märkte für die Waren suchen, die sie im anderen Land nicht mehr loswerden.

Der Fleischunternehmer Clemens Tönnies sagt den deutschen Erzeugern bereits fallende Schweinepreise voraus, die Stahlunternehmer fordern von der EU weiteren Schutz vor chinesischen Dumping-Importen. Die Sanktionen gegen das Rohstoffland Russland ließen sofort die Preise für Aluminium und andere Metalle klettern. Die Zeichen der Verunsicherung mehren sich.

Mexiko setzt auf Europa

„Die Hochstimmung in den deutschen Chefetagen verfliegt“, sagte Ifo-Chef Clemens Fuest, als er jüngst den weiter gesunkenen Geschäftsklima-Index präsentierte. Wenn die Europäische Zentralbank an diesem Donnerstag über die Geldpolitik berät, werden die Ratsmitglieder die gewachsenen Risiken im Hinterkopf haben. Die Bedingungen für die vor allem in Deutschland lang geforderte Normalisierung der Geldpolitik haben sich verschlechtert, eine für Anfang 2019 erwartete Zinserhöhung muss weiter nach hinten rutschen.

Auch Trump zögert angesichts der unkalkulierbaren Folgen. Doch schon die Waffe auf dem Tisch zeigt Wirkung. Die irritierten Handelspartner müssen sich positionieren – nicht immer im Sinne der USA. „Mexiko ist aufgewacht“, sagt Festos-Manager Kriwet, die Fixierung auf die USA werde infrage gestellt. So soll das Freihandelsabkommen mit der EU nach überraschend kurzen Verhandlungen erheblich erweitert werden. Einen ähnlichen Effekt erwartet der Manager in Europa: „Wir haben zu stark auf die USA geschaut.“

Altmaier: Europa sollte eine Eskalation vermeiden

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hofft, dass die EU-Mitgliedsstaaten in der kommenden Woche zu einer gemeinsamen Position beim weiteren Vorgehen im Handelsstreit mit den USA kommen. „Wir tun gut daran, jede Eskalation zu vermeiden“, sagte Altmaier am Mittwoch in Berlin. Die EU sei derzeit dabei, ihre Position abzustimmen. „Wir haben eine Verantwortung dafür, dass ein unkontrollierter Wettbewerb um Zölle vermieden wird.“

Eine „kontroverse Debatte“, sagte Altmaier, gebe es in Frankreich darüber, welche Verhandlungsangebote den USA gemacht werden sollten. Die EU will aber demonstrativ mit einer Stimme sprechen. Bis zum 1. Mai sind die EU-Staaten von erhöhten US-Zöllen auf Stahl und Aluminium ausgenommen.

Eine dauerhafte Ausnahme von diesen Zöllen muss nach den Vorstellungen des deutschen Wirtschaftsministers Verhandlungsziel sein. Gleichzeitig bekräftigte Altmaier, dass die Bundesregierung sich gegen Protektionismus einsetze. Die Welthandelsorganisation WTO, die fairen Handel schützen soll, sei wichtiger denn je. US-Präsident Donald Trump hat sich mehrfach kritisch über die WTO geäußert.

Und auch vor Asien macht die Erkenntnis nicht halt: „Das ganze Durcheinander mit den USA bringt auch die Chinesen zum Nachdenken“, sagt Thilo Brodtmann, Hauptgeschäftsführer des VDMA. Es sei sicher kein Zufall, dass sie gerade jetzt symbolträchtig ausländischen Autobauern mehr Freiheiten verheißen.

Die Wunschliste der westlichen Konzerne an die kommunistischen Kapitalisten ist lang. Warum etwa können Chinesen in Deutschland fast beliebig Unternehmen kaufen, Deutsche in China aber nicht? Ein Investitionsabkommen, über das schon gesprochen wurde, „liegt im Moment ein bisschen rum“, sagt Brodtmann. Vielleicht könne man die aktuelle Bewegung ja für Fortschritte nutzen. „Dadurch, dass die Chinesen Trump sehen ...“, könnten sie gute Beziehungen zu Europa höher schätzen.

Auch sein Verbandspräsident kann Trumps Wirken indirekt Positives abgewinnen. Dass China von freiem und fairem Handel weit entfernt sei, hätten auch die Europäer schon lange kritisiert, sagt Welcker. Aber die USA hätten eine ganz andere Durchschlagskraft „durch ihre Größe und die Verhandlungsmethodik von Herrn Trump“.

„Ein Trump genügt uns“

Der Familienunternehmer rät allerdings auch den Europäern, in den Spiegel zu schauen. Schließlich erhebe die EU für viele Importe aus den USA deutlich höhere Zölle, als es umgekehrt geschehe. „Die Situation zeigt, dass wir zu sauberen Verhältnissen mit unseren Handelspartnern kommen müssen“, sagt Welcker. Er wagt seinen Gedanken kaum auszusprechen: „Man darf es heute nicht mehr TTIP nennen“, sagt er in Erinnerung an die heftigen Debatten um das transatlantische Freihandelsabkommen. Auch „TTIP light“ habe man im Verband als Begriff verworfen, aber den Wert gemeinsamer Handelsregeln müsse in diesen Tagen doch wohl jeder erkennen. „Es ist traurig, dass wir die Chance verpasst haben.“

Ein neuer Anlauf für eine abgespeckte Version – diesen Wunsch würde Welcker gern der Kanzlerin mit auf den Weg nach Washington geben. Ob sich Angela Merkel dabei etwas von der nicht ganz wirkungslosen „Verhandlungsmethodik“ ihres Gegenübers abschauen sollte? Nein, sagt Welcker. „Es genügt, wenn wir einen Trump haben.“

Von Stefan Winter/RND

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