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Deutschland / Welt Dschihad statt Darwin
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15:15 21.09.2017
Will eine „gläubige Jugend“ heranziehen: Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. Quelle: dpa
Ankara

Er wolle eine „gläubige Jugend“ heranziehen, versprach Recep Tayyip Erdogan schon 2012. Auf diesem Weg macht die türkische Regierung jetzt einen großen Schritt nach vorn – oder zurück, je nach Perspektive. Die Evolutionstheorie des britischen Theologen und Naturforschers Charles Darwin (1809-1882) wird im kommenden Jahr aus dem Biologieunterricht der türkischen Schulen gestrichen. Stattdessen kommt bereits in diesem Schuljahr der „Dschihad“ auf den Stundenplan.

Im Erziehungsministerium in Ankara beeilt man sich zu unterstreichen, damit sei natürlich nicht der „Heilige Krieg“ gemeint, wie ihn etwa die IS-Terrormiliz auf ihre Fahnen geschrieben hat. Regierungsnahe Theologen kritisieren, das Wort Dschihad werde von Extremisten missbraucht und im Westen einseitig als gewaltsamer Kampf zur Verbreitung des Islam missverstanden. Der Koran verstehe darunter aber den „inneren Kampf“ um den rechten Glauben, das persönliche Bemühen eines Muslim, die Werte des Islam zu leben.

Erst glauben, dann rechnen lernen

„Wir wollen, dass der Dschihad in seiner korrekten Bedeutung gelehrt wird“, erklärt Erziehungsminister Ismet Yilmaz. Ahmet Hamdi Camli, Abgeordneter der islamisch-konservativen Regierungspartei AKP und Mitglied des parlamentarischen Ausschusses für Erziehung, geht noch weiter: „Es hat keinen Sinn, einem Kind Rechnen beibringen zu wollen, das den Dschihad nicht versteht.“ Nicht nur der Dschihad kommt auf den Stundenplan, die Schulen werden auch verpflichtet, Gebetsräume einzurichten.

Das bisherige Kapitel „Der Beginn des Lebens und die Evolution“ wird in den Schulbüchern durch den Abschnitt „Lebewesen und Umwelt“ ersetzt. Viele säkular eingestellte Türken sehen darin weitere Schritte Erdogans, das gesellschaftliche und politische Leben in der Türkei nach seinen eigenen, religiös-konservativ geprägten Wertvorstellungen zu prägen. Erdogans Regierung führt seit langem einen Feldzug gegen die Evolutionstheorie, die von vielen strenggläubigen Muslimen – wie auch von christlichen Fundamentalisten – als gottlose Irrlehre bekämpft wird. 2009 untersagte der staatliche Wissenschaftsrat die Veröffentlichung eines Artikels über Darwin in einer Fachzeitschrift, die Herausgeberin wurde entlassen.

Lehrergewerkschaft zieht vor Gericht

Kritiker fragen, wie man ohne die Evolutionstheorie qualifizierte Biologen, Pharmakologen und Ärzte ausbilden könne. Die regierungskritische Lehrergewerkschaft Egitim-Is will gegen die Streichung vor Gericht ziehen. „Während der Biologieunterricht von drei auf zwei Wochenstunden reduziert wird, gibt es künftig drei statt zwei Stunden Religionsunterricht“, kritisiert Gewerkschaftschef Mehmet Balik.

Erziehungsminister Yilmaz will nicht nur der Religion breiteren Raum geben. Auch die Niederschlagung des Putschversuchs im Juli 2016 wird im neuen Lehrplan als „legendäres und heroisches historisches Ereignis“ ausführlich behandelt. Im Rahmen der „Säuberungen“ nach dem gescheiterten Umsturz hatte Erdogan per Dekret mehr als 44 000 Lehrer sowie fast 8700 Hochschullehrer und Wissenschaftler entlassen. Fast 900 Privatschulen wurden geschlossen.

„Kinder sollen keine Fragen stellen“

Kritiker sehen darin den Versuch der Regierung, das Erziehungswesen gleichzuschalten. Der sozialdemokratische Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu wirft der Regierung vor, sie wolle „Kinder daran hindern, Fragen zu stellen“ und die Türkei „in ein mittelalterliches Land verwandeln“.

Das Weltbild der türkischen Schüler könnte sich noch viel grundlegender wandeln, wenn sich Leute wie Tolgay Demir durchsetzen. Demir ist stellvertretender Vorsitzender der Jugendorganisation der Erdogan-Partei AKP in Istanbul. In einem vielbeachteten Internet-Beitrag erklärte Demir seinen Lesern, genauso falsch wie die Evolutionstheorie sei die Ansicht, dass es sich bei der Erde um eine Sphäre handele. In Wirklichkeit, so schrieb Demir, sei die Erde eine Scheibe.

Von Gerd Höhler / RND

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