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19:44 21.08.2018
„Wir wollen nicht stören, wo wir nicht stören müssen“: Mit dem Grubber setzt Öko-Bauer Jan Wittenberg auf schonende Technik auch in Dürrezeiten. Quelle: Christian Burkert
Hildesheim

Jan Wittenberg hat sich hingehockt, auf den Grund, den seine Familie seit 14 Generationen bearbeitet. So ist er ihm ganz nah, seine Finger rechen die graue Erde, wenden sie hin und her, Sand, Staub, bis sie auf eine tönerne Schicht stoßen, sie freilegen.

„Das hier“, sagt Wittenberg und sieht auf, „ist der beste Boden. Der beste Boden der Welt.“ Respektvoll klingt das, fast bewundernd.

Wenn der beste Boden nicht mehr kann

Aber was ist, wenn auch der beste Boden der Welt nicht mehr reicht? Wenn auch er das Wasser nicht mehr so speichern kann, dass der Weizen oder der Raps damit durch Wochen der Dürre kommen, wie in diesem Jahr? Oder wenn wahre Regenfluten auf ihn niedergehen, wie im letzten Jahr? Wenn das Wetter immer extremer wird? Was dann?

Jan Wittenberg, Bauer aus der Nähe von Hildesheim, hat eine mögliche Antwort.

Es geht um mehr als Nothilfe angesichts der weitgehend ausgefallenen Ernte, über die an diesem Mittwoch in Berlin entschieden werden soll. Es geht um die lange, große Linie. Wie können sich die Bauern dem Klimawandel anpassen? Wie können sie sich vorbereiten auf ein Phänomen, dessen einzige Berechenbarkeit die Unberechenbarkeit ist? Das, wie ein Spieler, mal Dürren über das Land schickt, mal wochenlangen Regen? Ist das überhaupt möglich? Wie sollen die Höfe künftig aussehen? Muss man so weit gehen wie Jan Wittenberg, der Öko-Pionier aus Mahlerten? Oder geht es auch mit jenen sanften Reformen seines konventionellen Kollegen Holger Hennies, des Kartoffelspezialisten aus Schwüblingsen?

Wird der Staat den dürregeplagten Bauern helfen?

Die Dürre hat auf Feldern und in Wäldern große Schäden verursacht. Nun soll der Staat den Landwirten helfen. An diesem Mittwoch will Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) in Berlin auf diese Forderung antworten. Sie wird den Erntebericht vorstellen, dann will sie sagen, ob die Bauern mit Nothilfe rechnen können. Eine Milliarde Euro hat der Deutsche Bauernverband gefordert, als Ausgleich für ein Jahr extremer Trockenheit, das viele Landwirte an den Rand des Ruins zu bringen droht. In der Diskussion ist auch Hilfe bei einer Dürreversicherung.

Erzwingt nun ausgerechnet der Klimawandel mit seinen gnadenlosen Mitteln eine Agrarwende, den Abschied von der industrialisierten Landwirtschaft, wie manche glauben? Und hat die Wissenschaft auf alles das eine eindeutige Antwort?

Das sind die großen Fragen. Und nun sitzt Jan Wittenberg, ein hagerer 49-Jähriger mit Pferdeschwanz, in der geräumigen Diele des herrenhausartigen Hauptgebäudes seines Hofes, spätes 19. Jahrhundert, und erzählt, wie das kam mit dem Soja. „Damals war ich der Erste in Norddeutschland.“ Einer, den die anderen durchaus belächelten.

Viele Sorten, große Pausen

Soja braucht Wärme. In Europa wuchs es bis dahin vor allem am Mittelmeer und am Schwarzen Meer. Aber sollte es nicht auch in Norddeutschland wärmer werden? Und war es nicht schon zu registrieren, dass die Temperaturen im Schnitt immer weiter stiegen?

So brachte Wittenberg vor neun Jahren das Soja nach Norddeutschland. Und das war nicht alles.

Wenn Jan Wittenberg zeigen will, was er auf seinen 160 Hektar Ackerfläche anbaut, geht er voraus, hinüber zu einem der Wirtschaftsgebäude. Von außen wirken die denkmalgeschützten Backsteinbauten unverändert, innen sind alle modernisiert. Hier lagern die Gläser, zehn insgesamt. Darin: Proben all der Früchte, die er anbaut. Zum Beispiel Dinkel, Weizen, Roggen, zwei Sorten Erbsen, Soja natürlich. Luzerne, die gelben Körner der Lupine – auch da war er einer der Ersten – , die dunklen dreieckigen Körner des Buchweizens. Viele – wie die eiweißreiche Lupine – lieben Wärme. Der Buchweizen, sonst vor allem in Russland zu Hause, ist besonders robust. Einer, der viel wegsteckt.

Genügsam und die Wärme liebend: Die eiweißreiche und wärmeliebende Lupine entwickelt sich zur Alternative auch in Norddeutschland. Quelle: dpa-Zentralbild

Zehn Arten, das ist für Wittenberg so etwas wie eine Versicherung. „Wenn eine mal ausfällt, geht es der anderen vielleicht umso besser“, sagt er. Soja zum Beispiel kam in diesem Jahr rätselhafterweise schlecht. Die weiße Lupine kam dafür umso besser.

Vielfalt ist das eine. Der Boden ist das andere. „Gepflügt“, sagt Wittenberg, „habe ich seit 22 Jahren nicht mehr.“

Wittenberg sitzt auf dem Fahrersitz seines Treckers, hinter sich zieht er eine Art Schleppnetz mit Werkzeugen: Schneiden kappen Unkräuter, lockern die oberste Schicht, Zinken arbeiten wie eine Harke, Räder drücken das Gelockerte etwas an, alles jetzt nur zu erahnen in einer riesigen Staubwolke. „Grubbern“ heißt diese Technik, bei der nur die oberste Schicht bearbeitet wird. Bakterien, Humus und Regenwurmgänge sollen erhalten bleiben, sodass der Boden Wasser speichern und ableiten kann, das ist die Idee. Speichern für Zeiten der Dürre, ableiten in Zeiten des endlosen Regens. „Wir wollen nicht stören, wo wir nicht stören müssen“, sagt Wittenberg.

Mehr Arbeit – und höhere Preise

Wittenberg will überzeugen. Er berät andere Landwirte, er sitzt im Bundesvorstand der Arbeitsgemeinschaft bäuerliche Landwirtschaft. „Solche Extreme müssen uns klarmachen, dass wir umsteuern müssen“, sagt Wittenberg. Aber ist seine Art wirklich Teil der Lösung? Sie ist arbeitsaufwendig. Wittenberg hat einen Angestellten, der hat gut zu tun. Zudem ist sie teurer, ein Grubber kostet mehr als ein Pflug. Seine Methodik setzt Wissen über Pflanzen voraus, das nicht mehr jeder hat – und etwas, das der Bauer nicht in der Hand hat. Wittenbergs Soja ist im Schnitt 15 bis 20 Prozent teurer als Bio-Soja vom Schwarzen Meer. Er braucht also Tierzüchter aus der Region, die es dennoch kaufen – und Verbraucher, die für das komplett regionale Bio-Ei dann noch mal ein paar Cent mehr bezahlen.

Der Klimawandel könnte also Lebensmittel teurer machen. Die Frage ist, ob Kunden das akzeptieren. Wenn sie doch nicht mal die braunen Flecken auf der Kartoffel hinnehmen wollen.

50 Kilometer nordöstlich von Jan Wittenberg steht Holger Hennies auf einem Kartoffelacker und greift mit seinen großen Händen beherzt in die Erde. Die Knollen, die er hervorholt, tragen dunkle Male auf der Schale. Kartoffelschorf. „Müssten bloß geschält werden“, sagt Hennies. Der Kunde will sie dennoch nicht. Prädikat: unverkäuflich.

Dabei waren sie nur ein paar Tage zu spät. Damals, im Mai, als sie gleich hätten wässern müssen. Der Stress der Trockenheit war für die Pflanze zu groß, so kam das mit dem Schorf.

Landwirt Holger Hennies und sein persönlicher Gewinner: Der Mais kam in diesem Jahr relativ gut mit Hitze und Trockenheit zurecht – anders als Raps und Zuckerrüben. Quelle: Christian Burkert

„Wir hängen am Wasser“, sagt der großgewachsene 48-Jährige. An dem Wasser, mit dem sie die Felder beregnen.

Holger Hennies hat einen großen Hof, in Schwüblingsen, allein Kartoffeln baut er auf 100 Hektar an, 140 Fußballfeldern. Auch alte Sorten, Rote Tannenzapfen zum Beispiel. Denen geht es noch schlechter als den neueren. „Zwei Drittel weniger Ertrag in diesem Jahr“, sagt Hennies knapp. Bei den Neuen ist es ein Drittel.

Trocken war es hier, in dieser Ecke zwischen Hannover und Braunschweig, immer schon. 1953 war sein Vater der Erste, der seine Felder beregnete. Seitdem führt er Buch. Trägt in einen Kalender ein, wie viel es geregnet hat. Bis heute. 85 ist Holger Hennies‘ Vater. Seine Kalender sind ein Dokument des Klimawandels in der Region.

Es regnet entweder zu viel – oder gar nicht

„Die Ausschläge werden größer. Wir haben immer mehr Jahre über 1000 Millimeter. Dabei waren es sonst immer 730 Millimeter, 740. Mehr steht uns hier nicht zu“, sagt Hennies.

Die Formulierung erinnert an eine Zeit, in der Regen für Bauern einfach ein Segen war. An eine Zeit, in der man mit den Wettergegebenheiten zurechtkommen musste – und vor allem konnte. Inzwischen ist Regen ein Problem. Es gibt entweder zu viel davon – oder gar nichts.

Für Holger Hennies war schon lange klar, dass der Klimawandel kommt. Also hat der promovierte Agrarwissenschaftler und Umweltexperte des Landesbauernverbandes den Hof angepasst. Hat, ähnlich wie der Öko-Kollege Jan Wittenberg, mehr Vielfalt auf den Hof geholt. Neun Kulturen hat er inzwischen, Wintergerste, Sommergerste, Raps, Zuckerrüben, Mais und so weiter. Er lässt den Böden mehr Zeit, nur noch alle vier Jahre kommt dasselbe aufs Feld statt alle drei. Bei Wittenberg sind es acht Jahre, aber vier ist für Hennies auch schon eine Veränderung.

Das Wasser macht’s: Die Zuckerrübe vom bewässerten Feld (links) ist etwa zehnmal größer als die nicht bewässerte. Quelle: Christian Burkert

Holger Hennies hat auch nichts gegen Exoten. Hirse, wäre das was? „Warum nicht?“, fragt er zurück. „Vor 300 Jahren hat hier ja auch noch keiner an die Kartoffel geglaubt.“

Nur: Wollen die Menschen hier Hirse? Der Druck, sagt Hennies, wird ja eh größer. Im Frühjahr hat eine große Kette statt seiner Frühkartoffeln drei Wochen lang lieber Ware aus Israel verkauft. Einfach so. Konkurrenzfähig, sagt Hennies, seien sie – die konventionellen genauso wie viele Bio-Bauern in der Region – nur mit ihren Beregnungsanlagen. Dann, wenn sie zumindest ein wenig ausgleichen können, was ihnen der Klimawandel in den wichtigen Phasen raubt. Die Behörden gestatten ihnen eine Höchstmenge an Wasser. Die schöpft er aus.

Hennies hat vier Kinder. Einer der Söhne hat Lust, den Hof zu übernehmen. Ob er ihm zuraten kann, mit der Aussicht auf eine ungewisse Entwicklung des Klimas? Er überlegt. Nur wenn die Behörden die Beregnung weiter erlauben, sagt er. Die werde immer wichtiger. „Sonst sind wir da an der Abbruchkante.“

Vielfältiger, robuster, regional angepasst – viele glauben, dass dies die Zukunft der Landwirtschaft ist. Hermann Lotze-Campen hält es zumindest für möglich. „Der ökologische Landbau mit in der Regel vielfältigeren Fruchtfolgen wird sich möglicherweise einfacher anpassen können als die konventionelle Landwirtschaft“, sagt der Leiter des Forschungsbereichs Klimawirkung und Vulnerabilität am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Andererseits geht es bei steigender globaler Nachfrage auch künftig um möglichst hohe Erträge. Das ist die Stärke des konventionellen Anbaus.

Was der Klimawandel die Felder bringt

Es wird heißer, nasser – und in jeder Hinsicht extremer: Welche Pflanzen kommen mit dem Klimawandel gut zurecht? Was werden wir auf Feldern häufiger sehen, was weniger?

Mehr Hartweizen: Der sogenannte Durumweizen, aus dem Nudeln hergestellt werden, wächst bislang vor allem am Mittelmeer. Künftig könnte er hier den Weichweizen, aus dem Brot und Kuchen gebacken werden, zurückdrängen. „Unsere Ernährung wird mediterraner“, prophezeit Stefanie Hahn vom Julius-Kühn-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Kulturpflanzen.

Weniger Kartoffeln: Für sie ist die Trockenheit im Frühsommer ein Problem.

Mehr Soja: Der wärmeliebende Eiweißlieferant hat laut Kühn-Institut auch hier eine große Zukunft – falls auch die Winter milder werden.

Mehr Aprikosen: Zusammen mit Pfirsichen könnten sie den Apfel zurückdrängen, beide Früchte brauchen aber auch milde Winter.

Mehr Erbsen: Wie Bohnen und Lupinen beschert ihnen der Klimawandel bessere Bedingungen. Einschränkung: Für alle drei sind trockene Herbste ein Problem.

Mehr Mohn, Lavendel, Salbei: Bauern könnten laut Kühn-Institut auf Nischenprodukte setzen, auch wegen der größeren Gewinnspanne.

Lotze-Campen klingt relativ gelassen, wenn es um die deutschen Bauern und den Klimawandel geht. Was vielleicht zum einen daran liegt, dass er gerade vom Hof seiner Eltern in Ostfriesland kommt. „Dem nassen Marschboden dort hat die Trockenheit mal ganz gut getan.“

Der andere Grund könnte sein, dass er für die deutschen Bauern Anpassungsmöglichkeiten sieht. Für die Landwirtschaft etwa im Mittelmeerraum aber werden die Folgen weit dramatischer sein. „Mit gut geplanter Anpassung“, sagt Lotze-Campen, „können die deutschen Bauern in bestimmten Jahren trotz Klimaauswirkungen wie Trockenheit oder extremer Nässe global gesehen zu den Gewinnern gehören.“

Anpassen – und weniger Fleisch essen

Wenn im Rest der Welt die Erträge um 40 Prozent sinken, in Deutschland aber nur um 20 Prozent, dann könnten höhere Preise die Verluste zumindest zum Teil ausgleichen. Oder sogar mehr als wettmachen. „Geplante Anpassung“, das heißt für ihn auch: weniger Tiere. Das sei, sagt Lotze-Campen, der wichtigste Weg, um die Emissionen zu reduzieren, mit denen die Landwirtschaft selbst den Klimawandel verstärkt. Mit denen sie also die Bedingungen verschärft, unter denen sie letztlich selbst leidet. Das Methan, das Kühe und Schafe bei der Verdauung produzieren, ist eine mächtige Belastung für das Klima. Es ist ein Appell nicht nur an die Landwirte, auch an die Verbraucher: „Wir sollten weniger Fleisch essen“, sagt er. Eine Reduktion auf die Hälfte, statt 60 nur noch 30 Kilo im Jahr, das wäre auch aus Gesundheitsgründen sinnvoll.

Aber spätestens da beginnt dann auch der Streit.

Das würde Deutschland den Klimazielen lediglich ein Prozent näher bringen, rechnet Ansgar Lasar vor, Klimabeauftragter der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. „Da müssen die Bauern schleunigst in die Offensive gehen“, sagt er alarmiert. Es klingt, als sei Veränderung etwas, das nicht alle in der Landwirtschaft positiv sehen.

Der Bauer Jan Wittenberg steht erst mal vor einem deutlich näher liegenden Problem. Er will seine Luzerne säen. Aber dazu braucht er Regen. Dringend. „Sonst ist es für dieses Jahr zu spät.“ Dann beginnen gerade in diesen Tagen die Probleme, die ihn und die anderen Bauern im nächsten Jahr beschäftigen.

Von Thorsten Fuchs/RND

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