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Deutschland / Welt Der Schlächter vom Balkan
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17:13 22.11.2017
Der bosnisch-serbische General Ratko Mladic ist für die Ermordung Zehntausender Muslime während des Balkankriegs verantwortlich. Quelle: AP
Den Haag

Wer das Leid dieser Jahre zwischen 1992 und 1995 noch einmal erspüren will, darf an diesem Mittwoch nicht im Gerichtssaal des Internationalen Strafgerichtshofes Platz nehmen. Nebenan, in einem eigenen Raum mit Direktübertragung, sitzen sie, die Frauen von Srebrenica. Jede von ihnen hat mindestens einen Menschen verloren, damals im Juli 1995, als Ratko Mladics Serben-Truppe 8000 gefangene bosnische Muslime ermordeten. Einige der Zeugen und Beobachter sind aus Sarajewo gekommen, der bosnischen Hauptstadt, die in diesen Kriegsjahren unter Dauerbeschuss von serbischen Scharfschützen lag. Rund 10 000 Menschen verloren dort ihr leben. Am schlimmsten Tag der Belagerung fielen allein rund 4000 Granaten auf die einstige Olympiastadt.

Ganze Familien wurden ausgelöscht

„Das Gericht verurteilt den Angeklagten zu einer lebenslangen Haftstrafe“, sagt der Vorsitzende Richter, der Niederländer Alphons Orie, an diesem Mittwoch. Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen hat die Anklage aufgelistet. Ein weiteres, vielleicht letztes Mal bäumt sich der inzwischen 75-jährige Mladic auf, schreit „Sie lügen, Sie lügen“ in den Saal, wird von Sicherheitsleuten abgeführt. Den Urteilsspruch bekommt er später zu hören.

Ermittler des Internationalen Strafgerichtshofs für Kriegsverbrechen arbeiten am 1996 nahe Tuzla (Bosnien-Herzegowina) an einem Massengrab in dem Opfer des Massakers von Srebrenica. Quelle: AP

„Die Strafe fühlt sich richtig an, aber die Trauer macht es nicht leichter“, sagt die 63-jährige Mrija nach dem Richterspruch. Sie stammt aus Sarajevo. Ihr Mann wurde von Mladics Schergen erschossen, ihre Tochter nahm sich das Leben, nachdem sie in einem der von den Serben eingerichteten Vergewaltigungslagern monatelang missbraucht worden war. Ihr Sohn starb als Widerstandskämpfer. „Ich wollte es dennoch sehen. Ich musste wissen, dass es doch noch so etwas wie Gerechtigkeit gibt.“

Skrupel hat der General bis heute nicht

Fünf Jahre hatte sich der Prozess hingezogen, immer wieder unterbrochen von Anträgen der Verteidigung, die sogar ein Ende des Verfahrens forderten, weil Mladic nach mehreren Hirnschlägen und zwei Infarkten vor seiner Verhaftung 2011 und einer Krebsbehandlung 2009 angeblich nicht verhandlungsfähig gewesen sei. Noch an diesem Mittwoch hatte Mladics Anwalt beantragt, die Verlesung des Urteils abzukürzen, da der Serbe unter extremem Bluthochdruck leide. Doch die Richter ließen sich nicht beeindrucken und wickelten den Prozess bis zum Schluss ordnungsgemäß ab. Es wird ihr letztes großes Verfahren gewesen sein.

Ratko Mladic vor dem UN-Hauptquartier in Sarajewo. Quelle: AP

Nach 24 Jahren stellt der Hof nun seine Arbeit ein, eine stark verkleinerte Instanz soll eventuell noch laufende Berufungen abwickeln – dazu dürfte wohl auch noch die von Ratko Mladic kommen. Reue oder gar Buße – darauf hatten die Angehörigen der Opfer in Den Haag vergeblich gewartet. „Ich schlafe ruhig“, sagte Mladic einen Tag vor dem Urteil einer Belgrader Boulevard-Zeitung.

Der Organisator eines Genozids

Der Beschuldigte selbst sagte wenig, seine Verteidiger bemühten sich, die vorgelegten Beweise zu zerpflücken und die 377 angehörten Zeugen zu verunsichern. Dabei waren die Belege gegen den obersten General der serbischen Armee erdrückend. Am Tag vor dem Massaker von Srebrenica ließ sich Mladic sogar von einem Kameramann begleiten und sagte in die laufenden Mikrofone: „Hier sind wir im serbischen Srebrenica. Kurz vor einem großen serbischen Festtag übergeben wir dem serbischen Volk diese Stadt. Die Zeit ist gekommen, an den Muslimen Rache zu nehmen.“

Der serbische General Ratko Mladic (l) und Thomas Karremans (2.v.r.), der niederländische Offizier der Schutztruppe der Vereinten Nationen stehen am 12.07.1995 zusammen in Potocari nahe Srebrenica (Bosnien-Herzegowina). Quelle: AP

Die Angriffe auf Sarajevo befahl er in einem Gespräch mit einem Untergebenen, von dem eine Aufzeichnung existiert, mit den Worten: „Beschießt sie, bis sie wahnsinnig werden.“ Neben Mladic gilt der frühere Serbenführer Radovan Karadzic als Hauptverantwortlicher für die ethnischen Säuberungen. Er war im März 2016 zu 40 Jahren Haft verurteilt worden. Der dritte große Planer des groß-serbischen Reiches, der einstige Präsident Slobodan Milosevic, starb 2006 vor Ende des Verfahrens gegen ihn in der seiner Zelle. Das Tribunal hat seine Arbeit getan.

Mladic ließ ein Dorf in ein KZ umbauen

Der Balkan-Krieg gilt als eines der dunkelsten Kapitel des letzten Jahrhunderts. Im zerfallenden Jugoslawien brandete eine Schlacht auf, die wie eine Neuauflage des Genozids der Nazis wirkte. Serben und Nichtserben sollten nach dem Willen Karadzics voneinander getrennt werden. Mladic reagierte und ordnete an, dass „alle Nichtserben weiße Bänder um ihre Oberarme binden mussten und ihre Häuser mit weißen Tüchern markiert werden sollten.“ Wer der Anordnung nicht folgte, wurde sofort erschossen. Wer gehorchte, wurde deportiert. Mladic ließ das komplette Dorf Trnopolja zu einem Konzentrationslager für 23 000 Menschen umbauen. Berichte über regelrechte Vergewaltigungszentren für Frauen und Mädchen entstanden, die Gräueltaten eskalierten immer weiter, bis sich schließlich die Nato entschloss, mit Luftschlägen in den Krieg auf dem Balkan einzugreifen.

Flüchtlinge aus Srebrenica vor den Toren der UN-Basis in Tuzla. Quelle: AP

Der Kriegsverbrecher wird von manchen wie ein Held gefeiert

Das alles mag Jahrzehnte her sein, doch es hat Spuren im Land hinterlassen, die auch die Verfahren und Urteile von Den Haag nicht ausräumen konnten. „Kinder des Hasses“ werden bis heute im neuen Serbien jene genannt, die bei einer Vergewaltigung gezeugt wurden. Noch immer suchen Menschen nach den Überresten ihrer Familienangehörigen. Perfide hatten die serbischen Truppen die Leichen zerstückelt und an verschiedenen Stellen in Massengräber geworfen, um Spuren zu verwischen. Die Mitarbeiter der internationalen Organisationen, die nach Kriegsende damit begannen, nach den Toten zu suchen und sie zu identifizieren, mussten immer wieder die Arbeit unterbrechen, weil sie überfordert waren.

Im krassen Gegensatz steht die ungebrochene Verehrung der Kriegsverbrecher in ihren jeweiligen Ländern. Auch Mladic konnte sich fast 16 Jahre lang verstecken, zeitweise sogar frei bewegen. Bei einem Fußballspiel in Belgrad wurde er von mehreren Leibwächtern geschützt. Dass der Mann 2011 schließlich verhaftet werden konnte, lag wohl wesentlich am Druck der Europäischen Union. Brüssel hatte den neuen Machthabern in Serbien, aber auch in Kroatien klargemacht, dass es keine Aufnahmegespräche geben werde, so lange die amtierenden Regierungen die Kriegsverbrecher nicht an das Tribunal in den Haag ausliefern würden. Doch im Volk konnte die EU-Perspektive die Bewunderung für die Helden nicht vollständig ausräumen. In Mladics Heimatort Bozanovici trägt eine Straße bis heute seinen Namen. In der örtlichen Kneipe hängt sein Porträt.

Von Detlef Drewes/RND

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