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Deutschland / Welt Das geheime, gehässige Leben des Q
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05:06 06.08.2018
Zeichen einer fragwürdigen Bewegung: Ein Trump-Anhänger hält in Wilkes-Barre vor einer Veranstaltung das „Q“ hoch – zum Zeichen seiner Überzeugung, dass der US-Präsident heldenhaft gegen düstere Mächte im Inneren Washingtons kämpft. . Quelle: Matt Rourke/AP/DPA
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Washington

Keiner weiß, wer Q ist. Ein Mann, eine Frau, eine Gruppe? Ist er – oder sie oder sie – wirklich ein Insider im Weißen Haus, wie er – oder sie oder sie – behauptet? Auf jeden Fall ist Q erfolgreich. Und auf dem besten Wege, eine Bewegung zu werden.

Wie ein Virus verbreitet sich Q. Zum ersten Mal wurde das Q am vergangenen Dienstag bei einer Wahlkampfveranstaltung in Tampa in Florida öffentlich gesichtet. Als einzelner Buchstabe auf einem weißen Bogen Papier, den Trump-Anhänger hier und dort schweigend in der Menge hochhielten. Am Donnerstag war das Q bei einem Auftritt des US-Präsidenten in Wilkes-Barre, Pennsylvania, und am Sonnabend bei einer Donald-Trump-Rallye in Lewis Center, Ohio, schon zuhauf zu sehen. In den Tagen dazwischen sind die Q-Träger und Trump-Fans um einiges lauter, aggressiver und zahlreicher geworden.

QAnon (Anon steht für anonym) ist seit Oktober 2017 im Internet auf dem Messageboard 4Chan mit kruden Botschaften und wilden Verschwörungsthesen unterwegs. Kernbotschaft: Es gebe in den USA einen „Deep State“, einen „Staat im Staat“, geführt von Geheimdienstlern, Bürokraten sowie Ex-Präsident Barack Obama und Ex-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton. Die hinterhältigen demokratischen Verschwörer wollten Präsident Trump kaltstellen.

Und so warnt Q: „Der US-Präsident ist unser Retter. Betet. Die Operationen sind im Gange. Wir sind im Krieg. Q“.

„Alle Vorwürfe sind purer Schwindel“: US-Präsident Donald Trump am Wochenende bei einer Wahlkampfveranstaltung in Ohio. Quelle: imago

In aller Ernsthaftigkeit behaupten Q-Leute, dass sich Trump gegen kriminelle Machenschaften im Weißen Haus wehrt. Und dass der Präsident in Washington unter anderem gegen einen Pornoring kämpft, der von Sonderermittler Robert Mueller unterstützt wird. Weite Teile des Staates hätten sich verselbstständigt, seien von einer weltweit vernetzten Bankenelite gesteuert (unverfänglicher Code für Antisemitismus, gemeint sind Juden). Krude Behauptungen, die auch in früheren Präsidentschaften vereinzelt zu hören waren, aber im Zeitalter von ­Fake-News-Debatten, einer Flut von Lügen, Hasstiraden und Tabubrüchen durch den obersten Staatsvertreter selbst eine ganz eigene Dynamik entwickeln.

Es ist eine Verschwörungstheorie, die ausgerechnet in dem Moment um sich greift, in dem der besagte Sonderermittler Robert Mueller mit seinen Fragen nach der Einmischung Russlands in die Präsidentschaftswahl 2016 immer näher an den Chef des Weißen Hauses heranrückt.

„Trump zeigt uns den Weg, aber er kann nicht über all seine Pläne öffentlich sprechen“: Q-Fan Gregg LaPat in Ohio. Quelle: privat

Zu den Trump-Fans, die sich ein Q in den Nationalfarben Rot-Weiß-Blau auf ihre T-Shirt malen, gehört Gregg LaPat. Der 45-jährige Handwerker ist sich sicher: „Hinter Q stehen zehn Leute. Sieben sind beim Militär, einer sitzt im Weißen Haus.“ Die anonymen Autoren würden die Dinge, die sich im Weißen Haus abspielen, erklären. „Trump zeigt uns den Weg, aber er kann nicht über all seine Pläne öffentlich sprechen“, sagt LaPat.

Dass der Familienvater absurden Geschichten aufsitzt, mag er nicht hören. Auch die anderen Frauen und Männer, die am Sonnabend in der Olentangy Orange High School in Lewis Center das Q tragen, zeigen sich überzeugt, von einer ganz und gar seriösen Quelle endlich die Wahrheit zu erfahren.

Die „Washington Post“ hatte sich bereits am Donnerstag in Wilkes-Barre die Mühe gemacht, gleich mehrere Dutzend QAnon-Anhänger zu interviewen und ihre Antworten zu protokollieren. Erstaunt stellen die Beobachter fest: Die ­Q-Gläubigen haben völlig unterschiedliche Vorstellungen davon, wer sich hinter den anonymen Postings verbergen könnte und welche konkreten Ziele mit der Stimmungsmache verbunden sind. Sie alle sehen sich gleichwohl als eine Art Vorreiter einer Bewegung, die hinter den Drehungen und Wendungen von Donald Trump einen tieferen, weltverändernden Sinn vermuten.

In den Farben der Nation hat Patriot Dave Brody zum Trump-Auftritt den Bart gefärbt. Quelle: AP

Es ist ein bemerkenswerter Befund: Mit seinem permanenten Wahlkampf, der ihn ein- oder zwei-mal pro Woche kreuz und quer durch das Land führt, verändert Trump die politische Kultur Amerikas. An die Stelle parteiinterner Debatten treten Massenveranstaltungen, die der erste Mann im Staate dominiert. Und auf denen er sich wie ein Freiheitskämpfer feiern lässt.

Tatsächlich werden die Verschwörungstheoretiker schon seit Längerem von engsten Vertrauten Trumps befeuert, die regelmäßig selbst vom „Deep State“ sprechen, der sich der Regierung in den Weg stelle. So will der frühere Präsidentschaftskandidat und Sprecher des Repräsentantenhauses, Newt Gingrich, in Washington gar ein „feindliches System“ erkennen, das alles in Bewegung setze, um Trump auszubremsen. Vor allem den eigenen Geheimdiensten traut Gingrich nicht über den Weg.

Der republikanische Abgeordnete Steve King aus Iowa geht sogar so weit zu behaupten, Ex-Präsident Obama würde im Hintergrund unzählige Bürokraten aufhetzen, damit sie sich Trumps Anordnungen widersetzen. In dieser düsteren Atmosphäre überrascht es kaum noch, wie Pastor Gary Click am Sonnabend in Lewis Center den Wahlkampfabend eröffnete: Der Kirchenmann bat Gott darum, Trump vor dem „Dschungel-Journalismus“ zu schützen.

Als Kronzeuge der Verschwörungstheoretiker allerdings dient der Präsident selbst: In wilden Twitter-Stürmen zieht er wahlweise über die unabhängigen Medien, über das FBI oder über das Justizministerium her. Allerorten wittert er Lüge und Verrat. Und Washington betrachtet er nach wie vor als Sumpf, den es auszutrocknen gilt.

„Ihr seid jetzt Mainstream“ – postet der unbekannte Q angesichts der Allgegenwart seines Markenzeichens bei Trump-Veranstaltungen. Quelle: Brian Cahn / imago

Trumps Lieblingsfeind: Sonderermittler Mueller. Der ehemalige FBI-Direktor droht mit einer Vorladung des Präsidenten, sollte dieser nicht bereit sein, freiwillig mit ihm über die vermuteten russischen Manipulationsversuchen bei der US-Wahl zu sprechen. Alle Vorwürfe, sagt Trump, seien „reiner Schwindel“.

Am Mittwoch, vor seinem Auftritt in Pennsylvania, twitterte er wenig präsidial: „Justizminister Jeff Sessions sollte diese verlogene Hexenjagd sofort stoppen, bevor sie unser Land weiter beschmutzt. Bob Mueller hat einen Interessenkonflikt, und seine 17 wütenden Demokraten, die die Drecksarbeit für ihn erledigen, sind eine Schande für die USA.“

Auch in dem kleinen Vorortstädtchen Lewis Center kommen solche Sprüche gut an. Die Anhänger jubeln begeistert wie bei einem Popkonzert. Sie sind unüberhör- und unübersehbar mit ihren Wutausbrüchen gegen die Medien, gegen Immigranten, gegen das Establishment. „Ihr seid jetzt Mainstream“, postet Q ganz begeistert. „Wohin einer geht, werden wir alle gehen.“

„Unsere Demokratie selbst liegt im Fadenkreuz“

Die Region, in der vor Jahren unzählige kleine Zulieferbetriebe für die Automobilindustrie tätig waren und die heute mitten im Strukturwandel steht, galt früher als Hochburg der Demokraten; im November 2016 haben hier die Republikaner gewonnen. Hier fühlt sich Trump wohl. Den Auftritt nutzt er denn auch für einen Rundumschlag: Muellers Vorwürfe und die des FBI gegen Moskau seien aus der Luft gegriffen. Im Übrigen sei die Berichterstattung über die Begegnung mit seinem russischem Kollegen Wladimir Putin völlig verzerrt: „Es war ein großartiges Treffen. Für uns eröffnen sich ganz neue Möglichkeiten.“

Kein Wort verliert Trump über die Irritationen der Kongressmitglieder, die nicht verstehen, warum er bei seinem Treffen in Helsinki so großen Wert auf ein vertrauliches Gespräch mit Putin gelegt hatte, bei dem selbst die engsten Berater ausgeschlossen blieben.

Keine Erwähnungen finden auch der Nationale Geheimdienstdirektor Dan Coats und FBI-Chef Christopher Wray, die erst am Donnerstag vor anhaltenden Desinformationskampagnen gewarnt hatten, die allem Anschein nach aus Russland gesteuert seien. Auf einer Pressekonferenz im Weißen Haus sprach Coats von einem Informationskrieg, der keineswegs auf Wahlkampfzeiten beschränkt sei: „Unsere Feinde sind ständig dabei, unser Land zu destabilisieren.“

Auch die US-Heimatschutzministerin Kirstjen Nielsen warnt eindringlich: „Unsere Demokratie selbst liegt im Fadenkreuz.“ Nach wie vor sei eine breit angelegte Kampagne erkennbar, um die Zwischenwahlen im November zu beeinflussen. Die Übergriffe würden von illegaler Wahlkampffinanzierung bis hin zu Cyberangriffen auf die Wahlbüros reichen. Und erst am Dienstag hatte die Zentrale von Facebook in Kalifornien bekannt gegeben, etwa drei Dutzend Nutzerkonten gesperrt zu haben, die offenbar für verdeckte Wahlkampagnen genutzt wurden. Nach Auskunft von Facebook-Sicherheitschef Alex Stamos würden sich Verbindungen zu Konten der Gruppe „Internet Research Agency“ feststellen lassen, die seiner Einschätzung nach in Verbindung mit dem Kreml steht.

Gespür für den richtigen Moment: Während Fotografen Trump bei der Begrüßung von Zuhörern in Lewis Center aufnehmen, hält ein Verschwörungsgläubiger sein Q ins Bild. Quelle: John Minchillo / AP

Trump ist das alles keine Erwähnung wert. Da liegt die Nummer eins im Staat ganz auf einer Linie mit dem anonymen Q: Feind ist, wer den Präsidenten kritisiert. Oder es auch nur wagt, ihm unangenehme Fragen zu stellen.

Doch ganz gleich, wie sehr Trump wütet und die Verschwörungstheoretiker dabei unterstützt, sich den Weg in die Wahlkampfarenen bahnen: Noch funktioniert das System der „Checks and Balances“. Mueller geht seit mehr als einem Jahr unbeirrt dem Verdacht der Wahlkampfmanipulation und möglicher russischer Absprachen mit dem Wahlkampfteam der Republikaner nach. Mittlerweile wurde gegen vier ehemalige Trump-Mitarbeiter und gegen 25 russische Staatsbürger Anklage erhoben.

Der Sonderermittler lässt sich nicht beirren

US-Wahlkampf,Dass Trump den Sonderermittler als parteiisch verunglimpft, mag den Q-Leuten gefallen. Mueller lässt sich davon offenbar nicht beeindrucken: Der 74-Jährige gilt parteiübergreifend als prinzipientreuer und vor allem unbestechlicher Beamter. In den nächsten Tagen soll nach Auskunft von Trumps Anwalt Rudi Giuliani eine Entscheidung darüber fallen, ob Trump mit dem Sonderermittler spricht. Oder nicht.

Weigert er sich, wäre das in den Augen des oder der Qs nur konsequent. Der Quereinsteiger Trump hat bereits bei seiner Bewerbung um das Amt mit der Behauptung gepunktet, in Washington existiere ein trüber Unterbau, der die amerikanische Politik kontrolliere. Da ist jeder verdächtig. In Trumps Augen.

Vielleicht ist das ein Grund, warum so viele QAnon-Anhänger glauben, Q sei tatsächlich ein Insider aus dem Weißen Haus: Es klingt so erschreckend plausibel.

Von Stefan Koch

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