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Deutschland / Welt Flucht. Regen. Hunger. Tod.
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Flucht. Regen. Hunger. Tod.
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06:50 20.06.2018
Krankheiten nehmen zu: Im Südsudan beginnt die Regenzeit. Quelle: PAULS
Wau

Wenn der Himmel seine Schleusen öffnet, sieht man mitunter kaum die eigene Hand vor Augen. Wen der Regen überrascht, der ist in Sekunden durchnässt bis auf die Knochen. Der eben noch feste rote Lehmboden verwandelt sich in glitschige Schmiere. Unter der Last des Wassers hängen nach kurzer Zeit die armseligen Planen durch, unter denen auf wenigen Quadratmetern ganze Großfamilien in Zelten kauern, die sich an altertümliche, koloniale Backsteinbauten schmiegen. Die Regenzeit im Südsudan hat begonnen. Für die knapp zwei Millionen Menschen, die im Land auf der Flucht vor dem nun bereits fünf Jahre andauernden Bürgerkrieg sind, bedeutet der Regen Hunger, Krankheit und Tod.

Etwa 5000 Flüchtlinge leben allein auf dem Gelände der historischen Kathedrale der Heiligen Maria in der Provinzhauptstadt Wau im Südsudan. Für die meisten Menschen ist es nun die dritte Regenzeit in zwei Jahren, die sie in ihren elenden Unterkünften erleben. Das lehmige Wasser findet immer wieder eine Lücke. Es fließt dann durch die Zelte und über die Füße derer, die dort Schutz suchen – meist sind es Mütter und ihre Kinder. Hört der Regen nicht auf, kommen Krankheiten wie Husten, Lungenentzündung, Durchfall und Malaria, Masern und Hirnhautentzündung.

Das lehmige Wasser findet immer wieder eine Lücke: Regenzeit im Südsudan. Quelle: AP

Seit 2011 ist der Südsudan unabhängig. Er ist der jüngste Staat Afrikas, und viele sagen, ein hoffnungsloser Fall. Der Trennung des schwarzafrikanischen christlichen Südens vom arabisch-muslimischen Norden waren schwere Bürgerkriege vorausgegangen. In einem Referendum sprachen sich 95 Prozent der Südsudanesen für einen eigenen Staat aus. Doch bereits von 2013 an flammten wieder Auseinandersetzungen auf – diesmal unter denen, die für die Unabhängigkeit gestimmt hatten. 60 Völker oder Stämme zählt das Land, und manchmal verliert man den Überblick, wer gerade wen bekriegt. Die Dinka des Präsidenten Salva Kiir kämpfen gegen die Nuer seines früheren, nach Südafrika geflohenen Stellvertreters Riek Machar.

Das ist eine grobe Linie. Tatsächlich aber zerfällt das Land in viele Parteien, die einander bis auf Clanstrukturen hinunter bekämpfen. Dann treten auch Dinka gegen Dinka an. Trotz einer im vergangenen Dezember geschlossenen Waffenruhe kommt es auch jetzt noch immer wieder zu Kämpfen. Insgesamt 4,5 der zwölf Millionen Südsudanesen sind auf der Flucht und leben in Lagern – knapp zwei Millionen im eigenen Land, 2,4 Millionen in den Nachbarstaaten. Nur aus Syrien und Afghanistan sind zuletzt mehr Menschen geflohen.

Das Land steht still

Setzt sich in Wau einmal die Sonne durch, dann trocknen Kleider im Nu und der rote Schlamm ist in wenigen Stunden wieder hart. Als hätten sie nur auf ihre Chance gewartet, öffnen die Menschen im Lager überall kleine Buden, in denen sie Süßigkeiten, Lotterie-Lose, in Fett ausgebackene Linsenkrapfen oder Tee verkaufen. Es gibt sogar eine bescheidene Flaniermeile. Mädchen spazieren in ihren Schuluniformen entlang, die Mütter machen sich zurecht, und die kleinen Kinder spielen Fangen. In diesen Momenten erkennt man, wie viel Kraft und Lebensfreude trotz aller Entbehrung in den Menschen steckt – und wie groß ihr Wunsch ist, ein halbwegs unbeschwertes Leben zu führen.

Mit dem Verlauf der Regenzeit aber nehmen die wolkenbruchartigen Niederschläge immer weiter zu. Mitunter lässt die Sonne sich über Tage nicht blicken. Und schließlich steht das Land still. Nahrungsmitteltransporte stecken fest. Versorgung ist allenfalls aus der Luft möglich. Der Südsudan wird wieder hungern. „Die Katastrophe wird kommen“, sagt Wondimu Keanu, „die Frage ist nur, wie groß sie wird.“

Seit 2007 ist der Äthiopier immer wieder beruflich als Helfer im Südsudan unterwegs gewesen. Er hat Gründung und Niedergang des Staates erlebt und leitet das Büro von Malteser International im Land. Der 48-Jährige ist ein erfahrener Mann, der auch mit der Tatsache leben und arbeiten gelernt hat, dass die Regierung dieser Staatsruine nun selbst die humanitären Helfer für absurde Leistungen zur Kasse bittet, denn der südsudanesische Staat ist pleite. Eine Arbeitserlaubnis etwa kostet Tausende von US-Dollar.

Milizen massakrieren Tausende

Drei Kriege hat Helda Lada Warwonda erlebt. Sie ist weit über 80 Jahre alt, fast blind und bewegt sich mühsam an einem Stock vorwärts. Eine Stunde hat sie gebraucht, um an eine Zahlstelle geführt zu werden. Dort erhält sie jeden Monat einen kleinen Geldbetrag ausgehändigt, der ihr und ihren 17 Enkelkindern das Überleben sichern soll. Organisiert wird die Hilfe von der katholischen Kirchengemeinde in Wau und den Maltesern, die auch die Flüchtlinge an der Kathedrale mit Nahrungsmitteln und Wasserzapfstellen unterstützen.

Helda Lada Warwonda hat ihren Sohn im Bürgerkrieg verloren – nun lebt sie im Flüchtlingslager. Quelle: Pauls

Der schlimmste Krieg sei vor wenigen Jahren ausgebrochen und habe ihr den Sohn genommen, berichtet die alte Frau. Tatsächlich spricht sie von einer Abfolge lokaler Massaker in Wau, die es in Europa allenfalls in ereignisarmen Zeiten als Kurzmeldung auf Zeitungsseiten schaffen würden. Der brutalste Angriff ereignete sich vor zwei Jahren. Milizen und die vom Volk der Dinka dominierte südsudanesische Armee töteten auf offener Straße systematisch Angehörige anderer Volksgruppen. Tausende von Menschen flohen damals in die Kirchen und auf das nahe gelegene Gelände der Kathedrale. Die Kirche ist eine der wenigen Kräfte im Südsudan, die noch über moralische Autorität verfügen. Die Mörder stoppten buchstäblich vor den Mauern der Pfarrei.

Perina Radolfo spricht, wie die meisten Südsudanesen, nur wenige Worte Englisch. Sie ist eine freundliche und gelassene Frau. Nur wenn sie vom Tag ihrer Flucht aus dem Stadtteil Kosti berichtet, übermannt die Erinnerung sie. „Gewehre, Gewehre, Gewehre“, schreit sie, so laut sie kann, als verstünde man sie dann besser. Den Mann der 32-Jährigen haben die Männer mit den Gewehren ermordet. Mit ihren vier Kindern fand sie Unterschlupf in einer alten Kirche. Die junge Frau ist von einer fast übernatürlichen Freundlichkeit und Stärke. Sie klagt nicht – über den zugigen Schlafplatz etwa, auf dem Fußboden in einem Seitengang neben dem früheren Altar. Auch nicht über ihre Mittellosigkeit, die ihr jede Perspektive nimmt. Tagsüber häkelt sie Waschlappen, um sich ein Zubrot zu verdienen. Doch zurückgehen, in ihr früheres Haus, kann sie nicht. Es ist wieder vergeben. Und ihre wenigen Habseligkeiten hatte sie auf der Flucht zurücklassen müssen.

„Gewehre, Gewehre, Gewehre“: Die 32-jährige Perina Radolfo wohnt in einer Flüchtlingsunterkunft – ihr Mann ist von Milizen getötet worden. Quelle: PETER PAULS

Soldaten, die sich alles nehmen

Was Generalleutnant Gabriel Jok Riak der jungen Mutter wohl zu sagen hätte, die so viel tapferer ist als seine Männer? Er kommandierte bei einem der Massaker in Wau die Regierungsarmee. Man darf sich Riaks Soldaten nicht wie eine ordentliche Truppe vorstellen, eher wie Landsknechte, deren Bezahlung darin besteht, sich das nehmen zu dürfen, was ihnen gefällt. Riak gehört zu den Militärs, die von den Vereinten Nationen wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt sind. Im eigenen Land aber wurde er nicht zur Rechenschaft gezogen. Im Gegenteil. Vor wenigen Wochen ernannte Präsident Kiir ihn in demonstrativer Missachtung der UN zum Armeechef. Der Gouverneur der Provinz indes wurde entlassen. Er hatte die Armee für ihre Verbrechen kritisiert.

Die Stadt Wau erreicht man, aus der Hauptstadt Juba kommend, nur aus der Luft sicher. Humanitäre Helfer sind, wenn sie auf der Straße unterwegs sind, immer wieder Ziel von Entführungen. Zehn Mitarbeiter verschiedener Organisationen wurden kürzlich nahe der Stadt Yei verschleppt, um Lösegeld zu erpressen. Insgesamt sind seit 2013 bereits mehr als 100 Helfer getötet worden. Die UN bezeichnen den Südsudan in der vergangenen Woche deshalb als gefährlichstes Land für humanitäre Helfer weltweit. Inzwischen überlegen die Hilfswerke, ihr Personal aus besonders gefährdeten Regionen abzuziehen. Für die Not leidende Bevölkerung wäre das verheerend. Niemand, auch kein Einheimischer, setzt sich aber der Unsicherheit aus, die im dünn besiedelten Umland herrscht. Die Landwirtschaft ist völlig zum Erliegen gekommen, da die Bauern sich nicht mehr aufs Feld trauen und sie ihre Ernte ohnehin an Plünderer in Uniform verlieren.

Auch die UN-Friedenstruppen, die seit Jahren auch mit deutscher Beteiligung im Land sind, bieten keinen Schutz. Ihr Stützpunkt in Wau ist befestigt wie ein Fort im Wilden Westen: mit Aufschüttungen, Zäunen, Wachtürmen und rasiermesserscharfem Stacheldraht. Das Versprechen von Sicherheit bleibt auf das große Lager selbst beschränkt. Die Lehmhütten der Einheimischen in der Nachbarschaft sind allesamt verlassen, manche geplündert und andere ausgebrannt. So versinkt der Südsudan in Agonie, ist Opfer der Willkür von Armee und Rebellen und folgt der Dramaturgie eines Krieges, den niemand mehr genau überblickt. Lediglich die Netzwerke der UN, der Hilfswerke und der Kirchen überziehen das Land und sichern eine minimale humanitäre Versorgung.

Dunkelheit liegt über dem Land

Ein Programm der Malteser, städtische Landwirtschaft in Gang zu setzen, ist der fast schon verzweifelte Versuch, Menschen zu motivieren, einen Gemüsegarten in der relativen Sicherheit einer Stadt anzulegen und für die eigene Familie oder gar den Marktplatz zu produzieren. Fast alle Nahrungsmittel werden aus dem Ausland in den eigentlich fruchtbaren Südsudan geschafft. Okra, Mais, Bohnen und Tomaten baut Ramadan Klagish Bringi an. Die Malteser haben ihm mit Setzlingen, Werkzeug und Training geholfen – und die Saat ist tatsächlich aufgegangen. Der 52-Jährige steht in einem kleinen Garten Eden, den er nicht aus den Augen lässt. In der Hütte, die an das Feld grenzt, lebt seine siebenköpfige Familie.

Zusammen mit dem Salesianer-Orden in Wau versuchen die Malteser, arbeitslose Jugendliche beruflich zu schulen – als Elektriker, Maurer, Automechaniker oder Tischler. 63 Flüchtlinge im eigenen Land bekommen hier auf diese Weise eine Chance. Auch dieses Projekt ist eher symbolisch, aber es zeigt in einer Welt des Zerfalls, dass es auch anders geht. Und es holt Jugendliche von der Straße, die sonst den Einflüsterungen von Rebellen oder der Armee erliegen können.

Viel Dunkelheit gebe es in diesem Land, sagt Wondimu Keanu. Aber es gebe auch Licht. Letztlich seien es die einfachen Menschen wie Perina Radolfo, die sich nicht unterkriegen lassen und den Umständen trotzen. „Aber wir müssen aufpassen“, sagt der Experte. „Sonst verschluckt das Dunkel auch noch das letzte Licht.“

Von Peter Pauls/RND

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