Menü
Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg Wolfsburger Allgemeine / Aller-Zeitung| Ihre Zeitung aus Wolfsburg
Anmelden
Deutschland / Welt Beto O’Rourke – der neue Stern aus Texas
Nachrichten Politik Deutschland / Welt Beto O’Rourke – der neue Stern aus Texas
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:24 25.09.2018
„Du musst den Widerstand gegen diesen Präsidenten organisieren“: Amy Hoover Sanders pusht den Wahlkampf ihres Mannes Beto O’Rourke. Quelle: Foto: Ruben R. Ramirez/dpa
Washington

Amy Hoover Sanders wollte nicht mehr. Dreimal Wahlkampf, dreimal Sieg. Drei Legislaturperioden hintereinander einen abwesenden Ehemann und Vater, der mehr Zeit mit seinen Abgeordnetenkollegen in Washington als mit seinen drei Kindern in El Paso verbringt. Schluss mit der Ochsentour.

Dann kam Donald Trump.

Und Amy Hoover Sanders sagte ihrem Mann, dem einfachen Abgeordneten Beto O’Rourke: „Du musst den Sprung in den Senat schaffen. Du musst den Widerstand gegen diesen Präsidenten organisieren.“

Hoffnung für Demokraten – zwei Jahre nach Obama

Sechs Wochen vor den Zwischenwahlen hat Beto O’Rourke nun alle Chancen, einen der beiden texanischen Senatssitze im US-Kongress zu erobern. Und er vereint alle Hoffnungen der Demokraten in sich, dass ihnen zwei Jahre nach Obama ein neuer Star geboren ist.

Es begann an einem Montag im August, bei einem Wahlkampfauftritt in einer kleinen Stadt im Süden von Texas. Beto O’Rourke beantwortete Bürgerfragen. Auch die eines Kriegsveteranen, der wissen wollte, ob der Kandidat es nicht als unpatriotisch empfinde, wenn schwarze Footballspieler aus Protest gegen den anhaltenden Rassismus während des Abspielens der Nationalhymne im Stadion knieten, anstatt aufrecht zu stehen, mit der Hand auf dem Herzen. Es ist ein umstrittenes Thema in den USA – und O’Rourke gab eine Antwort, die ihn über Nacht im ganzen Land bekannt gemacht hat.

Das andere Amerika sucht seinen Helden

„Diese Männer sind wahre Amerikaner“, sagte der Texaner am Schluss. „Sie stehen in der Tradition von Martin Luther King. Friedlich, aber mit Nachdruck fordern sie die Bürgerrechte ein. Ich kann mir nichts vorstellen, was amerikanischer wäre.“

Das Video von der minutenlangen, aber offenkundig unvorbereiteten Antwort wurde noch in der Nacht zum 21. August zum Renner, bis heute ist es mehr als 44 Millionen Mal geteilt worden.

you_tube

Das andere Amerika sucht seinen Helden. Das liberale Amerika, das Patriotismus nicht wie das Amerika des Präsidenten Donald Trump mit Nationalismus gleichsetzt, sucht eine Leitfigur. Anders lässt sich der Aufstieg von Beto O‘Rourke wohl nicht erklären.

Iowa 2007!“, „Es ist wie Iowa 2007!“ Ein ältere Dame aus dem Publikum ruft in den Saal hinein, und mehrere Hundert Gäste applaudieren. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung im Konferenzzentrum von Edinburg. Es wird lauthals gelacht, hitzig diskutiert und immer wieder begeistert geklatscht: An diesem Sonntagabend ist Beto O‘Rourke in der kleinen Universitätsstadt unweit der mexikanischen Grenze zu Gast. Und so mancher Zuschauer fühlt sich an den Moment erinnert, als der damalige Senator Barack Obama im ganzen Land bekannt wurde, bei seinen Auftritten in Iowa Anfang 2007.

Einer wie alle? Auf den ersten Blick wirkt der jungenhafte Robert Francis „Beto“ O’Rourke eher unspektakulär. Quelle: Richard W. Rodriguez/AP

Auf den ersten Blick erscheint O’Rourke wie einer der vielen Politiker, die nach einigen Jahren im Repräsentantenhaus Einfluss im weitaus mächtigeren Oberhaus, dem Senat, suchen. Weil der 45-Jährige es dabei aber ausgerechnet mit dem republikanischen Schwergewicht Ted Cruz aufgenommen hat, galt er zunächst als chancenlos. Ein junger Abgeordneter der Demokratischen Partei, der im stockkonservativen Texas einen etablierten Republikaner schlagen will, der 2016 sogar als Aspirant auf das Präsidentenamt galt? Das, so hieß es noch im Sommer im Sender Fox News, sei dann doch eine Nummer zu groß.

Mittlerweile will sich jedoch kaum noch jemand auf die alten Gewissheiten verlassen. In den Umfragen rückt O‘Rourke immer näher an Cruz heran, und bei vielen Demokraten wächst die Hoffnung, dass der Überraschungskandidat es noch ganz weit bringt – vielleicht ähnlich wie Obama, der zunächst im Kongress unauffällig und oft überparteilich arbeitete und dann unerwartet die parteiinterne Präsidentschaftskandidatur gewann.

Ebenso wie Obama streitet auch der Kandidat aus Texas für ein tolerantes Amerika – ohne Grenzmauer, ohne die Ausweisung von Moslems, dafür aber mit unabhängigen und respektierten Medien.

„Sie werden uns zur Verantwortung ziehen!“

Bei seinem ersten Fernsehduell mit Cruz am vergangenen Freitagabend sprach O‘Rourke den Texanern ins Gewissen: „Die nachwachsende Generation wird uns zur Verantwortung ziehen! Später werden sie uns fragen: Warum seid ihr nicht dagegen aufgestanden, als an der Grenze Kinder von ihren Eltern getrennt wurden? Warum habt ihr nicht gegen die Spaltung der Gesellschaft protestiert, dagegen, dass in einem der reichsten Länder der Welt die Armut wächst?“ Seine Forderungen nach einer bezahlbaren, staatlich geregelten Krankenversicherung, niedrigeren Gebühren an den Hochschulen und einem liberalen Einwanderungsgesetz finden selbst in den ländlichen Regionen von Texas Applaus.

Auch an diesem Sonntagabend in Edinburg schöpfen die Menschen Hoffnung. Einige der Zuhörer sprechen nur gebrochen Englisch und freuen sich, dass der Kandidat sie in ihrer Muttersprache, in fließendem Spanisch ansprechen kann. Andere tragen breitkrempige Cowboyhüte und sind stolz darauf, dass ihre Großeltern oder Urgroßeltern ein Leben in Texas aufbauten. Gemeinsam ist ihnen der Widerwille gegen den billigen Populismus aus dem fernen Washington. Hier in Edinburg, wo das Miteinander über die Grenze zu Mexiko hinweg Tag für Tag gelebt wird, wollen sie von einem Mauerbau nichts wissen. O‘Rourke könnte in ihren Augen der Senator werden, der für sie seine Stimme im Kongress erhebt. Der Mann mit der jungenhaften Erscheinung trifft die richtige Tonlage, wenn er dem oft so geifernden Staatsoberhaupt widerspricht.

Warum die Zwischenwahlen so wichtig sind

Rund sechs Wochen vor den Zwischenwahlen in den USA haben die Menschen in Minnesota und South Dakota bereits gewählt. In beiden Bundesstaaten begann am Freitag die vorgezogene Stimmabgabe. Weitere Staaten folgen in den kommenden Tagen.

Offiziell sind die „Midterms“ am 6. November. Für die Republikaner um Präsident Donald Trump steht viel auf dem Spiel. Alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus und 35 der 100 Sitze im Senat werden neu vergeben. Außerdem finden in 36 Bundesstaaten und drei Außengebieten der Vereinigten Staaten Gouverneurswahlen statt. Derzeit kontrollieren die Republikaner beide Kammern der Legislative und halten eine deutliche Mehrheit der Gouverneurssitze.

Die oppositionellen Demokraten sind zuversichtlich, wenigstens im Abgeordnetenhaus die Mehrheit zu holen. Dafür müssten sie mindestens 24 Abgeordnete mehr stellen als bisher. Sollte ihnen das gelingen, könnten sie Trump in der zweiten Hälfte seiner Amtszeit bei wichtigen Gesetzesvorhaben behindern.

Die Republikaner wiederum fürchten angesichts der wachsenden Unbeliebtheit Donald Trumps entscheidende Verluste. Dank der guten Wirtschaftslage waren Trumps Beliebtheitswerte im Sommer auf 43 Prozent geklettert – jüngst aber sind sie auf 38 Prozent abgesackt. Viele Amerikaner fürchten einen eskalierenden Handelskrieg mit China und Europa.

Die Demokraten setzen insbesondere auf die Mobilisierung der Wähler unter 30. Nur jeder Fünfte von ihnen hat sich an den Kongresswahlen – die immer genau in der Mitte der vierjährigen Amtszeit des Präsidenten liegen – vor vier Jahren beteiligt. Die Demokraten haben deshalb einen Experten angeheuert, der die Jungen wieder für die Politik begeistern soll: Barack Obama. Der Ex-Präsident tritt vor allem an Universitäten und Colleges auf.

Vier Staaten sind im Rennen um die offenen Senatssitze besonders heiß umkämpft: Arizona, Nevada, Indiana und Florida. Im Senat haben die Republikaner nur zwei Stimmen Vorsprung – ginge dieser verloren, wäre es ein harter Rückschlag für den Präsidenten. Noch ist das Rennen offen. Erfahrungswerte zeigen aber: Je unbeliebter ein amtierender Präsident ist, desto größer sind die Verluste für seine Partei bei den Zwischenwahlen.

30 Jahre hat in Texas kein Demokrat einen Senatssitz gewonnen. Politikwissenschaftler wie Cal Jillson von der Universität Southern Methodist in Dallas halten O‘Rourke dennoch für aussichtsreich: „Er ist Texaner, er spricht ihre Sprache. Auch viele konservative Wähler vertrauen ihm und sind der Meinung, dass er einen vernünftigen Weg in die Zukunft findet.“

Noch ist es zu früh für weitreichende Spekulationen. Aber sechs Wochen vor den „Midterms“ beginnt die heiße Phase des Wahlkampfes. Die politische Landkarte verändert sich erstaunlich schnell. Während Trump in Washington die Schlagzeilen beherrscht, deuten sich außerhalb der Hauptstadt Verschiebungen an, die in führenden Kreisen der Demokratischen Partei als spektakulär bezeichnet werden.

Demokraten treten mit einer jüngeren, linkeren, bunteren Mannschaft an

Anders als in früheren Jahren tritt die Opposition mit einer überaus bunten Bewerberschar an. Viele Kandidaten sind entweder weiblich oder gehören den Minderheiten an – oder beides. So wie Jahana Hayes, eine Afroamerikanerin aus Connecticut, oder wie Ilhan Omar, eine somalischstämmige Muslima aus Minnesota. Deutlich sichtbar sind zudem mehrere Dutzend Kandidaten, die sich auf Senator Bernie Sanders berufen und die Partei weiter nach links rücken wollen.

O‘Rourke passt ebenfalls nicht so recht in das althergebrachte Bild eines Politikers, der in den Senat strebt: Beto, die spanische Kurzform seines Vornamens Robert Francis, wuchs in der Grenzstadt El Paso auf, wo „Hispanics“ die Mehrheit bilden. Seit Schülerzeiten spricht er fließend Spanisch und tritt für einen nahezu freien Grenzverkehr zwischen den USA und Mexiko ein.

Mittendrin: Beto O’Rourke tingelt im Wahlkampf auch durch abgelegenere Gegenden, nicht nur in den Großstädten wie hier in Austin. Quelle: Eric Gay/AP

Zum Image eines wenig angepassten Volksvertreters passen auch einige seiner Jugendsünden, auf die er ohne Scheu zu sprechen kommt: Als Student ließ er sich einmal auf eine leichtsinnige Mutprobe ein, brach in der Universität ein, in der er englische Literatur studierte, und wurde prompt geschnappt. Später erwischte ihn die Polizei ein zweites Mal, als er angetrunken Auto fuhr.

Dass er zur gleichen Zeit Gitarrist einer halbwegs erfolgreichen Punk-Band war, lässt in den Augen einiger Republikaner ebenfalls den Verdacht aufkommen, dass der Neuling ein unzuverlässiger Zeitgenosse sein könnte. Mitarbeiter von Ted Cruz wollten sich sogar die alten Geschichten im Wahlkampf zunutze machen und veröffentlichten kurzerhand Fotos aus den damaligen Polizeiakten, die O‘Rourke in ein schlechtes Licht rücken sollten. Doch Texas ist nicht mehr das Texas von vor 50 Jahren, und prompt hagelt es wütende Proteste – gegen Cruz. Der Versuch, den ambitionierten Jungstar zu demontieren, ging gründlich schief. Oder, wie es die „Washington Post“ formuliert: „Es war ein Rohrkrepierer. Cruz hat sich vor den eigenen Leuten blamiert.“

Eine Politik nicht gegen etwas, sondern für etwas

Anstatt parteipolitische Gegner mit alten Kamellen anzuschwärzen, setzt O‘Rourke auf andere, zeitgemäßere Methoden des Wahlkampfes. So wolle er nicht „gegen“ jemanden kandidieren, sondern „für“ etwas – für Texas.

Unter Beweis stellte er diese These bereits im Sommer 2017: Als er ebenso wie der republikanische Abgeordnete Will Hurd eilig zu einer Sitzung nach Washington reisen musste, aber sämtliche Flüge von El Paso wegen schlechten Wetters gestrichen wurden, lud er seinen Kollegen spontan ein, auf einen Mietwagen umzusteigen. Die beiden Abgeordneten nutzten die 2500 Kilometer lange Autofahrt für einen parteiübergreifenden Gedankenaustausch zu diversen Themen – und übertrugen das Gespräch live auf den sozialen Medien. Als sie nach 36 Stunden Washington erreichten, war die Zahl ihrer Zuschauer auf mehrere 10 000 angewachsen – unter ihnen Facebook-Chef Mark Zuckerberg.

Spenden? Bitte nicht von Lobbyisten!

O’Rourke, der Literaturwissenschaftler und Gründer eines IT-Unternehmens, kennt viele Wege der Kommunikation. Er beschränkt sich im Wahlkampf nicht auf Metropolen wie Dallas, Houston oder Corpus Christi, sondern tingelt durch sämtliche Landkreise des „Lone Star State“. Für Aufsehen sorgen auch seine Spendensammlungen: Im Gegensatz zu Cruz lehnt O‘Rourke, der in eine schwerreiche Familie in El Paso eingeheiratet hat, größere Zuwendungen von Unternehmen und Lobbyisten strikt ab und bittet seine Anhänger lediglich um Kleinspenden. Zugute kommen ihm da nicht zuletzt seine unkonventionellen Videos: Mal ist er beim Skateboarden auf einem Parkplatz zu sehen, mal beim Hamburgeressen in seinem großen Pritschenwagen.

Wie in den Anfangsjahren von Barack Obama geht das Konzept offenbar auf: Kongressangaben zufolge ist O‘Rourkes Wahlkampfkasse mittlerweile besser gefüllt als die des Amtsinhabers Cruz.

Von Stefan Koch

Seit dem Ausstieg der USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran ist das Verhältnis der beiden Länder stark belastet. Die EU steht dazwischen – und geht nun in der Iran-Frage auf Konfrontation mit Trump.

25.09.2018

Die US-Botschafterin bei den Vereinten Nationen ist für viele Regierungen Trumps zweite Außenministerin. In diesen Wochen aber haben moderate Kräfte wie Nikki Haley in Washington einen schweren Stand. Eine Nahaufnahme.

25.09.2018

Neue Nötigungsvorwürfe setzen Brett Kavanaugh unter Druck. In einem TV-Interview bestreitet er erneut die Vorwürfe und schließt einen Rückzug aus.

25.09.2018