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Im Interview

Andres: „Sarrazin nicht zum Märtyrer machen“

Integration, Bildung und die Kluft zwischen politischer Elite und der Bevölkerungsmehrheit: HAZ-Redakteur Daniel Alexander Schacht sprach mit Gerd Andres. Er ist der Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft.
Gerd Andres, Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft.

Gerd Andres, Präsident der Deutsch-Türkischen Gesellschaft.

© Jana Striewe (Archiv)

Thilo Sarrazin vertritt unhaltbare sozialdarwinistische Positionen – und findet viel Rückhalt. Wie erklären Sie sich das? Sind viele Deutsche etwa Sozialdarwinisten?
Nein. Aber die Vorurteile, die Sarrazin äußert, sind mir als Politiker aus vielen Gesprächen vertraut – etwa wenn eine Seniorin vorschlägt, die Renten statt des Kindergelds zu erhöhen, weil das sowieso nur zu mehr Türken führe. Diese Klischees sind sehr fest verankert, und daran knüpft Sarrazin an.

Politiker – von Kanzlerin Merkel bis zu SPD-Chef Gabriel – verteufeln Sarrazins Ansichten jetzt als „dämlich“ oder „indiskutabel“. Ist es weise, die Debatte mit einem Tabu belegen zu wollen?
Die Spaltung des Meinungsbilds zwischen offiziellen Volksvertretern und der sogenannten schweigenden Mehrheit führt das Konfliktpotenzial vor Augen. Es gibt keinen anderen Weg, als alle Bedenken der Bevölkerung konkret aufzugreifen und offen auszutragen. Mit einer bloßen Abgrenzung von Sarrazin, wie sie jetzt vom Bundespräsidenten bis zur SPD-Spitze zu beobachten ist, lässt sich den dahintersteckenden Ängsten vor Islam und Überfremdung und der damit einhergehenden Intoleranz nicht begegnen.

Nun sind Migranten tatsächlich häufiger arbeitslos, bildungsfern und kinderreich. Wo sehen Sie die Ursachen jenseits der abseitigen Genetikthesen Sarrazins?
Mit den Genen hat das nichts zu tun. Es liegt einfach daran, dass viele Zuwanderer aus bildungsfernen Schichten stammen und die Integration auf beiden Seiten zu lange nicht ernsthaft betrieben wurde – auf deutscher Seite fehlten lange Zeit die Integrationsangebote, vonseiten der Zuwanderer fehlt zu oft noch die Bereitschaft, diese Angebote anzunehmen.

Schon als Mitglied der Deutsch-Türkischen Parlamentariergruppe war Ihnen die Problematik vertraut. Hat das Bundesarbeitsministerium während Ihrer Amtszeit als Staatssekretär besondere Akzente bei der Integration gesetzt?
Rot-Grün hat massiv in diesen Bereich investiert, mit Arbeitsförderungs- und Ausbildungsprogrammen, mit der Werbung um Ausbildungsplätze gerade für Migranten. Aber damit setzen wir natürlich zu spät an. Wichtiger ist die Frühförderung, der Kita- oder besser schon der Krippenplatz. Denn Integration gelingt umso besser, je früher sie beginnt.

Wie lässt sich die Kluft zwischen politischer Elite und der Bevölkerungsmehrheit schließen? Oder droht da Platz für eine neue populistische Partei zu entstehen?
Ich hoffe nicht – aber ich muss zugeben: Mir bereitet diese Diskussion Sorgen. In jeder Debatte um einen Moscheeneubau sind dieselben Muster von Ablehnung und Intoleranz zu spüren. Wir müssen Defizite tabulos erörtern, den Diskussionsbedarf erfüllen, ohne Sarrazins Sozialdarwinismus zu billigen – aber auch ohne Sarrazin so zu verteufeln, dass er für manche dadurch zum Märtyrer wird.

Interview: Daniel Alexander Schacht


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