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Deutschland / Welt Angeklagt mit 85 Jahren – Warum Frau Millgramm klauen geht
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12:07 10.04.2019
„Ich kann nicht erklären, wie Sahnesteif in meinen Wagen kam“: Ingrid Millgramm ist am Dienstag zu vier Monaten Haft verurteilt worden. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Memmingen

Auch im Rollstuhl bewahrt Ingrid Millgramm Haltung. Als sie in den Verhandlungssaal des Landgerichts Memmingen gebracht wird, trägt sie ein orangerotes Jackett mit Goldknöpfen, farblich passenden Lippenstift, das blondierte Haar ist frisch frisiert. Ingrid Millgramm ist wohl das, was man eine elegante ältere Dame nennt.

Sie steht an diesem Dienstag zum wiederholten Mal vor Gericht. Wegen Diebstahls. Die 85-Jährige aus Bad Wörishofen im Unterallgäu klaut in Supermärkten. Nicht, weil sie einem inneren Zwang folgt. Das bestätigt ein Gutachten – sondern weil sie arm ist. Jedenfalls gibt sie das selbst an. Und wer in ihre Geschichte hineinschaut, hält es zumindest für möglich, dass die alte Dame oft gestohlen hat, weil sie einfach Hunger hatte.

Altersarmut in Deutschland hat viele Gesichter. Und wird allzu oft äußerlich gut versteckt.

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Ingrid Millgram saß schon einmal im Gefängnis. Wegen 84,65 Euro, zusammengekommen aus lauter kleinen Summen. Geld, das Ingrid Millgramm nicht hatte, als sie etwa im Frühjahr 2013 ein Pfund Hackfleisch in ihrem Korb versteckte, das sie sich nicht leisten konnte. Oder als sie im Juni 2014 ein paar Tütensuppen und eine Flasche Rum mitgehen ließ. Später waren es eine Gesichtscreme, Puder und Mascara, die sie stahl.

Für die Summe ihrer Diebstähle im Gesamtwert von 84,65 Euro hat das Amtsgericht Memmingen die Rentnerin 2017 zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach 55 Tagen wurde sie damals kurz vor Weihnachten vorzeitig entlassen.

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Sie stahl wieder im Supermarkt, noch während der Bewährungszeit. Wieder wurde sie verurteilt, zu vier Monaten Haft ohne Bewährung. Ein Gnadengesuch beim bayerischen Justizministerium blieb erfolglos. Um jenes Urteil geht es nun am Landgericht.

Das letzte Bedürfnis: Altern in Würde

Eine Seniorin, deren Rente nicht für das Nötigste reicht; eine Rentnerin, die viele Jahre gearbeitet hat und ihren Lebensabend trotzdem nicht allein stemmen kann; Ingrid Millgramm steht für ein wachsendes Problem dieser Gesellschaft: Altern in Armut. Und sie steht für das letzte Bedürfnis einer ganzen Generation: Altern in Würde.

Die finanzielle Not im Alter nimmt zu:

Der 85-Jährigen sieht man ihr leeres Portemonnaie nicht an. Im Gegenteil, ihr Leben ist prall gefüllt mit Habseligkeiten, die von besseren Zeiten erzählen: die goldenen Ohrringe, die sie häufig trägt, die eleganten Tweedkostüme, die feinen Blusen. Auch die 70-Quadratmeter-Wohnung am Rand von Bad Wörishofen wahrt den Schein von der wohlhabenden Witwe, die zwischen Mahagoniholzkommode und Kronleuchtern residiert.

Aber Ingrid Millgramm lebt von einer Minirente, Grundsicherung und Wohnhilfe. Und hat nach allen Abzügen weniger als 100 Euro im Monat zur Verfügung.

Bloß nicht zum Amt – aus Scham und Stolz

Rund 550.000 Rentner in Deutschland beziehen laut Statistischem Bundesamt Grundsicherung, das sogenannte Hartz IV der Alten. 2003 waren es noch halb so viele. Die Zahl der Senioren, die ihre Rente mit Grundsicherung aufbessern, steigt seit Jahren. Die Zahl derjenigen, denen diese Sozialhilfe im Alter zustünde, ist noch besorgniserregender. Viele stellen erst gar keinen Antrag. Aus Scham, aus Stolz oder schlicht aus Unwissenheit.

Armutsforscher gehen davon aus, dass auf jeden Antragsteller bis zu zwei Rentner kommen, die keine Grundsicherung in Anspruch nehmen, obwohl sie dazu berechtigt wären. „Und gemessen an der offiziellen Armutsschwelle gibt es heute bereits 2,5 Millionen Menschen über 65 Jahre, die unter diese Grenze fallen“, sagt Stefan Sell, Professor für Volkswirtschaftslehre und Sozialpolitik an der Hochschule Koblenz. „Aber die große Welle kommt erst noch.“

Für die nächsten zehn bis 15 Jahre sagt Sell einen massiven Anstieg der Altersarmen voraus. Das betreffe vor allem Rentner in Ostdeutschland; Menschen mit zerschossenen Erwerbsbiografien, Menschen aus dem Niedriglohnsektor, mit mickrigen gesetzlichen Renten, ohne zusätzliche private Vorsorge oder andere Einkünfte im Alter.

Gleichzeitig wächst die Zahl der wohlhabenden Rentner. „Die Polarisierung ist groß“, sagt Armutsforscher Sell. „Den Bedürftigen stehen immer mehr Senioren mit guten gesetzlichen Renten gegenüber, Menschen, die vorgesorgt haben, Vermögen gebildet haben, Eigentum besitzen und keine Mieten zahlen müssen.“ Diejenigen, die kein Eigentum haben, treffe es doppelt: „Die deutlich steigenden Wohn- und Mietkosten werden für Ältere zum Armutsrisiko Nummer eins.“

Frauen sind überdurchschnittlich oft betroffen

Armut im Alter, das trifft überdurchschnittlich viele Frauen. Frauen, die sich in den Sechziger- und Siebzigerjahren an das gängige Ehemodell gehalten haben: der Mann voll berufstätig, die Frau für die Kinder zu Hause. Wiedereinstieg höchstens in Teilzeitarbeit, häufig im Niedriglohnsektor. Es trifft Frauen, die ein Leben weit entfernt von der Armutsgrenze führten, deren Haushaltseinkommen stets nach dem gutverdienenden Ehemann berechnet wurde. Frauen wie Ingrid Millgramm aus Bayern.

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Millgramm, gelernte Maßschneiderin, geboren 1933 in Wuppertal, Nordrhein-Westfalen, heiratet zweimal. Ihr erster Ehemann, Besitzer einiger Tabakläden und Zigarettenautomaten, stirbt an Leukämie und hinterlässt ihr 285.000 Mark Schulden, ein Insolvenzverfahren und jede Menge Ärger mit den beiden gemeinsamen Töchtern. Kontakt haben Mutter und Töchter nicht.

Ihr zweiter Ehemann, ein Großhändler aus Bayern, ermöglicht ihr ein gutes Leben, ein Haus in München, teure Möbel, Reisen und schicke Autos. Doch vom Luxus bleibt nicht viel übrig. So erzählt es Ingrid Millgramm dem „Spiegel“ im Sommer 2018. Ihr Mann habe das in den USA angelegte Vermögen durch den Börsencrash nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 verloren. Als er drei Monate später stirbt, ebenfalls an Krebs, hinterlässt er ihr 380 Mark Witwenrente im Monat. Ingrid Millgramm veräußert einiges, behält vieles, zieht zunächst in eine 150-Quadratmeter-Wohnung und halbiert ihren Wohnraum schließlich.

Rentner wollen Grundrente – aber nur mit Prüfung

Fast die Hälfte der deutschen Rentner (46 Prozent) fühlt sich in ihrer Lebensleistung nicht genug gewürdigt. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Insa im Auftrag der „Bild“-Zeitung. Nur 25 Prozent der befragten Senioren in den ostdeutschen Ländern meinten, dass ihre bisherige Leistung von der Gesellschaft anerkannt werde. Im Westen lag dieser Wert bei 36 Prozent. Mit der Rentenpolitik der Bundesregierung ist jeder zweite Rentner unzufrieden, nur 19 Prozent sind völlig einverstanden damit. Abhilfe kann nach Meinung von 65 Prozent der heutigen Rentner eine Grundrente schaffen. Bedingungslos aber dürfe diese nicht gewährt werden. Die Bedürftigkeit müsse verpflichtend überprüft werden, meinen 59 Prozent der Befragten. Die bisherigen Pläne der SPD für eine Grundrente sehen keine Prüfung vor, wie hoch das gesamte Haushaltseinkommen ist und ob damit ein Anspruch auf Grundrente vorliegt. Nur 31 Prozent halten das für richtig.

Wenn Seniorinnen ihre Männer und damit ihren Lebensstandard verlieren, ist Würde oft das, worin sie noch investieren. „Frauen bleiben häufig in ihren zu großen Wohnungen“, sagt Armutsforscher Sell, „dieser Lebensraum ist für sie existenziell.“ So erklären Experten auch den Teil armer Rentner, die auf ihre Grundsicherungsansprüche verzichten. Viele meldeten sich nicht beim Amt, weil sie fürchten, ihre Wohnung, ihr letzter Luxus, könnte ihnen dann weggenommen werden.

Auch Ulrich Schneider vom Paritätischen Gesamtverband Deutschland bestätigt das Phänomen. „Das Nichtbeantragen von Hilfe hat viele Gründe. Zum einen ist da große Scham, am Ende seines oft erwerbstätigen Lebens als Verlierer zu gelten, als jemand, der auf den Staat angewiesen ist“, sagt Schneider. „Zum anderen spielt die Angst vor Ämtern eine Rolle, die schlichte Überforderung mit Bürokratie.“ Ältere Menschen müssten an die Hand genommen werden, doch genau da liegt ein weiteres Problem. Viele Anknüpfungspunkte fallen heutzutage weg, natürliche Kontrollmechanismen fehlen: „Früher kam der Kirchenblattkassierer oder der Geldbriefträger regelmäßig ins Haus, und spätestens, wenn die Oma drei Tage nicht im Supermarkt gesehen wurde, fragte die Kassiererin, ob man mal bei ihr klingeln sollte.“

Letzte Station Tafel: Der Anteil der Senioren, die auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind, wächst rapide. Quelle: Daniel Karmann/dpa

Dass Ältere gar nicht oder erst spät um Hilfe bitten, erleben auch die Tafeln. Oft erfahren die Einrichtungen nur durch Angehörige, wie schlimm die Situation wirklich ist, heißt es beim Gesamtverband der Tafeln. Von den 1,5 Millionen Bedürftigen, die auf Lebensmittel der Tafeln angewiesen sind, ist etwa jeder vierte Rentner. Viele aber kämen erst gar nicht dorthin, so die Tafeln.

Ingrid Millgramm sagte vor Gericht, dass sie das Essen der Tafel nicht vertrage. Womöglich aber ist es der Weg dorthin, den sie nicht erträgt. „Sie ist eine Frau, die arm ist, die krank ist, die alt ist. Die versucht, sich etwas Würde zu behalten“, sagte ihre Pflichtverteidigerin Anja Mack einer Lokalzeitung. Frau Millgramm stahl Fleisch, Gemüse und Tütensuppen, später auch Kosmetika. Die Armut nicht spüren, innerlich wie äußerlich, beides ist ihr menschliches Grundbedürfnis. Aus schlechtem Gewissen führt die Seniorin Buch, über jeden einzelnen Artikel, den sie über die Jahre stahl.

Ingrid Millgramm führte Buch über ihre Diebstähle. Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Um Kosmetik und Lebensmittel im Wert von 17,63 Euro ging es in der Verhandlung am Dienstag. Diese Dinge will die Rentnerin aber nicht gestohlen haben. „Ich kann nicht erklären, wie Sahnesteif und Haarklammern in meinen Wagen kamen. Ich nutze das nicht“, sagte sie zu Beginn der Sitzung. Mehrere Zeugen aber belasteten sie. Am Ende bestätigte das Gericht das Urteil aus erster Instanz: Ingrid Millgramm muss für vier Monate in Haft, ohne Bewährung. „Immer wieder probiert die Angeklagte, sich die Sache schönzureden, dass sie aus Hunger Nahrung geklaut hat. Aber es wurde auch Kosmetik geklaut“, sagte der Staatsanwalt in seinem Plädoyer.

Armut bis ans Lebensende

Ältere Arme stehlen nicht freiwillig, glaubt Ulrich Schneider. „Es ist zum Fremdschämen, was da passiert.“ Die Grundsicherung sei im Prinzip eine Variante von Hartz IV, aber noch schlechter, „bei den Betroffenen wird ja selbst die Rente voll angerechnet und die Lebensleistung wird in keiner Weise anerkannt“.

Die von Bundesarbeitsminister Hubertus Heil geplante Grundrente gehe in eine gute Richtung. Doch sie soll nur für Menschen mit 35 Jahren unterbrochener Erwerbstätigkeit gelten. Wer hat das heute schon? Der Paritätische Gesamtverband fordert eine Grundrente ab 25 Beitragsjahren, plus zusätzliche Freibeträge. Das Thema soll auf dem Armutskongress am heutigen Mittwoch in Berlin mit Vertretern der Politik diskutiert werden. „Dass das Land mit diesem Problem nicht fertigwird, ist ein Trauerspiel“, sagt Ulrich Schneider. „So gilt Altersarmut leider bis ans Lebensende.“

Von Julia Rathcke

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