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Deutschland / Welt Afrika will Tempo machen
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07:00 30.11.2017
Auf in die Zukunft zu Hause – oder möglichst schnell weg? Afrikas junge Generation steht vor der Entscheidung. Quelle: AFP
Abidjan/Kazungula

Auf den ersten Blick hat die Szene etwas Verträumtes. Es wird Abend im Grenzland zwischen Sambia und Botswana. Gemächlich lehnt sich die Sonne immer weiter zurück in den Horizont. Jeff, der Trucker, steht unten am blinkenden Sambesi-Fluss und wartet auf die Fähre.

Ja, so ist Afrika, denkt das der Europäer und atmet tief aus. Der Kontinent hilft bei der Entdeckung der Langsamkeit.

Jeff allerdings wäre gern sehr viel schneller unterwegs. Nur jede Viertelstunde schippert die Fähre einen, höchstens zwei Lastwagen über den Fluss. Diesmal hat er noch Glück gehabt: Er musste nur zwei Tage in der Schlange stehen. Oft waren es noch viel mehr.

In der Grenzstadt Kazungula, dort, wo die Fähre anlegt, treffen vier Länder aufeinander: Sambia, Zimbabwe, Namibia und Botswana. Vier Länder der Southern African Development Community (SADC), die jetzt dank einer neuen Zollunion und dank eines neuen Abbaus auch anderer Handelsbeschränkungen den freien Austausch von Waren vorantreiben. „Aber was nützt das alles“, sagt Truckerfahrer Jeff, „wenn ich mit meinem Lkw manchmal zwei Wochen hier stehe und warte, um 400 Meter Fluss zu überqueren?“

“Was nützt der freie Handel, wenn ich mit meinem Lkw manchmal zwei Wochen hier warte, um 400 Meter Fluss zu überqueren?“ Truckerfahrer Jeff in Sambia. Quelle: privat

Es gibt viele solcher Nadelöhre, überall auf dem afrikanischen Kontinent. Der politische Wille ist da – doch fehlende Brücken, Straßen, Eisenbahnverbindungen, Flughäfen bremsen den groß angesagten Neubeginn immer wieder aus.

In Kazungula, immerhin, ist Abhilfe in Sicht. Hundert Meter neben der Auffahrt zur Fähre entsteht derzeit eine neue Auffahrt – die zur Kazungula Bridge. Einer 220 Millionen Euro teuren Brücke. Seit 2014 ist sie schon im Bau, bald soll sie fertig sein. Die Auflösung des sinnbildlichen Lastwagenstaus rückt endlich näher.

Finanziert wird das Projekt von Sambia und Botswana – und der südkoreanische Konzern Daewoo setzt den Bau um.

Europa hinkt Asien hinterher

Südkorea? Auch das ist sinnbildlich: Europäische Firmen sind mit Investitionen in Afrika relativ zurückhaltend. Ganz im Gegensatz zu asiatischen, vor allem chinesischen Privatinvestoren.

Laut einer Studie der Beratungsfirma McKinsey engagieren sich inzwischen allein 10 000 chinesische Unternehmen auf dem afrikanischen Markt, aus Deutschland sind es gerade um die tausend. Das ist der deutschen Regierung zu wenig.

Gerd Müller, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit, spricht von einer Ära, in der die Deutschen und die Europäer vielleicht gerade die entscheidende Investition des 21. Jahrhunderts verschlafen: „Afrika ist der Wachstums- und Zukunftsmarkt vor der Haustüre Europas. Wir können und sollen diesen Zukunftsmarkt nicht den Chinesen, Russen und Türken überlassen. Die Afrikaner bauen auf Deutschland und Europa.“

Ob „die Afrikaner“ das auch so sehen, ob sie wirklich auf Europa bauen, ist nicht ganz so eindeutig belegt. Sicher aber ist: Man braucht einander.

Die Verbindung: Junge Leute

Die EU und der größte afrikanische Staatenbund, die Afrikanische Union (AU), haben ein gemeinsames Interesse: junge Leute. Die einen wollen, dass sie bleiben. Die anderen wollen, dass sie nicht kommen. Und wenn doch, dann bitte nur in einem geregelten Verfahren.

Gestern Abend saßen 50 Staats- und Regierungschefs aus der EU und aus Afrika in Abidjan zusammen, der Hauptstadt der Elfenbeinküste. Es ging, natürlich, um Geschäfte. Doch diesmal ging es auch um mehr.

Wenn die Stimmung endgültig kippt in den Staaten Afrikas, werden noch viel mehr Menschen als bisher sich aufmachen, ihr Glück im nahen Europa zu suchen. Nicht nur die Drangsalierten werden dann kommen, sondern die breite Masse, junge Leute vor allem aus den halbwegs mobilen, gut informierten Schichten der afrikanischen Städte.

Die Bevölkerung wächst – und damit der Druck für junge Menschen, an anderen Orten der Welt ihr Glück zu suchen. Quelle: RND-Grafik

„Wir reden hier nicht über Tausende, Hunderttausende, die migrieren wollen, sondern über Millionen oder zehn Millionen oder noch mehr“, sagt der Afrika-Beauftragte der Kanzlerin, Günter Nooke.

Der sogenannte Migrationsdruck wächst nach Darstellung von Fachleuten von Jahr zu Jahr:

70 Prozent der afrikanischen Jugendlichen, also 64,4 Millionen Männer und Frauen, leben derzeit trotz eines Jobs in extremer oder relativer Armut.

Bis 2050 wird sich die Bevölkerung Afrikas auf 2,5 Milliarden Menschen mehr als verdoppeln.

Das Problem der Jugendarbeitslosigkeit wird immer drängender. Laut Weltbank sind schon jetzt rund 60 Prozent der Menschen in Afrika jünger als 25, für sie und die nachfolgende Generation müssten 18 bis 20 Millionen Arbeitsplätze bis 2035 geschaffen werden, Ausbildungsplätze, Studienplätze, kurz: eine Zukunft. Nur wie soll das gehen?

Es gibt keine Patentlösung

Helfen sollen jetzt die jüngst gestartete „Investitionsoffensive“ für Afrika, Partnerschaftsverträge mit G-20-Staaten und neue Nachbarschaftsprogramme der EU. Nie zuvor haben die Staaten des Nordens so viele Milliarden gleichzeitig für Afrika mobil gemacht.

Das Problem ist nur: Es gibt für Afrika keine Patentlösung. Die 55 Staaten des Kontinents sind viel zu unterschiedlich. Staaten wie Somalia, Nigeria oder Mali kämpfen mit islamistischem Terrorismus. Der Kongo droht angesichts von Rebellionen auseinanderzubrechen. Südafrika, Kenia, Ghana und die Elfenbeinküste sind wirtschaftlich aufstrebende Schwellenländer, Südafrika ist sogar Mitglied bei den wirtschaftlich einflussreichen G-20-Staaten.

Aus dem Dilemma entstand die Idee der Reformpatenschaften. Jedes europäische Land soll sich auf zwei afrikanische Staaten konzen­trieren und langfristig Investitionsbündnisse etablieren. Weg also von der Hilfe „nach dem Gießkannenprinzip“ hin zu privatwirtschaftlichem Engagement.

„Es kann nicht nur ums Geld gehen“

In Abidjan beraten mehr als 50 Staats- und Regierungschefs aus der EU und Afrika. Der Gipfel steht unter dem Motto: „Investieren in die Jugend – für eine nachhaltige Zukunft“. Die EU-Staaten vermeiden aber konkrete Finanzzusagen. „Es kann nicht sein, dass die EU immer wieder Geld auf den Tisch legt“, sagt Günter Nooke, Afrika-Beauftragter der Kanzlerin. „Es geht um eine echte politische Partnerschaft zwischen Afrika und Europa. Da kann es nicht nur ums Geld gehen.“ EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker spricht aber davon, den Externen Investitionsplan der EU mit 4,1 Milliarden Euro zu füllen. Diese sollen bis 2020 Investitionen in Höhe von 44 Milliarden Euro in afrikanischen Ländern auslösen.

Am Vorabend des EU-Afrika-Gipfels haben sich deshalb schon mal europäische und afrikanische Wirtschaftsführer in Abidjan getroffen. Und schnell wurde klar, dass es durchaus unterschiedliche Vorstellungen von dem gibt, was jetzt gebraucht wird.

Der europäische Investitionsplan nimmt sich vor allem erneuerbare Energien und zuverlässige Infrastruktur vor – und konzentriert sich ansonsten auf die Finanzierung von „Mikrogeschäften“ wie Nähereien, Gartenbau oder Dienstleistungen sowie kleine und mittlere Unternehmen. Klassische Felder der Armutsbekämpfung also.

Akinwumi Adesina, Präsident der Afrikanischen Entwicklungsbank, hält dagegen: „Wir können nicht immer damit weitermachen, die Menschen für die Jobs von gestern auszubilden. Wir brauchen Training für die Jobs der Zukunft – Computerwissenschaften, Robotertechnik, digitale Technologien.“

Doch während die einen weit vorspulen in die Zukunft, verpassen andere dem Kontinent immer wieder Rückschläge. Dieser Tage lebte das alte Gespenst der Sklaverei wieder auf. Und der Vorwurf, dass Europa indirekt mitverantwortlich sei.

Sklavenhandel mit Flüchtlingen?

Der US-Sender CNN verbreitete grausige Bilder: Kopfüber wie Schlachtvieh hängen drei junge Afrikaner auf offener Straße mit gefesselten Füßen an einem Fenstergitter. Einem anderen hält der libysche Peiniger einen Revolver an die Schläfe. Andere Opfer haben Wunden am ganzen Körper oder liegen gefesselt am Boden, während Milizionäre in frisch gebügelten Tarnuniformen sie mit Stiefeln traktieren.

Es ist ein grobkörniges Handyvideo, das angeblich zeigt, wie Migranten aus Afrika für 400 Dollar als Sklaven verkauft werden. Nun soll sich der UN-Sicherheitsrat damit beschäftigen. Die Bundeskanzlerin, die sich für ein Flüchtlingsabkommen mit Libyen nach dem Vorbild des EU-Türkei-Abkommens eingesetzt hat, kommt bei ihrer Ankunft in Abidjan ohne Umschweife darauf zu sprechen: „Der Verkauf von jungen Männern als Sklaven in Libyen hat hier eine hohe emotionale Bedeutung“, sagt Angela Merkel. Für die Kanzlerin „ergibt sich daraus ein gemeinsames Interesse, die illegale Migration zu beenden“.

Auf dem Weg zu neuen Bündnissen: Bundeskanzlerin Angela Merkel mit Joan Goncalves Lourenco, dem Präsidenten von Angola, beim Gipfel in Abidjan. Quelle: dpa

Der Präsident der Elfenbeinküste, Alassane Quattara, stimmt zu: „Wir brauchen Regeln für die legale Migration, das kommt allen zugute.“ Den afrikanischen Politikern schweben neue, großzügige Vereinbarungen für junge Menschen vor, die in der EU berufliche Qualifikationen erwerben – und diese dann nach einer angemessenen Zeit zu Hause einsetzen.

Wie so etwas funktioniert, zeigt das kleine Ruanda im Osten Afrikas. Gezielt hat der Staat junge Talente gefördert und auch im Ausland ausbilden lassen. Jetzt sind sie die treibende Kraft hinter einem beispielhaften Wirtschaftsaufschwung. In der Hauptstadt Kigali sind freie drahtlose Internetverbindungen in den Restaurants und Cafés eine Selbstverständlichkeit, die Einschulungsrate der Kinder liegt bei 99 Prozent, das Straßensystem ist zuverlässig ausgebaut. Ruanda hat wenig Rohstoffe und investiert deshalb umso mehr in Bildung – mit dem Ziel, regionaler Spitzenreiter bei Informationstechnik zu werden.

Gedreht hat sich neben den Wachstumsraten mittlerweile auch die Stimmung. Auf den europäischen Listen der Herkunftsländer von jungen Flüchtlingen aus Afrika taucht Ruanda nirgends auf.

Von Alexa von Busse, Detlef Drewes und Ansgar Haase

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