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Panorama Warum wir Optimismus neu lernen müssen
Nachrichten Panorama Warum wir Optimismus neu lernen müssen
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10:56 22.04.2018
Früher war alles besser? Warum die Verklärung der Vergangenheit uns daran hindert, die Zukunft zu gestalten. Quelle: iStockphoto
Hannover

Zukunft. Lange Zeit hatte dieses Wort einen positiven Klang. Wer von Zukunft sprach, meinte immer auch Fortschritt. Zukunft, Zuversicht und Hoffnung gingen Hand in Hand, stets mit Aussicht auf bessere Zeiten.

Heute dagegen häufen sich Hinweise auf eine neue Düsternis. Mitunter sind es nur diffuse Bemerkungen: irgendwann im Laufe eines Partygesprächs, eines Waldspaziergangs, einer Debatte über Welt und Umwelt. Da ist dann auf einmal von Trump die Rede, von Syrien, von Nordkorea oder von unerkannter Überwachung durch Datenkonzerne. Und dann fallen Sätze wie: “Ganz ehrlich, ich seh’ schwarz für die Zukunft.“ Oder: “Inzwischen habe ich echt Bammel vor dem, was da noch alles kommt.“

Eine Umfrage des britischen Sozialforschungsinstituts Ipsos Mori bestätigt die Dominanz des Negativen. In der Erhebung in 24 Nationen sagen lediglich 13 Prozent der Befragten, dass die Welt in Zukunft besser wird. Deutschland liegt mit 7 Prozent optimistischer Zukunftserwartung am unteren Ende der Skala. 67 Prozent der befragten Deutschen rechnen damit, dass die Welt schlechter wird. Fazit: Am besten bleibt alles so, wie es ist. Jedenfalls aus deutscher Sicht.

Die Angst vor Krieg kehrt zurück

Wir leben, keine Frage, in komplizierten Zeiten. Wirtschaftswissenschaftler warnen vor sozialen Problemen und Ungleichheit infolge der Automatisierung und Digitalisierung, Sicherheitsexperten vor Waffen aus dem 3-D-Drucker. Die Verschmutzung der Meere nimmt zu, das Eis an den Polen schmilzt.

Schlimmer noch: Angesichts einer weltweiten Kraftmeierei der großen Mächte kehrt ein Gefühl zurück, das wir lange nicht mehr kannten: Kriegsangst. Dazu kommt die Furcht vor Terroranschlägen. Nicht zu vergessen künstliche Intelligenz – ein Themenfeld, das vielen ebenso undurchschaubar wie gefährlich erscheint.

In den Fabriken rotieren immer mehr Roboterarme, in den Wohnungen sind auch bei Alleinstehenden immer mehr Gespräche zu vernehmen, sie reden mit ihren Computern und Haushaltsgeräten. Was, fragen sich viele, ist das für eine Zukunft, die da Gestalt annimmt? Passe ich da am Ende überhaupt noch hinein?

Die Zukunft gestalten, nicht erdulden

Viele verdrängen die kommenden Themen mit der Haltung der drei Affen: nichts sehen, nichts sagen, nichts hören. Andere verfallen in eine Angststarre und warten reglos ab, was passiert.

Dabei ist jetzt die Zeit gekommen für ein neues Ja zur Modernisierung. Ja, wir können unser Leben und das unserer Mitmenschen besser machen. Ja, die neuen Techniken können uns dabei helfen. Und ja, dabei kann ein Fortschritt herauskommen, der diesen guten alten Namen wirklich verdient – wenn wir es denn schaffen, Innovation und Gerechtigkeit zu kombinieren.

Der allererste Schritt liegt darin, dass wir uns einen Ruck geben und sagen: Wir wollen die Zukunft nicht nur erdulden, wir wollen sie gestalten. Der dänische Philosoph Sören Kierkegaard hatte recht: Das Leben muss zwar rückwärts verstanden werden. “Aber darüber vergisst man den anderen Satz, dass vorwärts gelebt werden muss.“

Immer neue Warnungen in immer engerem Takt

Es dauerte bis zur Frühen Neuzeit, manche sagen, sogar bis zu Aufklärung, bis der Mensch begriff, dass nicht alles, was geschieht, gott- oder naturgegeben ist. Der Mensch, das war anfangs ein ungeheuerlicher Gedanke, konnte ins Kommende eingreifen. “Die Zukunft der Menschheit“, sagt der Historiker Lucian Hölscher, “wurde gewissermaßen aus dem Jenseits ins Diesseits hineingezogen.“

Verlieren wir jetzt die dazu nötige Kraft? Lassen wir die leuchtende Fackel der Würde, der Freiheit und der Selbstbestimmung sinken? Dann droht uns, allen modernen Technologien zum Trotz, eine Rückkehr ins Mittelalter.

Computergestützte Herrschaftssysteme und Roboterwelten lassen sich mühelos auch ohne Freiheit und Demokratie denken. Romane, Kinofilme und Serien quellen längst über vor Geschichten dieser Art. Die Dystopie malt als dunkle, pessimistische Schwester der Utopie ein düsteres Bild der Zukunft. George Orwells “1984“ und Aldous Huxleys “Schöne neue Welt“ waren weltberühmte erste Mahnungen auf dem Weg in die Moderne. Inzwischen sieht man am Wegesrand immer neue, immer ernstere Warnungen, in immer engerem Takt.

Optimismus im Vergleich: Nur sieben Prozent der Quelle: RND

Im Mittelpunkt von Dave Eggers’ Roman “The Circle“ steht eine mächtige Internetfirma, die durch umfassende Überwachung soziale Kontrolle erzeugt. Marc-Uwe Klings “Qualityland“ entführt den Leser in eine Zukunft, in der die Menschen nach Sozialpunkten kategorisiert werden, in der die Algorithmen alles, wirklich alles, über die Bewohner von Qualityland wissen und in der eine Superintelligenz versucht, nach der politischen Macht zu greifen.

In Omar El Akkads “American War“ werden die Vereinigten Staaten von einem Bürgerkrieg zwischen dem “blauen“ Norden und dem “roten“ Süden beherrscht, Millionen sind auf der Flucht, eine Einzelkämpferin will Rache üben. Überhaupt: Das Individuum als Einzelkämpfer, losgelöst aus der haltgebenden Gemeinschaft, ist ein wiederkehrender Plot. In Thomas Glavinics “Die Arbeit der Nacht“, in dem düsteren Will-Smith-Film “I am Legend“, in “The Book of Eli“.

Alles nur Romane und Filme? Ja, aber Erzählungen beeinflussen unser Denken und Handeln. Wer häufig düstere Bilder sieht und negative Geschichten über die Zukunft hört, wird den gesellschaftlichen und technologischen Fortschritt bedrohlich finden. “Die Projektionen unserer Zukunft“, diagnostiziert der Historiker Philipp Blom, “sind allesamt trostlos bis verzweifelt.“ Und wer redet noch von einer besseren Welt? Blom hat eine ernüchternde Antwort: “Nur Wohlfühl-Gurus, Silicon-Valley-Typen und Sektenführer.“

Nostalgie als Utopie

Utopien, positive Geschichten über das, was kommen mag, haben inzwischen Seltenheitswert. Eine der letzten großen hoffnungsvollen Gesellschaftsutopien war die US-Serie “Star Trek“, in der die Crew vom Raumschiff Enterprise versuchte, für Toleranz zu werben und am Ende stets den interstellaren Frieden wiederherzustellen. Heute blicken sogar Optimisten nicht mehr nach vorn, sondern zurück – auf eine nicht allzu weit entfernte bessere Zeit, in die man vielleicht zurückkehren könne, wenn alle sich ein bisschen anstrengen.

Ein Blick in die USA macht das deutlich: Hatte Barack Obama in seinen Wahlkämpfen noch optimistisch mit “Yes, we can“, “Hope“ und “Forward“ in die Zukunft verwiesen, will Donald Trump nicht vorwärts gehen, sondern zurückkehren zu alter Größe: “Make America great again!“ – “Macht Amerika wieder großartig“, mit diesem Satz will der US-Präsident einen Idealzustand aus der Vergangenheit in die Gegenwart und die Zukunft transportieren.

Nostalgie als Utopie. Oder wie es der Soziologe Zygmunt Bauman nennt: Retrotopia. Die ideale Zukunft erscheint im Rückspiegel: War sie da nicht gerade? Haben wir sie verpasst? Müssen wir mit quietschenden Reifen umdrehen?

Verklärung wird zur gesellschaftlichen Grundstimmung

Das Wiedererstarken des Nationalismus entspringt exakt dieser Betrachtungsweise der Welt. Früher, ohne die EU, war es doch auch sehr schön in Großbritannien, sogar schöner als heute, sagen viele ältere Briten. Mehrheitlich haben die Alten für den Brexit gestimmt, die Jungen waren mehrheitlich dagegen.

Dass Menschen mit zunehmendem Alter seufzend auf das Gute in der eigenen Vergangenheit zurückschauen und dabei vieles verklären, ist nur normal. Inzwischen aber wird daraus, wohl auch aus demografischen Gründen, eine gesellschaftliche Grundstimmung: Das Beste ist leider schon vorbei. “Das 20. Jahrhundert, das mit futuristischen Utopien begann, endete in Nostalgie“, stellt die Harvard-Literaturwissenschaftlerin Svetlana Boym fest. Doch dieser Befund beschreibt, das ist wichtig, nur Befindlichkeiten, keine Fakten.

Der Wissenschaftler Hans Rosling hatte sich den Kampf gegen Schwarzmalerei und Zukunftsangst zur Lebensaufgabe gemacht. So betonte er, dass die Kindersterblichkeit in den vergangenen 200 Jahren ex­trem zurückgegangen ist. Die Alphabetisierungsrate stieg seit 1800 weltweit von 10 auf 86 Prozent. Man muss aber gar nicht so lange Zeit zurückblicken, um Fortschritt zu erkennen: “Vor 20 Jahren lebten noch 29 Prozent der Weltbevölkerung in extremer Armut. Heute beträgt dieser Anteil 9 Prozent“, hielt der 2017 verstorbene Schwede in einem erst kürzlich erschienenen Aufsatz fest und fügte hinzu: “Wir sollten eine Feier planen! Stattdessen blasen wir Trübsal.“

Von Kristian Teetz

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