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Panorama Werden wir zum Ego-Land?
Nachrichten Panorama Werden wir zum Ego-Land?
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16:05 17.03.2018
Der Aufstieg des Egoisten zur Leitfigur unserer Gesellschaft scheint unaufhaltbar zu sein. Ich, ich, ich, klingt so der Soundtrack unserer Zeit? Quelle: iStockphoto
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Hannover

Die Hölle, das sind die anderen, schrieb Sartre einst – heute sind die anderen nicht einmal mehr die Hölle, heute sind sie uns egal. Viele Deutsche, so der Eindruck, leben vor sich hin, ganz gleich wie es dem Rest der Welt dabei geht. Die Zahl der Egoisten steigt, jeder denkt nur an sich, bei Unfällen schießen Passanten lieber Fotos als zu helfen. Der Aufstieg des Egoisten zur Leitfigur unserer Gesellschaft scheint unaufhaltbar zu sein. Ich, ich, ich, klingt so der Soundtrack unserer Zeit?

Wer all die Berichte sieht, die Klagelieder unserer Zeit hört, bekommt leicht den Eindruck, als sei das Soziale zur Nebensache geworden. Das menschliche Miteinander wird immer häufiger durch den Kontakt des Einzelnen mit seinem Smartphone und der Welt in seinem Telefon ersetzt. Entsprechend zeigt eine Umfrage des Datendienstleisters Statista, dass nur noch ein Viertel der Deutschen seinen Mitmenschen vertraut. Zumal, auch das verrät Statista, die jüngere Generation heute eh nur an sich selbst denkt.

Nächstenliebe ist nur dann eine Option, wenn sie sich rechnet. Kosten und Nutzen. Laut den “Proceedings“ der US-nationalen Akademie der Wissenschaften (PNAS) wird das heute bereits den Kleinsten beigebracht. Der Grund: Es sind die radikal Rücksichtslosen, die sich durchsetzen. Groß ist der Chor, der einstimmt in diesen Gesellschaftspessimismus. Autoren, Musiker, Künstler, Politiker, Journalisten, Facebook-Kommentierer und Facebook-Kommentare-Kommentierer.

Ichlinge oder Wirlinge

Gleichzeitig ist da ein zweiter Chor, der lautstark die Gegenthese vertritt. So schreibt beispielsweise der Mediziner und Theologe Michael Tischinger in seinem Buch “Weg der inneren Heilung“, der Einzelne stehe vor lauter Mitfühlen und Hilfsbereitsein quasi kurz vor dem Burn-Out. Das Buch warnt davor, dass es viele stets nur anderen recht machen wollen – und sich selbst dabei vernachlässigen. Denn laut Meinungsforschungsinstitut GfK sind die Deutschen auch überdurchschnittlich hilfsbereit. Sie spenden Jahr für Jahr neue Rekordsummen und Blutmengen. Entsprechend schätzen sie sich fast durchgehend als sozial ein.

Das ist verwirrend. Was sind die Deutschen denn nun? Nutzenmaximierer mit anerzogenen Scheuklappen oder selbstvergessene Weltverbesserer? Asoziale Ichlinge oder nächstenliebende Wirlinge? Und wenn es stimmt, dass die soziale Kälte immer mehr zunimmt: Wo haben sich denn bislang die Ichlinge versteckt?

Die Antwort: Sie haben sich nicht versteckt, weil es sie schlicht nicht gibt. Zumindest kaum. Sie sind eine winzige Gruppe von Menschen, die Gleichgültigkeit gegenüber anderen oder Freude an ihrem Leid verspürt. Statistisch nicht einmal messbar. Alle anderen sorgen sich um das Wohl der anderen. Und das von Geburt an.

Der Mensch ist von Grund auf sozial

Das zeigt beispielsweise ein Experiment am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig. Dort ließen zwei Wissenschaftler 18 Monate alte Babys dabei zuschauen, wie ein Fremder offensichtlich Hilfe brauchte. Dieser wollte eine Schranktür öffnen, hatte aber die Hände voll Bücher. Als den Babys dämmerte, dass der Mann es nicht allein schafft, bewegten sie sich zum Schrank und öffneten die Tür für den Unbekannten. Sie halfen. Ohne Gegenleistung. Das ist insofern bemerkenswert, als Kinder in diesem Alter noch nicht einmal zu Kosten-Nutzen-Abwägungen fähig sind.

Auch wenn diese Abwägungen später möglich sind, ist der Mensch von Grund auf sozial. Das mesolimbische System unseres Gehirns belohnt ihn sogar dafür, wenn er Gutes tut. Zwar sind die Wahrscheinlichkeiten für altruistisches Verhalten schwankend, es kommt immer auch auf die Bedingungen an, unter denen es zur Geltung kommt. Aber das ändert nichts am Grundsatz. Unzählige Experimente der Spieltheorie, der Verhaltenspsychologie und der Soziologie haben das wieder und wieder belegt.

Me, myself and I: Das laute Ichsagen haben in den Achtzigerjahren schon De La Soul besungen. Quelle: Fotolia

Zwar handeln wir nutzenmaximierend, aber eben in dem Sinne, dass wir Nutzen aus dem Wohl anderer ziehen. Daran hat sich auch in den vergangenen Jahren nichts geändert. Im Gegenteil, die Zahl der ehrenamtlich Engagierten bewegt sich laut Deutschem Freiwilligensurvey auf einem neuen Allzeithoch. Die Bereitschaft zur Flüchtlingshilfe ist nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung zudem noch immer ungebrochen. Gemeinschaftsprojekte feiern neue Konjunktur. Wir sind also sozial. Und wir nehmen uns auch so wahr, weil fast jedem das Soziale wichtig ist – ob bewusst oder nicht bewusst.

Warum also ist da dieser Chor, der das Lied über die wachsende Zahl von Egoisten singt? Warum dieses latente Gefühl des größer werdenden Egoismus? Eine Antwort mag in der zunehmenden Arbeitszeitverdichtung liegen. Heute arbeiten so viele Deutsche wie noch nie. Und das so lange wie selten zuvor. Das verändert die Wahrnehmung insofern, als die Normen der Arbeit nicht den Normen des Sozialen entsprechen.

Unsere soziale Seite leben wir zusammen mit Freunden, Bekannten oder der Familie aus; mit Fremden in der Bar, mit der Kassiererin beim Einkaufen. Nicht im Büro, auf dem Bau oder in der Schule, wo andere Verhaltensregeln und andere Hierarchien herrschen. Je mehr wir jedoch arbeiten, desto kürzer die Zeit des Sozialen, desto geringer ihre Wahrnehmung. In den wenigen Momenten des Abschaltens, auf der Fahrt von A nach B, in der S-Bahn, wo Soziales möglich wäre, sind wir froh abzuschalten, auf dem Smartphone den Stand der Dinge nachzulesen, und möglichst nicht angesprochen zu werden. Ein Egoist ist man deswegen nicht.

Immer mehr Arbeit, immer mehr Öffentlichkeit

Aber dadurch, dass die Normen der Arbeit einen Großteil des Tages bestimmen, stellt sich ein anderes Gefühl ein: Die Welt ist ein Konkurrenzkampf, ein egoistischer, gewinnorientierter Wettkampf. Anders ausgedrückt: Die Menschen sind weiterhin sozial, aber weil sie viel Zeit dort verbringen, wo Soziales weniger wert ist, überwiegt der Eindruck, alles und alle würden immer egoistischer, narzisstischer, rücksichtsloser.

Hinzu kommt eine zunehmend größere Öffentlichkeit. Durch das Internet sind wir heute nicht mehr nur konfrontiert mit einigen Freunden und noch mal ein paar Bekannten, sondern mit Hunderten und Tausenden. Zu unseren Facebook-Freunden gehört auch Britta aus Klasse elf, Biounterricht, die Affäre aus dem zweiten Semester und Menschen, deren Freundschaftsanfrage man irgendwann mal angenommen hat, bei denen man aber gar nicht genau weiß, wer sie eigentlich sind.

Da kann es leicht passieren, dass in Kommentarspalten unter Artikeln oft hassgetränkte Meinungen von Menschen stehen, die wir sonst nie um ihre Meinung gebeten hätten. Bernd aus Buxtehude, Tanja aus dem Ruhrgebiet. Unter persönliche Bilder posten Nutzer Kommentare, die wir im direkten Kontakt nie hätten hören müssen. Negative Kommentare und Meinungen stammen zwar nicht automatisch von Egoisten, aber sie erschaffen ein Klima der Kälte und des Unbehagens. Ein Klima des Nichtsozialen. Es entsteht ein Unbehagen, das durch die zunehmende Erfahrung von Polarisierung noch verstärkt wird.

Das Gefühl des Auf-sich-gestellt-Seins

Plötzlich sind da mehr Rassisten. Und mehr radikale Rassistenhasser. Mehr militante Veganer, und mehr militante Veganergegner. Menschen, die radikal und sehr deutlich ihre Meinung vertreten. Doch das heißt noch lange nicht, dass sie in ihrem direkten Umfeld weniger sozial sind als andere. Vielleicht sind diese Hasser, Gegner, Radikalen in ihrem Umfeld die nettesten Menschen, grüßen beim Bäcker und helfen, wenn beim Kollegen was schiefläuft. Liebende Wirlinge halt. Aber ihre Meinungen im Internet erzeugen trotzdem ein Klima der Kälte.

Die Pluralisierung der Gesellschaft bietet viele Freiheiten – allerdings um den Preis der Sicherheit. Heute bekommt kaum jemand mehr vorgeschrieben, welchen Beruf er ausüben, wen und ob er heiraten, was er wie konsumieren und wen er warum wählen soll. Jede dieser Entscheidungen birgt das Risiko zu scheitern. Daraus kann, warnte schon der Soziologe Ulrich Beck, ein Gefühl des Auf-sich-gestellt-Seins erwachsen. Und egal, wie gut es die Menschen um einen herum mit einem meinen: Dieses Gefühl des Allein-Seins kann in ein Gefühl des Anderen-egal-Seins umschlagen.

Soziales Handeln ist gut für das eigene Ego

Die zunehmende Arbeitszeit, die größere Öffentlichkeit, die Erfahrung von Hass im Netz und die zunehmende Eigenverantwortung – sie zusammen erzeugen ein Gefühl der sozialen Kälte. Ohne, dass dadurch alle zu Ichlingen geworden wären. Vielleicht hilft dagegen ein positiveres Menschenbild und eine andere Wahrnehmung des Menschen in der Öffentlichkeit.

Denn je mehr der Chor der Alle-sind-Egoisten-Fraktion gedeiht, desto wahrscheinlicher wird das Einsetzen einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung: Warum sollte jemand, der davon ausgeht, dass Deutschland von egoistischen Nutzenmaximieren bewohnt wird, noch den Anreiz haben, sozial zu handeln? Die Antwort ist einfach: Weil soziales Handeln gut fürs eigene Ego ist.

Von Julius Heinrichs

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